Die Stille in meinem Kopf

91 3 0
                                    

Olivia's POV:

In Zeitlupe sehe ich wie sich meine verletzte Hand nach der Türklinke ausstreckt und sie herunter reißt.
Ich schlängele mich durch die Tür und springe die Treppen herunter, komplett gefangen in meinem eigenem Film.

Meine Augen suchten die Umgebung nach der besten Richtung ab aber mein Gefühl verriet mir eine andere weshalb ich einfach in diese Richtung rannte.
Obwohl meine Beine mir schon Stunden zuvor sagten dass sie viel zu müde zum laufen waren rannte ich mit maximalem Tempo die Straßen entlang und lachte dabei weil ich mich so befreit fühlte.

Doch ich war so schnell wieder aus der Puste dass ich schnellstmöglich einen Platz zum verstecken und für den morgigen Tag finden musste. Nach einiger Zeit entdeckte ich einen hohen Zaun der eine große Halle umrandete, scheinbar eine Konzerthalle oder so was.
Ich packte all meinen Mut zusammen und schmiss erst meinen schweren Rucksack hinüber und fasste dann mit einem großen Seufzer den Zaun mit meinen offenen Händen an und zog mich Stück für Stück hoch.
Zum Glück war ich relativ beweglich und kam so schnell auf die andere Seite und sprang dann so sanft wie möglich ab aber fiel trotzdem fast um.

Ich packte wieder meinen Rucksack und grinste in mich hinein, eine große Schwäche meinerseits, ich freue mich immer zu Früh. Ich blicke erneut in den Himmel, welcher langsam an Farbe zu gewinnen Schien. Ich atmete tief durch und versuchte zu vergessen was mir vor ein paar Stunden noch angetan wurde.
Langsam freundete ich mich mit dem Gedanken an einfach ein Spielzeug für andere zu sein.
Oder vielleicht hatte ich ja auch all das verdient.
Ich weiß es nicht.
Alles was ich weiß ist dass ich meinen Körper seit der Erfahrung mit meinem Vater verabscheute und generell mein ganzes Leben ziemlich scheisse war.

Tränen beginnen sich in meinen Augen zu formen und ich schlich unauffällig unter einen der Busse die vor dem Hintereingang geparkt waren. Ich lehnte mich gegen eines der Vorderräder und begrub mein Gesicht in meinen Händen und fing einfach an dran los zu weinen.
Warum immer ich?

Ich sitze hier, in der Kälte, verletzt, erschöpft, am weinen und zittern und frage mich was jemand anderes machen würde Wenn er plötzlich ich wäre?
Was eine andere Seele gefangen in meinem Körper und mit meinen Erlebnissen und Gefühlen machen würde.
Was würde diese Person wohl zuerst fühlen?
Einsamkeit?
Schmerz?
Traurigkeit?
Oder fühle ich mich gar nicht so anders wie die anderen?
Fühlen wir uns alle so leer und ich bin nur ein Außenseiter weil ich damit nicht umgehen kann?
Sind wir vielleicht doch alle gar nicht so verschieden und wir sind alle einsame Seelen auf immer gebrochen und verloren?
Bekomme nur ich nicht mehr hin es zu überspielen?
Die Stille herrscht in meinem Kopf wenn ich darüber nachdenke, die Stelle die da ist sobald die Klinge meine Haut berührt.
Die Stille die ich so sehr genieße.
Die Stille in der mir nicht gesagt wird wie wertlos, hässlich, fett, undankbar und nutzlos ich bin.
Die Stille in der ich so viel Komfort finde.
Die Stille die nur da ist wenn ich sie mit der Klinge rufe.
Die Stille die da ist wenn das warme Blut läuft und die Endorphine durch meinen Körper strömen.
Aber auch die Stille die das ist wenn ich über sie nachdenke.
Die restliche Zeit fühlt es sich so an als würden sich meine Gedanken überspülen.
Wie ein Fernseher wo gerade 15 Sender gleichzeitig Laufen und plötzlich schaltet er auf einen einzigen um.
Dieser Sender ist dunkel, einfach schwarz, es fühlt sich an wie ein Loch in dass du fällst und fällst und fällst.
Es fühlt sich so an als würde jemand deinen Kopf unter Wasser drücken.
Und sobald du auf diesem Sender gelandet bist kannst du nicht mehr umschalten.
Nicht ausschalten.
Nicht pausieren.
Er ist einfach da und geht nicht mehr weg.
Und dann erinnerst du dich an dieses wunderschöne Gefühl sobald die Klinge in deine Haut schneidet.
Als würde sie alle Sender wegschneiden und die Stille hervor beschwören.
Das Glücksgefühl dass durch deinen Körper läuft und....diese Stille.
Die Stille die ich so sehr vermisse.
Und dann....entdeckst du unter diesem Wasser in welchem du gefangen bist ein Seil.
Du hältst dich daran fest.
Du hältst dich damit über Wasser.
Du versuchst dich aus dem Loch zu ziehen doch dieses Seil reibt deine Hände auf.
Sie brennen.
Es tut weh.
Doch dieser Schmerz...er ist gut.
Er tut gut.
Es scheint als wäre dieser Schmerz der einzige Weg um zu entkommen.
Der einzige Weg um diesen Sender für den Moment wieder zu verlassen.

Und genau bei diesen Gedanken erinnerte ich mich daran wie es war sich zu schneiden....schlimm zu schneiden.

Zitternd und schluchzend holte ich meine rasier Klinge aus meiner handyhülle.
Vor lauter zitternd fiel sie mir auf den Boden und ich schluchzte nochmal mehr, ich hob sie auf doch wischte sie Nicht einmal ab.
Ohne weitere Hintergedanken drückte ich sie mir tief in die Haut, da wo sie am empfindlichsten war, am Unterarm.
Und wenn ich mir eine blutvergiftung zufüge? Mir egal. Und selbst wenn ich jetzt verblute, mir egal.
Ich hatte sowieso schon einen Abschiedsbrief an Star nur für den Fall der Fälle geschrieben, dass ist aber schon länger her.
Er schlummert nun in meinem Handy und wartet auf den Tag wo ich zusammenbreche.
Ich ziehe die Klinge schnell über meine Haut und sofort spürte ich den stechenden Schmerz und das Verlangen es weiter zu machen.
Ich hatte Star versprochen aufzuhören, es machte mich wütend dass ich es nicht konnte, ich bin eine Enttäuschung.
Zweiter Schnitt, diesmal tiefer.
Dritter schnitt
Vierter schnitt
Fünfter schnitt.
Und der sechste direkt an meiner Ader.

Erschöpft ließ ich die Klinge fallen und schloss meine Augen, bis mein Körper schwach wurde und ich merkte wie ich gehe.

———————————————————————————————————————————————————————
(5724 Wörter)

Irgendwie war ich jetzt schon bissl emotional als ich das Kapitel geschrieben habe 🥲
Hoffe es gefällt euch, ich liebs🫶

Verbotene Liebe | Tom KaulitzWo Geschichten leben. Entdecke jetzt