„Wächter?" Xanders Stimme klang einen Tick zu hoch, als er Nia fragend ansah. Eine weitere Erschütterung brachte ihn ins Taumeln, und instinktiv suchte er Halt an ihrem Arm.
„Unser Eindringen in die Schnittstelle hat ein Antivirusprogramm alarmiert." Nias Stimme war düster. „Es hat uns als Bedrohung identifiziert. Im Übergangstraum waren wir noch unsichtbar, aber jetzt wird das System versuchen, uns zu eliminieren." Ihre Augen huschten rastlos durch die gläserne Halle, als könnte sie die Gefahr bereits kommen sehen.
Xander schluckte schwer. „Eliminieren? Du meinst... löschen?"
Nia nickte knapp. „Ja. Und diesmal nicht nur unsere Avatare. Wenn wir hier sterben, könnte unser Bewusstsein in der realen Welt beschädigt werden – oder für immer hier eingeschlossen bleiben."
Ein kehliges Schnauben riss Xander aus seinen Gedanken. Renard packte Harold am Kragen und zerrte ihn auf die Beine. „Sag mir endlich, wo meine Schwester ist, du Hund, sonst lasse ich dich hier zurück und die Wächter erledigen den Rest!"
„Aber ich bin doch längst hier!"
Renard erstarrte. Seine Augen weiteten sich, als sähe er einen Geist. Seine Finger öffneten sich zögerlich, und Harold taumelte mit einem keuchenden Atemzug rückwärts.
„Yasmin?" Renards Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ein Laut voller Hoffnung – und Angst.
Hinter Harold trat wie aus dem Nichts eine schlanke Gestalt hervor, langsam, als würde sie direkt aus den Schatten treten oder aus der Luft gewoben werden. Yasmin. Ihr Gesicht war bleich, ihre Züge weich, doch entrückt. Ihr Haar fiel in sanften Wellen über die Schultern, und ihr Blick wirkte starr, fast durchscheinend – wie ein Bild, das nicht vollständig in der Realität verankert war.
Renard machte einen Schritt auf sie zu. Dann noch einen. Doch als sie zurückwich, hielt er inne.
„Bist du es wirklich?", fragte er leise. Seine Stimme bebte. In seinen Augen glomm ein Funken Hoffnung – ein Funken, der mit jeder verstreichenden Sekunde zu verlöschen drohte.
Yasmin neigte den Kopf, als versuchte sie, sich zu erinnern. Ihre Lippen formten lautlose Worte, bis schließlich ein Flüstern ertönte. „Renard... du bist wirklich hier."
„Natürlich bin ich hier!" Renard streckte die Hand aus. „Ich werde dich nach Hause bringen. Du gehörst hier nicht her. Komm mit mir!"
Doch Harold trat in den Weg. „Du darfst mich nicht verlassen, Yasmin", flehte er. „Ich liebe dich."
Renards Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Sag das nie wieder!"* Er riss Harold zur Seite und schlug ihn so heftig, dass dieser auf die Knie sank. „Du hast kein Recht, das zu sagen!"
„Aber es ist die Wahrheit!" Harolds Stimme bebte. "Ich werde dich immer lieben, Yasmin!" Die hübsche Frau lächelte freundlich und legte eine Hand an die Wange von Mr. Harold. „Du hast mich geliebt, als ich noch lebte. Aber nun hältst du an einem Abbild von mir fest, dass nur noch aus Daten besteht. Ich bin nicht echt, nur eine Erinnerung, die du mit deinem Geld am Leben erhältst. Aber was ist mit unserem Leben, Liebster? All die Zeit, die wir in deinen Träumen verbringen, können wir uns nie wieder zurückholen. Während du schläfst, dreht sich die Welt weiter, unaufhörlich und gnadenlos. Jedes Mal, wenn du bei mir bist, verändert sich etwas. Und du kannst es nicht sehen, weil dein Geist hier bei mir ist, gefangen in einer Fantasie vom ewigen Leben und Glück. Und ich? Ich bin eine Gefangene in meinen eigenen Albträumen."
Mr. Harold starrte Yasmin an, seine Augen voll von glitzernden Tränen, welche die Traumdesigner etwas zu dramatisch gestaltet hatten, fand Xander. Dennoch, die Rede der Frau hatte auch Xander berührt.
‚Die Welt dreht sich weiter. Ich bin nur ein Abbild, das du am Leben erhältst.' Etwas Ähnliches hatte er seiner Mutter an den Kopf geworfen, als diese sich in ihre Traumwelt zurückgezogen und Xander allein in der Realität zurückgelassen hatte. ‚Du flüchtest dich in deine heile Welt, während meine im Chaos versinkt', hatte er ihr vorgeworfen. Nun, da er die wahre Tragödie hinter der Abwesenheit seiner Mutter erfahren hatte, fühlte er sich schlecht. Sie war ein zufälliges Opfer eines instabilen Systems geworden, dass man im Nachhinein dadurch zu verschleiern versucht hatte, dass man sie in einem normalen Traum gebracht hatte, in dem sie kostenlos weiter geträumt hatte. Bis zu ihrem Ende.
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Start - Dream - Repeat
Ficção Científica| Science Fiktion | Willkommen im Paradies - oder in deinem schlimmsten Albtraum? Xander Breece ist ein erfahrener Traumreiseleiter. In einer Zukunft, in der manchen Menschen die Realität für die Erfüllung ihrer Träume nicht mehr ausreicht, begleite...
