Es ist ein ganz normaler Mittwochnachmittag, den ich mit meinen zwei besten Freunden im Billy's verbringe. Übrigens ein sehr angesagter Laden, da er nur die Straße runter, nicht weit von unserer Schule entfernt ist.
Zu dieser Zeit befinden sich ausschließlich Jugendliche in dem Laden, auch welche aus anderen Schulen.
„Hat Mason noch mal mit dir gesprochen?“, möchte Ava wissen, die gerade von ihrem Milkshake trinkt und gar nicht mitbekommt, wie Noah sie anschaut. Bis jetzt hat er noch nicht mit ihr gesprochen, denn wenn er das hätte, wäre Ava sofort zu mir gekommen.
„Nein, aber er lächelt mich immer an, wenn wir uns im Flur begegnen“, antworte ich. Dass ich Mason mittlerweile interessant finde, verrate ich jedoch nicht. Vielleicht ist es bloß eine kleine Schwärmerei und dann wäre die ganze Aufregung umsonst.
Und gerade in diesem Moment, als ich am wenigsten damit gerechnet habe, betritt der schönste Junge, der mir je begegnet ist, den Laden. Die Klingel über der Ladentür ertönt und Roy läuft mit gesenktem Blick zu dem Tresen. Die Kapuze seines Hoodies hat er aufgesetzt und wie immer trägt er nur dunkle Klamotten.
„Bin gleich wieder da“, sage ich zu meinen Freunden, was sie verwirrt aufschauen lässt, was ich nicht weiter kommentiere. Mit wenigen Schritten erreiche ich ebenfalls den Tresen und stelle mich neben Roy. Doch er bemerkt mich gar nicht. Erst als ich ihn mit einem „Hey“ begrüße, schaut er zu mir auf und beginnt zu lächeln.
„Was machst du hier?“, möchte ich wissen und schaue ihn ebenfalls lächelnd an.
„Schicke Uniform“, antwortet er stattdessen und eigentlich sollte es mich nicht wundern, dass er auf meine Fragen nicht antwortet, doch es stört mich. Deswegen frage ich auch noch mal: „Was machst du hier?“ So lasse ich auch seine Bemerkung unkommentiert, vielleicht sieht er so, dass es sich nicht unbedingt angenehm anfühlt.
„Hole mir einen Kaffee. Habe die Nacht nicht viel geschlafen und habe gleich Training bei deinem Dad“, antwortet er knapp und überreicht Billy das Geld für seinen Kaffee. Am liebsten würde ich nachfragen, warum er nicht viel Schlaf bekommen hat, aber das geht dann doch zu weit. Wir kennen uns noch nicht so lange, da weiß ich nicht ob solche Fragen überhaupt gestattet sind. Außerdem hat er sein winziges Lächeln verloren, als er mir geantwortet hat, was mir signalisiert, dass er nicht weiter darüber reden möchte.
„Man sieht sich, Fanny“, verabschiedet er sich und bevor ich etwas erwidern kann, ist er schon verschwunden.
Eins bin ich mir sicher, Roy ist eine Person mit vielen Geheimnissen. Er ist nicht wie meine anderen Freunde und wirkt eher verschlossen. Wenn er etwas von sich Preis gibt, dann nur so viel, dass man zufrieden gestellt wird. Aber nie lässt er einen mehr von sich wissen.
Mit einem Seufzer mache ich mich wieder auf den Weg zu unserem Tisch und kann schon deutlich die neugierigen Blicke von Ava und Noah auf mir spüren.
„Wer war denn der Schnuckel?“, fragt Ava sofort mit einem deutlichen Grinsen. Mir ist klar, dass sie jetzt alles wissen möchte. Aber was kann ich ihr schon groß erzählen? Ich weiß selbst kaum etwas.
Kurz schaut Noah Ava mit gerunzelter Stirn an, bevor auch er sagt: „Los, erzähl schon.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Roy macht bei meinem Dad im Ausbildungsprogramm mit. Ich habe ihn ein paar Mal gesehen“, antworte ich mit einem Schulterzucken und nehme anschließend einen Schluck von meinem Milkshake.
„Fanny steht auf böse Jungs“, sagt Ava und wackelt mit ihren Augenbrauen.
„Ach, spinn nicht rum.“ Genervt verdrehe ich meine Augen und schaue dann zu Noah.
Doch der scheint Ava auch zu zustimmen. „Na ja, so abwegig ist das gar nicht. Zuerst diese Sache mit Mason und jetzt Roy, der auf den ersten Blick auch nicht der bravste Junge zu sein scheint.“
„Erstens gibt es da keine Sache mit Mason und zweitens sollte man Menschen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen“, gebe ich genervt von mir. Obwohl ich es nicht leugnen kann, dass Roy durch sein Auftreten mit Leichtigkeit den Ruf eines Rebellen erfüllen kann. Aber wer weiß das schon?
Wenig später laufe ich durch die Straßen Londons auf dem Weg zu meinem Dad, um ihn auf Arbeit zu besuchen. Ich bin selten zu Fuß unterwegs zu Dad, weil das hier keine ungefährliche Gegend ist. Aber von der Bushaltestelle sind es nur zehn Minuten zu Fuß und um diese Uhrzeit ist es hier so sicher wie in meinem Viertel – fast.
Die Begegnung vorhin mit Roy geht mir immer noch nicht aus dem Kopf. Er war heute so anders, so distanziert. Obwohl er gelächelt hat, war es nicht so wie sonst. Kein Schimmern in seinen Augen und keine Wärme, die ihn umgeben hat. Er war einfach kalt. Ich würde ihn am liebsten fragen, was ihn beschäftigt und was sein Geheimnis ist. Doch dafür kennen wir uns zu wenig und außerdem glaube ich, dass er es mir gar nicht erzählen würde, selbst, wenn ich ihn fragen würde. Dafür ist er einfach zu verschlossen. Und ich kann nicht glauben, wie viel Zeit ich damit verbringe, über diesen hübschen Jungen nachzudenken.
„BUHH!“, kommt es auf einmal von der Seite und ich springe erschrocken zurück. Mein Herz schlägt schneller und mein Mund wird ganz trocken, sodass ich gar keinen Ton herausbekomme. Doch als ich sehe, wer der Übeltäter ist, der mir gerade den Schrecken meines Lebens verpasst hat, wird die Angst zur Wut.
„Spinnst du?!“, frage ich mit meiner wiedergefundenen Stimme und boxe Mason auf den Arm.
„Aua!“, beschwert dieser sich und reibt sich über die betroffene Stelle.
„Geschieht dir recht, wenn du mich so erschreckst. Was machst du überhaupt hier?“, frage ich ihn mit zorniger Stimme und versuche, gleichzeitig meinen Puls wieder in einen normalen Rhythmus zu bekommen.
„Habe Freunde hier. Was du hier machst, brauche ich dich ja nicht fragen“, antwortet er grinsend und fährt sich durch seine braunen Haare.
Ohne etwas zu erwidern, laufe ich einfach los. Mason begleitet mich und so schlendern wir nebeneinander her, ohne miteinander zu sprechen. Es müsste auch nicht mehr weit sein bis zum Trainingszentrum.
„Hast du dir eigentlich schon Gedanken gemacht über mein Angebot?“, fragt Mason nach einigen Sekunden der Stille. Er hat die Hände in seinen Hosentaschen und läuft mit circa einem Meter Abstand zu mir.
„Ja“, antworte ich knapp, füge dann aber noch hinzu: „Ich würde gerne mit dir etwas machen, so lange es kein Date ist.“
Grinsend schaut mich Mason an und verspricht mir dann: „Kein Date.“
„Ich habe am Freitag Zeit. Wir können direkt nach der Schule etwas machen“, schlage ich vor und kann nicht verhindern zu lächeln, denn irgendwie freue ich mich darauf, etwas mit Mason zu machen. Seit dem Kindergarten haben wir nicht mehr so viel miteinander geredet, geschweige denn Zeit zusammen verbracht.
„Geht klar“, antwortet er lachend, bevor wir stehen bleiben, denn wir sind an dem großen Gebäude angekommen. Vor der großen roten Stahltür sitzen ein paar der Jungs, die gerade Pause machen, unter ihnen befindet sich auch Roy. Mich hat er noch nicht bemerkt und bevor er das tut, wende ich meinen Blick ab und schaue in Masons Gesicht.
„Ich schätze, wir sehen uns dann morgen in der Schule“, beginne ich mich zu verabschieden und aus heiterem Himmel liegen Masons Lippen auf meiner Wange. Doch er entfernt sich nicht sofort von mir, sondern flüstert mir ins Ohr: „Ich freue mich auf Freitag.“ Dann schenkt er mir ein charmantes Lächeln und wendet sich von mir ab. Ich schaue ihm noch kurz hinter her, bevor auch ich mich von der Stelle bewege, und als wäre das noch nicht genug, finden meine Augen sofort Roys. Seine Stirn liegt in Falten und er schaut mich die ganze Zeit an, bis ich hinter der roten Stahltür verschwunden bin.
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Seelenliebe
RomanceIn Fannys Leben steht die Familie an erster Stelle. Was passiert, wenn ein Junge, mit tiefschwarzen Augen und dunklen Locken, versucht, sich in ihr Herz zu kämpfen? Fannys Leben ist bisher nicht besonders aufregend. Sie hat ihre Freunde und Familie...
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