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„Und bereit?“, fragt mich Mason am Freitag als ich auf ihn zu gelaufen komme. Er wartet bereits an seinem Auto auf mich und öffnet mir die Tür, damit ich einsteigen kann.
„Verrätst du mir, was wir heute machen?“, möchte ich wissen und schnalle mich an. Ava und Noah sind wenig begeistert gewesen, dass ich vorhabe, etwas mit Mason zu unternehmen. Aber ich habe ihnen klar gemacht, dass ich kein kleines Kind bin und auf mich aufpassen kann. Von meiner Entscheidung hätten sie mich sowieso nicht abbringen können.
„Erst gehen wir etwas essen, in Hackney kenne ich einen netten Laden, und danach dachte ich mir, können wir uns ein bisschen unterhalten und uns ein wenig besser kennenlernen. Seit dem Kindergarten haben wir uns doch ziemlich verändert“, sagt er grinsend und zwinkert mir zum Schluss zu. Ich verdrehe bloß die Augen und schaue dann aus dem Fenster. Hackney also, das heißt wir fahren eine Weile. Der Stadtteil ist nicht sehr beliebt in London, doch ich bin jede Woche dort, denn das Trainingszentrum von Dad befindet sich da. Mich wundert es bloß, dass Mason dort mit mir hinfahren möchte. Andererseits habe ich ihn neulich dort getroffen und als wir uns begegnet sind, schien es, als würde er sich öfter dort aufhalten.
Nach ungefähr einer halben Stunde halten wir auf einem Parkplatz, den man nicht als Parkplatz identifizieren könnte, wenn an der Ecke nicht stehen würde, dass hier ein Parkplatz ist. Eigentlich ist es nur eine Staubfläche, die einigen als Mülleimer dient. Als ich Mason gesagt habe, dass das kein Date sein soll, hat er sich meine Worte anscheinend sehr zu Herzen genommen. Und im Grunde bin ich auch froh darüber, dass er nicht versucht, mich zu beeindrucken, etwas, das ich eigentlich erwartet hätte. Wir sind einfach zwei Freunde, die nach der Schule etwas essen. Obwohl … sind wir überhaupt Freunde? Ich schätze, nach dem heutigen Tag werde ich es wissen.
Da ich keine Ahnung habe, wo wir lang müssen, bleibe ich einen Schritt hinter Mason und folge ihm einfach. Vor einem alten Backsteinhaus bleibt er stehen und hält mir die Tür auf. Über ihr steht in Leuchtbuchstaben Diner. Na ja, nicht ganz, denn das R flackert nur noch ab und zu auf. Ich gehe durch die Tür und lasse mich von Mason weiter in das Innere des Hauses führen. Seine Hand liegt auf meinem Rücken und er schiebt mich den Gang entlang, der nur von wenigen Neonröhren beleuchtet ist. Am Ende des Gangs befindet sich eine weitere Tür. Ich bleibe stehen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich sie öffnen soll, doch das ist die einzige Möglichkeit weiterzukommen. Mason greift also an mir vorbei und öffnet die Tür. Was ich dort zu sehen bekomme, beeindruckt mich wirklich, gerade als ich gedacht habe, dass Mason das gar nicht vorhat.
Wir stehen in einem kleinen verwachsenen Innenhof. Ein großer Baum steht in der Mitte und ist umgeben von kleinen Steinen. Auf der gesamten Fläche sind Tische mit zugehörigen Stühlen verteilt, an denen Leute sitzen, die sich ausgelassen unterhalten. In allem ist es eine sehr angenehme Atmosphäre.
„Sprachlos?“, fragt Mason schmunzelnd und das einzige, was ich zu Stande bringe, ist ein Nicken. „Dann such dir schon einmal einen freien Platz, ich kümmere mich um das Essen“, sagt er und ist schon durch einen etwas größeren Eingang verschwunden. Wahrscheinlich befindet sich dort die Kasse und die Küche.
Nachdem ich mich noch einmal umgeschaut habe, suche ich mir einen freien Platz und warte darauf, dass Mason zurückkommt. Als wir vor einigen Minuten durch die alte, schon verzogene Tür gegangen sind, hätte ich nie im Leben damit gerechnet, uns an solch einen schönen Ort wiederzufinden.
„Hier gibt es die besten Pommes der Welt“, sagt Mason als er wiederkommt. In seinen Händen hat er einen großen Teller beladen mit Pommes und zwei Bechern Cola.
„Na, wenn das so ist“, antworte ich und nehme mir eine Pommes, die anschließend in meinem Mund landet. Zugegeben, sie schmeckt nicht schlecht, aber ob es wirklich die weltbesten Pommes sind, kann ich nicht genau sagen.
Mason und ich sitzen eine Weile einfach nur so da. Jeder isst ein paar Pommes und trinkt ab und zu von seiner Cola. Still ist es trotzdem nicht. Die Menschen, an den Tischen um uns herum, unterhalten sich laut und ausgelassen, was dem Ganzen eine fröhliche Stimmung verleiht. Würde ich nicht selbst wissen, dass ich mich mitten in London befinde, würde ich denken, wir wären irgendwo auf dem Land. Hier ist alles so schön grün. Der große Baum in der Mitte spendet mit seinem breiten Blätterdach angenehmen Schatten und selbst die Efeuranken, die an dem roten Backstein einen grünen Teppich bilden, lassen diesen Innenhof sehr gemütlich wirken. Ich bin immer noch etwas sprachlos und weiß nicht genau, was ich zu diesem wunderschönen Ort sagen soll.
„Das hier ist mein Rückzugsort“, sagt Mason auf einmal. Er hat sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und beobachtet mich. „Wenn ich mal wieder etwas angestellt habe und ich mich dann mit meiner Mum streite oder irgendwas mit Dad ist, komme ich gerne hierher, um einfach abzuschalten.“
„Warum bringst du mich dann hierher? Ich meine, wenn das dein Ort ist, warum zeigst du ihn mir dann?“, möchte ich wissen und schaue Mason fragend an.
„Ich schätze, ich wollte dir etwas Persönliches zeigen. So, wie ich wirklich bin und nicht der Draufgänger, für den mich alle in der Schule halten“, antwortet er mit einem ehrlichen Lächeln und zum ersten Mal glaube ich, den echten Mason vor mir zu haben. „Versteh mich nicht falsch. Ich mag es, wenn die Mädchen mich mit ihren Blicken praktisch ausziehen, aber manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe haben. Alles hinter mir lassen und an nichts denken.“
Es scheint, als würde Mason zwei Leben führen. Einmal ist er der Aufreißer, den ich aus der Schule kenne und ein anderes Mal ist er der kleine nette Junge, an den ich mich aus dem Kindergarten erinnere.
„Was ist eigentlich mit deinem Dad?“, frage ich neugierig nach. Seine Mutter kenne ich, persönlich sogar, aber über seinen Dad weiß ich so gut wie nichts. Abgesehen von dem, was man so hört.
„Du kennst die Gerüchte?“, hakt er nach und als Antwort nicke ich. Aber auf Gerüchte habe ich noch nie viel gegeben. Jeder erzählt etwas anderes und behauptet seine ausgeschmückte Version wäre die wahre. „Es stimmt, mein Dad saß im Gefängnis. Körperverletzung“, sagt er knapp und starrt bloß auf den halb aufgegessenen Teller. Ohne jegliche Reaktion schaue ich den Jungen vor mir an. Er sieht traurig aus. Nach einer Weile spricht er weiter: „Er ist trotzdem kein schlechter Mensch, schließlich ist er mein Dad. Es gibt einfach nur Menschen, die haben es nicht besonders leicht im Leben. Mein Dad hatte alles, damals als er so ungefähr so alt war wie ich. Gute Freunde und eine gesicherte Zukunft. Eine Zeit lang war er sogar mal richtig beliebt in der Stadt, er war wie ich.“ Lächelnd schaut er zu mir auf, doch in seine blauen Augen kann ich den Schmerz erkennen. „Eines Tages, wie soll es auch anders sein, kam ein Mädchen und alles ging in die Brüche. Er wurde von seinen Freunden verstoßen und eins kam zum anderen.“
Ich würde so gerne etwas unternehmen. Irgendetwas, dass ihm den Schmerz nimmt, doch ich kann nichts anderes tun, als meine Hand auf seine zu legen und zu hoffen, ihm irgendwie Trost zu spenden.
„Oh Mann, ich habe es voll versaut“, sagt Mason lachend und fährt sich durch seine braunen Haare. „Das sollte ein schöner Nachmittag werden und ich labere dich mit meiner tragischen Familiengeschichte zu. Am besten wir hauen hier ab und machen noch etwas Lustiges.“
„Okay, aber lass mich zuerst austrinken“, antworte ich und leere den Rest meiner Cola in einem Zug.
Anschließend legt Mason ein bisschen Geld auf den Tisch und sagt: „Du bist eingeladen.“ Anscheinend hat er geahnt, was ich gerade sagen wollte. Also erhebe ich mich mit einem Lächeln, bedanke mich und folge ihm auf den Parkplatz.
Gerade möchte ich wieder in das Auto einsteigen, als ich meinen Namen höre. Verwirrt drehe ich mich um und auch Mason schaut auf.
„Was machst du denn hier?“, frage ich Roy, der auf uns zugelaufen kommt, und ich kann nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf meine Lippen legt.
„Dein Dad meinte ich soll dich nach Hause bringen“, antwortet er und steckt seine Hände in die Taschen seines schwarzen Hoodies. Die Kapuze hat er eigentlich wie immer aufgesetzt, wenn wir uns begegnen.
Misstrauisch hebe ich meine Augenbrauen und schaue Roy eine Weile an, entschließe mich dann doch mitzugehen.
„Tut mir leid, Mason. Ich mache es wieder gut“, verspreche ich ihm und hole meine Tasche aus seinem Auto.
„Da musst du dir aber etwas Besonderes einfallen lassen“, sagt er zerknirscht und schaut Roy etwas wütend an. Schnell ist er im Auto verschwunden und fährt mit einer Staubwolke von dem Parkplatz. Als ich meinen Blick von dem wegfahrenden Auto lösen kann, schaue ich zu Roy, der auf mich wartet.
„Mein Dad hat dir gar nicht befohlen, mich nach Hause zu bringen. Richtig?“, möchte ich wissen. Die Antwort kenne ich bereits, doch ich möchte es aus seinem Mund hören.
„Nein“, sagt Roy schmunzelnd und nimmt mir meine Schultasche von den Schultern, um sie sich selbst umzuhängen. Das wäre geklärt, doch eine Frage bleibt immer noch. Warum hat er es sonst getan? Und als hätte er meine Gedanken gelesen, erzählt er mir: „Nenn mich egoistisch, aber ich wollte Zeit mit dir verbringen.“
Überrascht schaue ich ihn an. Wie kann er das nur so direkt sagen?
„Guck nicht so“, sagt er lachend und zieht mich an meiner Hand weiter, da ich stehen geblieben bin. Nun laufen wir Hand in Hand die Straßen entlang. Wohin weiß ich nicht. Ich folge einfach Roy und genieße diesen Moment. Unsere Hände sind immer noch ineinandergelegt und ich frage mich, warum sich so etwas Kleines so gut anfühlen kann.
An einer Bushaltestelle bleiben wir stehen und stellen uns gegenüber. Wir haben seit dem Parkplatz nicht mehr miteinander gesprochen und es war auch nicht nötig.
„Tragen das eigentlich alle an deiner Schule?“, möchte Roy wissen und zeigt auf meine Schuluniform.
„Ja, warum?“ Verwirrt schaue ich den hübschen Jungen an, der mich mit seinen schwarzen Augen mustert. Er muss doch wissen, dass Schuluniformen Pflicht sind.
„Ich finde einfach, dass Mädchen nicht so rumlaufen sollten. Manche Männer könnten dabei auf falsche Gedanken kommen“, sagt er und schaut mir nun leicht schmunzelnd in die Augen und aus einem unerklärlichen Grund kann ich spüren, wie meine Wangen warm werden und sich vermutlich rot verfärben, was eigentlich unmöglich ist, denn ich werde nicht so leicht rot, wie die Mädchen in diesen kitschigen Romanen. Aber aus irgendeinem Grund schafft es Roy, dass meine Wangen eine andere Farbe annehmen. Bevor ich noch weiter darüber nachdenken kann, kommt ein Bus neben uns zum Stehen, in den wir auch einsteigen. Nun müssen wir unsere Hände loslassen, damit wir uns durch den vollen Bus drängen können.
Doch die Kälte, die sich augenblicklich in meinem Körper ausbreiten will, hat gar nicht genügend Zeit, denn in diesem Bus ist es so voll, dass Roy und ich uns ganz eng aneinanderstellen müssen. Ich berühre ihn zwar nicht, kann dennoch die Wärme spüren, die er ausstrahlt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das mir Roy verleiht. Ich kenne ihn kaum und doch fühlt es sich an, als wäre er schon immer ein Teil meines Lebens.
„Das war nicht sehr nett, was du vorhin mit Mason angestellt hast. Wir hatten wirklich Spaß“, sage ich lächelnd und schaue hinauf in Roys dunkle Augen.
„Wer hat gesagt, dass ich nett bin? Außerdem hättest du nicht mitkommen brauchen“, entgegnet er und nimmt eine Hand aus seiner Tasche, damit er sich an einer Stange im Bus festhalten kann.
„Du hast gesagt, mein Dad hat dich geschickt“, antworte ich und ziehe meine Augenbrauen in die Höhe.
„Ja, aber du wusstest, dass ich lüge.“ Mit einem fast teuflischen Grinsen schaut er mich nun an. Einzelne Haarsträhnen liegen ihm auf der Stirn und ich bin wie so oft, wenn ich ihn sehe, fasziniert von diesem Jungen.
Nun kann ich es mir nicht verkneifen, breit zu grinsen. Roy macht etwas mit mir, das ich nicht beschreiben kann. Er fordert mich heraus und macht mich irgendwie selbstbewusster, was komisch ist, denn ich bin immer so nervös, wenn er in der Nähe ist.
„An was denkst du gerade?“, möchte er wissen und schaut mich mit seinen intensiven Blicken an.
„Wir müssen hier raus“, antworte ich, anstatt seine Frage zu beantworten. Ich wusste nämlich nicht, ob ich ihn anlügen konnte und die Wahrheit ist mir dann auch zu peinlich.

SeelenliebeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt