Gerettet Und doch wieder gefangen

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Kapitel 4

Gerettet und doch wieder gefangen

Olivia:

Ich spüre noch die kühle Nachtluft an meinem nackten Oberkörper.
Ich möchte losschreien und um mich schlagen, doch mein Körper ist so taub wie noch nie, gleichzeitig spüre ich jede Berührung unendlich intensiv.
Ich schalte ab. Meine Seele verlässt mich. Ich bin ein hohler Körper ohne Gedanken, ohne Schmerzen. Ein wertloses nichts.
Ich bin ein blinder Vogel der fliegt. Eine Regenwolke die im Himmel schwebt. Ein Rosenblatt im Sturm.

Ich starre in den Sternenhimmel, während meine heißen Tränen meine Wangen aufwärmen.
Ich sehe mir jeden einzelnen Stern ganz genau an.
Ich merke mir wie hell sie leuchten und welche Form sie ergeben wenn man sie verbinden würde.
Ich höre wie einer der Männer den Reißverschluss seiner Hose öffnet, der andere lässt endlich von meinem Hals los.
Ich atme tief ein ohne dass Luft in meine Lungen gelangt.

Das nächste was ich spüre sind wieder seine kalten Hände an meinem zerbrochenem Körper.
Mein Hals tut schrecklich weh und ich muss mich stark auf meine Atmung konzentrieren.
Ich merke wie der Verschluss meiner Hose langsam geöffnet wird.
Panik bricht in mir aus und ich ramme meine Fingerkuppen in den Waldboden.
Ich darf nichts fühlen. Ich muss die Sterne zählen. Wenn ich stillhalte, wenn ich es ertrage und wenn ich wieder abschalte dann wird es nicht so weh tun.

Einer der Männer packt mein Kinn und zwingt mich ihm direkt ins Gesicht zu schauen als er mich aggressiv küsst und seine Hand grob meine Brust packt.
Ich küsse ihn nicht zurück und wehre mich nicht.
Ich bin eine Statue mit Puls. Ein leeres Gemälde mit Beinen.

Ich will mir diese Demütigung nicht geben, ich will sie schlagen, ich will aggressiv werden.
Ich hätte keine Chance gegen die beiden.

Gerade als einer seine Hose öffnet, hören wir wie zwei Autos langsam den Weg entlang fahren.
Ich weiß dass es die Polizisten sind.
Die Männer blicken sich um, der eine schließt seine Hose wieder und sie rennen weg, quer durch den Wald.
Es knallen 4 Autotüren, Lichter gehen an, ich höre laute Fußschritte.
Langsam kommen vier Taschenlampen auf mich zu.

Ich bin erleichtert und so unglaublich enttäuscht.
Die Polizei wird mich wieder zurück bringen und ich werde keine zweite Chance haben frei zu kommen.
Ich packe all meine Kräfte zusammen um mein Shirt runterzuziehen.
Ich versuche mich hinzusetzen und lehne mich schwerfällig gegen einen Baum, alles ist verschwommen.
Eine der Taschenlampen prallt direkt auf mich und vier müde Gesichter sehen direkt in meins.
Ich blicke weg und spüre wie sich ihre Augen in meinen Körper bohren.
Zwei Polizisten packen mich unter den Armen und ziehen mich auf die Beine. Meine Füße schlürfen den Boden entlang bis wir bei einem der Autos ankommen. Sie setzen mich hinein, die einzige Polizistin unter ihnen redet beruhigend auf mich ein.
Ich verstehe keinen Satz. Kein Wort. Nichtmal einen Ton.
Ich merke nur wie ich zittere. Ich bin nicht mehr da.
Ich muss zurückkommen.

~~~

Ich starre aus dem Fenster und pralle bei jedem Schlagloch gegen die Scheibe.
Mein Kopf tut schon weh.
Ich hab's richtig verkackt, mal wieder. Star wird unendlich enttäuscht und sauer sein.
Ich bin ein dummes nichts.
Ich hab nicht mal 1/4 des Weges geschafft.
Warum kann bei mir nie etwas funktionieren? Ich hasse mich und mein beschissenen Leben.
Ich will mich bestrafen, ich will mich ritzen, ich will für mein Versagen leiden müssen.
Ein Polizeiauto ist nicht der richtige Ort.

~~~

Ich rutsche nervös auf meinem Stuhl in einer der vielen Räume auf dem Polizeipräsidium umher.
Ich warte ungeduldig darauf endlich befragt zu werden. Ich werde über das Geschehene weder nachdenken noch sprechen.
Es wird mir egal sein oft sie mich fragen. Mein Mund wird verschlossen bleiben.
Ich habe Angst vor dem was kommt, ich will nicht zurück in die Klapse.
Meine Rechte Hand ballt sich zu einer Faust, ich würde am liebsten hier und jetzt jemanden schlagen.
Lieber wäre ich vergewaltigt worden anstatt dort zurück zu kommen.
Ich merke wie meine Augen langsam feucht werden und meine Beine zittern, mein Blick wandert auf meine pochenden Hände. Die Wunden sind tief und das vertrocknete Blut klebt fest an meiner Handinnenfläche. Ich versuche es abzukratzen aber es tut zu sehr weh. Bei jeder Bewegung mit den Fingern zucke ich leicht zusammen.
Mein Blick wandert weiter auf mein dreckiges Shirt, ich ziehe es wenige Zentimeter nach oben und betrachte meinen Bauch, welcher auch Kratzer vom Draht abbekommen hat.
Ich seufze und ziehe das Shirt schnell wieder nach unten als ich zwei Polizistinnen auf mich zukommen sehe. Die beiden setzen sich gegenüber von mir auf zwei Stühle, zwischen uns steht ein grauer Tisch auf den beide eine Tasse Kaffe stellen.

~~~

Nach einer 1,5 stünden „Anhörung" bei der ich kein Wort sprach, geben die Polizistinnen endlich auf, und setzen mich zurück in ein Wartezimmer, direkt neben dem Haupteingang. Mein Blick ist konstant auf die Uhr gerichtet. Es ist 5:14 Uhr. Ein plötzlich kalter Luftststoss lies meinen Blick der Uhr abweichen. Er kommt  von der Tür die sich gerade öffnet und wieder schließt, weil die Empfangs Dame daran vorbeigegangen ist. Sie verschwindet in der Damen Toilette. Und ich sehe genau jetzt meine Chance abzuhauen.

Auch wenn es vielleicht etwas dumm ist, gerade fast vergewaltigt worden und von der Polizei wegen Ausbruch aus der Psychiatrie gesucht zu werden, wieder abzuhauen, entschließe ich mich einfach meinen Gedanken nachzugehen.
Ich habe sowieso keine andere Wahl. 
Ich blicke nochmal nach links und rechts, die Polizisten sind gerade woanders beschäftigt. Ich umklammere meinen Rucksack fest und alles fängt an sich in Zeitlupe zu bewegen als ich aufspringe und aus der Tür renne.

Verbotene Liebe | Tom KaulitzGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt