Spät am Abend lagen wir immer noch in der Turnhalle. Mittlerweile hatte Caine sich etwas erholt und hatte sich aufgesetzt, ich lag auf dem Bauch und schaute ihn an. Es war schon etwas länger still zwischen uns. Wir hatten uns ein bisschen unterhalten, damit Caine mehr über mich herausfinden konnte. Und ich besaß jetzt manche Infos über meinen Mentor, die niemand wusste - nicht mal Diana. Außerdem hatte er mich vor Gaia gewarnt. Er glaubte, dass sie irgendwas im Schilde führte, und dass sie deshalb meine Freundin war. Ich hatte ihm aber sofort widersprochen, da ich Vertrauen zu ihr hatte. Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass Gaia etwas vorhaben könnte. Wie sehr ich mich damit irrte, würde ich erst viel später erfahren.
Was mich etwas wunderte, war das Caine keine Mind Control auf mich anwendete, um meine Wiedersprüche zu bestrafen. Ich hoffte, dass er sich vielleicht veränderte und endlich begriff, dass er mich nicht zu quälen brauchte, um sicherzustellen, dass ich auf seiner Seite stand. "Willst du nicht langsam mal zur WG gehen?", riss Caines Stimme mich aus den Gedanken. Ich schüttelte den Kopf. "Nein, ich bleib lieber hier. Hier besteht nicht die Gefahr, dass ich irgendwem aus meinem Freundeskreis begegne." Caine nickte zufrieden und sagte dann nichts mehr. Anscheinend hatte ich die richtige Antwort gegeben. Nach einer weiteren Zeit der Stille fing Caine wieder an zu reden: "Warum genau bist du eigentlich bei mir geblieben? Ich hätte erwartet, dass du direkt mit Gaia mitgehst...weil sie dir ja noch etwas beibringen will." Noch bevor ich antwortete, fügte er hinzu: "Ach, und wenn wir schon beim Thema sind - warum musst du jetzt auch mit Gaia trainieren?" Ich überlegte kurz, ob ich ihm wirklich die Wahrheit sagen sollte. Dass ich jetzt auch Mind Control hatte.
Schließlich sagte ich: "Warum ich bei dir geblieben bin? Wenn ich ehrlich bin - ich fand, dass Gaia etwas zu hart zu dir war. Du hast mir leidgetan. Also klar, du hättest zwar nicht unbedingt mit Mind Control anfangen müssen, aber gut...sie hätte ja nicht zurückschlagen müssen! Deshalb wollte ich heute auch nicht mit ihr mitgehen." Er schien erstaunt über meine ehrliche Antwort und schwieg erstmal. Dann fiel ihm auf, dass ich seine letzte Frage nicht beantwortet hatte. Also schaute er mich fest an. "Und? Meine letzte Frage?" Ich seufzte leise und blieb stumm. Innerlich hatte ich entschlossen, ihm nicht die Wahrheit zu sagen, auch wenn es mir wehtat ihn anzulügen. Schließlich vertraute ich ihm, und ich wollte nicht, dass sich das Verhältnis zwischen uns wieder verschlechterte. Caine rückte ein Stück näher an mich und ließ seinen Blick nicht von mir. Ich dachte schon, dass er mich jetzt irgendwie zwingen würde, es auszusprechen, aber entgegen meinen Vermutungen tat er nichts.
"Damit du es weißt: Ich werde dich nicht zwingen. Du sollst es freiwillig erzählen.", meinte er nur und hob eine Hand. "Versprochen!" Leicht verwirrt starrte ich ihn an, ungläubig von seiner eben getätigten Aussage. "Okay, wer bist du und was hast du mit Caine gemacht...?!", flüsterte ich. Jedoch nicht leise genug. In Caines Blick trat Verwirrung und Belustigung. "Ja ja, ich weiß schon...das klingt eigentlich gar nicht nach mir!", bemerkte er selbst. Wir mussten beide ein bisschen lachen. Ich bemerkte, wie wohl ich mich fühlte. Es tat so gut, meinen Mentor mal anders zu erleben als nur im Training. Ich wünschte nur, dass er tagsüber auch so entspannt mir gegenüber wäre. Aber das würde wahrscheinlich nie in Erfüllung treten. Caine merkte anscheinend, in welche Richtung meine Gedanken gingen und meinte: "Weißt du, ich mache dir einen Vorschlag. Ich merke, wie wohl du dich gerade fühlst, und daraus ziehe ich, dass du mir vertraust. Die Atmosphäre zwischen uns ist gerade auch besser als sonst - es sei denn du forderst mich wieder heraus! Also dachte ich mir gerade folgendes: Du kannst morgen mit Gaia trainieren. Danach den Tag bist du wieder bei mir, und immer so weiter." Ich nickte zustimmend und beschloss, dass ich ihm irgendwann sagen würde, was meine Nebenkraft war.
"Und damit es noch besser für dich wird: Wir denken uns gegenseitig Übungen aus, und arbeiten diese dann abwechselnd ab. Wie klingt das für dich?", fuhr er fort. Meine Augen leuchteten begeistert auf. "Das klingt sehr gut für mich!" Er lächelte leicht, und bevor ich mich stoppen konnte, umarmte ich Caine. Ob das gut war? Ich wusste es nicht. Caine verkrampfte sich etwas, sagte aber nichts. Und er tat auch nichts, um sich von mir zu befreien. Nach ein paar Sekunden ließ ich ihn los, senkte den Blick und rückte ein Stück von ihm weg. "Ahem...sorry", war das Einzige, was ich im Augenblick sagen konnte. Ich spürte, wie er mich anstarrte, und erwartete schon das Schlimmste. "Tja, und da hätten wir den Beweis.", erklang es von ihm. Ich hob den Blick wieder und schaute ihn an. "W-was...wie? Was für einen Beweis?" Er grinste nur und erklärte: "Naja, der Beweis, dass du mich magst und mir vertraust!" Für eine Sekunde starrte ich ihn einfach nur an, dann musste ich ihm zustimmen. Wir redeten noch sehr lange über alles Mögliche. Unter anderem unterhielten wir uns über das Thema Freundschaft und Vertrauen. Ich fand heraus, dass er sich eigentlich immer ein paar Freunde gewünscht hatte, bevor er nach Coates gegangen war. Dort hatte er anhand eines schlechten Erlebnisses gemerkt, dass man allein besser dran sei. Seitdem vertraute er nur noch wenigen Leuten und wollte auch keine Freunde mehr. Und Caine gab zu, dass er mich tatsächlich teils beneidete, da ich so viele Freunde hatte.
Ich erzählte ihm von meiner Begabung, besonders schnell Freunde zu finden. Und dass es für mich am Anfang in Marburg nicht ganz so einfach gewesen war, da immer einer aus meiner Klasse mich übelst genervt hatte. Caine gab mir den Tipp, dass ich die Leute, die mich nervten, ignorieren sollte. Oder ich sollte sie doch einfach meine Macht spüren lassen, so wie er es in Coates getan hatte. Leise seufzend schüttelte ich nur den Kopf und argumentierte, dass ich im Notfall alles mit meinen Freunden zusammen durchstehen würde, falls ich Probleme bekäme. Mittlerweile war es schon so spät, dass ich vor Müdigkeit fast beim Reden einschlief. "Alles okay? Du wirkst sehr müde...", merkte Caine irgendwann an. Ich unterdrückte ein Gähnen und wehrte ab: "Nein nein, schon in Ordnung! Ich bin nicht ... gähn ... müde!" Er schaute mich nur mit einem 'Du-weißt-ich-hab-Recht' - Blick an und erhob sich.
Ich schaute ihm nach, als er zu einem der Tore ging. Ich legte meinen Kopf einfach wieder auf die Matte und wartete ab. Auf einmal schwebte ich leicht in der Luft. Als ich wieder abgelegt wurde, bemerkte ich, dass ich ein Kissen unter meinem Kopf liegen hatte und dass eine Decke auf mir lag. Ich drehte meinen Kopf leicht und schaute Caine an, der mich nur anlächelte. "Danke...", flüsterte ich. Dann überließ ich mich dem Schlaf. Was ich nicht bemerkte: Caine setzte sich neben mich und beobachtete mich. Als ich schon eingeschlafen war, war er immer noch wach. "Glaub mir, kleine Schülerin...du wirst noch so viel erleben. Und dafür wirst du deine Freunde nicht brauchen, sondern nur mich.", flüsterte er. Dann legte auch er sich hin und schlief ein.
