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Wie eigentlich jeden Nachmittag nach der Schule mache ich meine Hausaufgaben. Die Schule fällt mir nicht schwer. Sie ist zwar nicht immer einfach, aber mit ein bisschen üben bekomme ich alles hin. In einem Jahr werde ich meinen Abschluss haben, doch was danach ist, weiß ich noch nicht. Das Schuljahr hat erst angefangen, doch trotzdem sollte ich mir so langsam Gedanken über meine Zukunft machen. Es ist nicht so, dass ich faul bin. Mein Problem liegt viel mehr darin, mich auf etwas festzulegen. Soll ich studieren? Eine Ausbildung anfangen? Oder lieber die Welt bereisen? Mit meinen siebzehn Jahren habe ich noch nicht viel erlebt. Es hat für mich bisher nur meine Familie gegeben, Freunde und die Schule. Und das hat mir auch gereicht. Mein Leben muss nicht unbedingt spannend sein, denn ich bin glücklich mit dem, was ich habe. Doch wenn mich jemand fragt, was ich nach meinem Abschluss machen möchte, dann antworte ich meistens mit einer Gegenfrage oder tue so, als hätte ich denjenigen nicht verstanden. Dass das nicht die feine englische Art ist, weiß ich selbst. Aber was soll ich machen?

„Fanny? Es ist gleich vier Uhr!“, ertönt die Stimme meiner Mum aus der unteren Etage unseres Hauses. Hier leben mittlerweile nur noch meine Eltern und ich, was das ohnehin schon große Haus noch größer wirken lässt. Erst vor kurzem ist mein älterer Bruder ausgezogen. Ich erinnere mich noch gut daran, als das Haus voll war und nur so vor Leben gesprüht hat. Aber das ist auch schon ein paar Jahre her. Meine zwei älteren Schwestern sind bereits vor einigen Jahren ausgezogen.
„Ich bin mit Dad in ein paar Stunden wieder zurück“, sage ich, als ich im Arbeitszimmer meiner Mum stehe.
„Übernimm dich nicht. Ich habe deinem Vater schon oft genug gesagt, dass er eine Sekretärin einstellen soll. Du bist seine Tochter und nicht eine seiner Angestellten“, schimpft sie, während sie den Faden an der Nähmaschine wechselt.
„Er braucht aber keine Sekretärin. Ich mache diese Arbeit gerne“, antworte ich lächelnd.
„Also los, geh schon. Sonst kommt ihr beide heute gar nicht mehr nach Hause“, sagt sie nun auch lächelnd und beginnt, weiter an dem Kostüm zu nähen.

Meine Eltern sind meine Vorbilder. Alles an ihnen ist einfach perfekt und das sage ich nicht nur, weil ich ihre Tochter bin. Sogar in den Medien wurden beide bereits als perfekt betitelt. Mein Dad ist Boxer, er war bereits Weltmeister. Aber aus gesundheitlichen Gründen hat er seine Karriere an den Nagel gehängt, was nicht heißt, dass er das Boxen aufgegeben hat. Er boxt jetzt eben nicht nur um einen Titel, sondern bildet zukünftige Boxlegenden, wie er einst eine war, aus. Dafür hat er eine Art Trainingszentrum eröffnet. Durch Spenden können sogar Leute zu ihm kommen, die sich das teure Trainingsprogramm nicht leisten können. Sein ganzer Stolz steckt in diesem Zentrum. Jedes Mal, wenn er darüber spricht, sieht man wie glücklich er ist.
Meine Mum hingegen ist eine bekannte Schriftstellerin. Die Arbeit mit Büchern lag schon immer in ihrer Familie. So gehört zum Beispiel meiner Grandma die örtliche Bibliothek und Tante Mandy ist ebenfalls Schriftstellerin. Aber Mum ist nicht nur eine Autorin, sie leitet zum Beispiel auch die Theatergruppe an einer Grundschule. Außerdem engagiert sie sich in ihrer eigenen Hilfsorganisation. Diese sorgt dafür, dass alle Kinder eine angemessene Schulbildung bekommen. Sowohl im Inland als auch im Ausland. Letztens war sie in Angola und hat sich um den Bau einer neuen Schule gekümmert. Und als wäre das noch nicht genug an herausragenden Personen in meiner Familie, kommen noch die überaus intelligenten Eltern von Dad. Sie sind beide Chirurgen und haben ebenfalls einen gewissen Grad an Bekanntheit erlangt. Außerdem gibt es da noch den Vater von Mum, den ich leider noch nie gesehen habe, da er in New York sein eigenes kleines Imperium aufgebaut hat. Evans International, dort arbeitet auch Onkel Oliver. Von meinen Eltern weiß ich, dass er selbst einmal Boxer war, das aber aufgegeben hat, nachdem er das Angebot von seinem Dad bekommen hat, in dessen Firma zu arbeiten. Mittlerweile leitet er dieses Imperium. Leider sehe ich ihn dadurch nur selten. Manchmal kommt er und seine Familie uns an Weihnachten besuchen, aber mehr auch nicht.
Viele wünschen sich so eine Familie wie meine. Aber ich verstehe nicht, was an uns so besonders ist? Vielleicht sind wir ein bisschen bekannter, aber das ändert doch nichts an der Tatsache, dass wir ganz normale Menschen sind. Und genau das ist meine Familie, ganz normal. Obwohl der Begriff normal nicht viel aussagt, gibt es keinen anderen, der uns treffender beschreiben könnte. Eine Familie, die sich liebt und über ihre Probleme spricht. Niemand muss sich verstellen und jeder wird herzlich aufgenommen. Selbst wenn man Dummheiten angestellt hat, weiß man, dass man sich aufeinander verlassen kann. Es geht bei uns um Liebe, Loyalität und Verständnis. Und auch wer nicht unbedingt blutsverwandt mit uns ist, ist ein Teil dieser Familie.

Der Sommer liegt noch auf den Straßen Londons. Jeden Tag scheint die Sonne und wir werden mit angenehm warmen Temperaturen belohnt. Anders als letztes Jahr, als es fast nur geregnet hat und wir mit Überschwemmungen zu kämpfen hatten. Auch das Trainingszentrum ist unter Wasser gelaufen. Die wenigen Schäden waren allerdings schnell behoben.
Mit einem breiten Lächeln betrete ich das neue Gebäude, dass extra für das Zentrum errichtet wurde. Bei der Gestaltung habe ich sogar mitgeholfen. Wie stolz ich damals war, meinem Dad bei so einer großen Aufgabe zu helfen.
„Hey, Fanny! Schön, dich wiederzusehen“, ruft mir Jack zu, als ich den langen Flur zu den Trainingsräumen entlanglaufe. Jack ist ein sehr guter Freund der Familie und gehört eigentlich zur Familie. Er ist wie ein Onkel für mich und genauso wie meine Eltern, eine Person, zu der ich immer gehen kann, wenn ich Kummer habe. „Dein Dad trainiert mit den Neuen.“
„Danke, Jack. Komm demnächst mal wieder vorbei“, sage ich und grinse den dunkelblonden Mann an.
„Werde ich“, antwortet er grinsend und geht dann wieder seiner Arbeit nach. Auch Jack hat mal geboxt. Doch er war für die Rolle des Trainers bestimmt. So hat er es mir zumindest mal erzählt. Er hat meinen Dad während seiner gesamten Karriere unterstützt und war immer an seiner Seite. Davon gibt es sogar Zeitungsartikel. Meine Mum hebt so etwas immer auf und verstaut es in einer Box. Mittlerweile sind es schon drei Schachteln voll mit Artikeln oder Bildern, die in irgendeiner Zeitung erschienen sind und von meinem Dad berichten.
Ich gehe weiter den blau-weißen Gang entlang bis ich an den Trainingsräumen ankomme. Dort brauche ich nicht lange suchen, da ich bereits seine Rufe höre. Offensichtlich findet gerade ein Kampf statt. Als ich den Raum betrete, sehe ich viele neue Gesichter. Da ich hier fast jeden Tag bin, kenne ich auch so gut wie jeden. Aber immer um diese Zeit im Jahr bekommt das Zentrum Zuwachs. Dreißig junge Männer, ganz selten Frauen, stellen sich dem sechsmonatigen Programm. Dabei werden einige aufgeben und andere werden gebeten zu gehen. Das klingt fies, aber wer das Ziel meines Dads kennt, wird es verstehen. Er möchte die besten Boxer ausbilden und wenn er in jemanden nicht das Potenzial sieht, dann sagt er es demjenigen auch. Das finde ich nur fair, denn es wäre verschwendete Zeit, einem Traum zu folgen, der nie in Erfüllung gehen wird.
Einige der Trainierenden begrüße ich mit einem freundlichen Lächeln und dann setze ich mich auf eine der Bänke, die ein paar Meter neben dem Ring stehen. In ihm befinden sich drei Person. Zwei Neulinge und mein Dad, der den beiden abwechselnd Tipps gibt. Ich beobachte Dad, wie er konzentriert dem Kampf folgt. Da heute der erste Tag für die Neuen ist, lässt er sie kämpfen, damit er einen ersten Eindruck bekommt. Ich finde es schlau, da er so weiß, was zuerst verbessert werden muss. Bei diesem Kampf kann ich ziemlich genau sagen, was der Einzelne verbessern muss. Der linke, in der weißen Ecke, balanciert sich nicht aus und kann dadurch schnell das Gleichgewicht verlieren und wer keinen sicheren Stand hat, der hat den Kampf so gut wie verloren, wie Dad immer zu sagen pflegt.
Dann gibt es da noch den Jungen aus der schwarzen Ecke. Er kämpft sehr brutal und hinterhältig, was darauf schließt, dass er bisher nur auf der Straße gekämpft hat. Seine Schläge sind dennoch gezielt und sicher. Er beeindruckt mich, da er eine wirklich gute Technik hat.  Flinke Fausthiebe, die darauf abzielen den Gegner möglichst schwer zu verletzen und schnell außer Gefecht zu setzen.
Ein schrilles Klingeln beendet den Kampf.
„So das war's für heute. Ich werde das heute Gesehene auswerten und euch morgen berichten. Geht nach Hause und ruht euch aus, ihr braucht viel Kraft und Energie in den nächsten Wochen.“ Mit diesen Worten verabschiedet Dad die Neuzugänge und steigt dann aus dem Ring. „Na, wen haben wir denn da?“, fragt er freudestrahlend und kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich stehe lachend auf und falle meinem Dad in die Arme, der mich leicht hochhebt und eine halbe Drehung macht.
„Mum hat gemeint, wir sollen nicht so lange wegbleiben“, sage ich, als meine Füße wieder Boden unter sich spüren.
„Ach, deine Mum ist nur neidisch, weil wir so viel Zeit miteinander verbringen“, antwortet er scherzend und drückt mir einen Kuss auf den Scheitel, bevor wir sein Büro betreten.

SeelenliebeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt