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Es ist mal wieder soweit. Eigentlich nichts Besonderes, aber angesichts der letzten Monate etwas Seltenes. Ein ganz normaler Sonntag mag man denken, aber nicht heute. An diesem Sonntag ist es wieder soweit, die ganze Familie kommt zusammen. So was veranstalten meinen Eltern alle paar Wochen und meist ist das der einzige Tag, an dem wir alle zusammen sind. Ich kann nach Wochen meine Geschwister wiedersehen, die sich ihr eigenes Leben aufgebaut haben und nur noch selten zu Besuch kommen. Telefonate oder Nachrichten sind nicht annähernd so gut wie ein persönliches Treffen. Die Sehnsucht nach meiner Familie ist zwar kurzzeitig gestillt, doch vollends zufrieden bin ich damit immer noch nicht.
Auf den Esstisch wurde unser feinstes Geschirr gestellt und sogar mein Dad lässt es sich nicht nehmen, an diesem Tag ein weißes Hemd anzuziehen. Außer auf roten Teppichen oder besonderen Anlässen trägt er nie solch schicke Klamotten. Meist sehe ich ihn in Jogginghose und verschwitztem Shirt, aber streng genommen sind diese Klamotten ja eigentlich seine Arbeitssachen.
Auch ich habe mich ein wenig herausgeputzt. Zu meinem roten Samtkleid trage ich eine schwarze Feinstrumpfhose, meine schwarzen Lackschuhe und ein dünnes graues Jäckchen, das meine nackten Schultern bedeckt. Meine blonden Haare habe ich gelockt und die vordersten Strähnen aus dem Gesicht gesteckt.
Es sollte eigentlich nicht mehr lange dauern, bis die ersten eintreffen. Diesmal sind wir nur eine kleine Runde, der engste Kreis sozusagen. Meine Großeltern sind viel unterwegs und zu beschäftigt, um bei jedem Treffen anwesend zu sein. Aber das finde ich nicht ganz so schlimm, da sie manchmal am Wochenende zu Besuch kommen.
Als es das erste Mal an der Tür klingelt, ruft meine Mum aus der Küche: „Fanny, gehe du doch bitte unsere Gäste begrüßen.“ Wo mein Dad schon wieder geblieben ist, wüsste ich auch gern, doch so bleibt die Aufgabe an mir hängen. Allerdings muss man dazu sagen, dass es weitaus schlimmere Aufgaben gibt, als seine Familie zu begrüßen.
Schwungvoll öffne ich die weiße, schwere Tür und schaue in die schönen Gesichter von Jack und seiner Frau. Dass beide so gut wie zur Familie gehören, versteht sich von selbst. Jack war der treueste Begleiter meines Dads und auch meiner Mum hat er durch eine schwere Zeit geholfen. Seine Frau, Anna, gehört zur Familie, weil sie Jacks Seelenverwandte ist und sie ihn glücklich macht. Sie ist eine der schönsten Frauen, die mir je begegnet ist. Mit ihren blonden schulterlangen Haaren, den blauen Augen und dem wohlgeformten Gesicht. Wahrscheinlich ist sie deshalb auch Model geworden und der große Altersunterschied von zehn Jahren, fällt bei den beiden auch nicht wirklich auf.
Nachdem mich beide umarmt haben, bitte ich sie rein. Anna geht sofort zu Mum in die Küche und Jack macht sich auf die Suche nach meinen Dad.
Wenige Minuten später klingelt es wieder und als ich die Tür öffne, steht Isabella mit ihrem Verlobten vor mir. Sie sehen wie immer makellos aus. Meine älteste Schwester trägt ihre braunen Haare in einem hohen Pferdeschwanz, ihre grauen Augen mustern mich und ihre Körperhaltung ist streng, doch dann bildet sich ein Lächeln auf ihren vollen Lippen und sie sagt: „Man habe ich dich vermisst. Wie lange ist es her? Ein Monat?“ Fragend schaut sie mich an, bevor sie mich in ihre Arme zieht.
„Fünf Wochen“, antworte ich, während ich versuche, mich aus ihrem starken Griff zu lösen. Isabella ist Polizistin geworden, das war schon immer ihr Traum, doch seitdem sie die Zulassungsprüfung bestanden hat, trainiert sie ständig. Sie ist wirklich ehrgeizig und möchte immer in allem die Beste sein. Erst recht wegen ihres bekannten Nachnamens. Meist wird viel von uns erwartet. Wir McAllen Kinder hatten es noch nie wirklich leicht gehabt.
„Das war wieder zu doll, hab ich Recht?“, fragt sie entschuldigend und verzieht dabei ihr Gesicht.
„Alles gut. Ich lebe noch“, antwortet ich lachend und begrüße anschließend Lucian, ihren Verlobten. Er ist so was wie ihr Vorgesetzter und kann manchmal ziemlich einschüchternd wirken. Wahrscheinlich der Grund, warum meine Schwester und er so gut zusammenpassen. Isabella braucht jemanden, der ihr hitziges Temperament zügeln kann.
Anfangs bin ich auch ziemlich eingeschüchtert von Lucian gewesen und habe sehr großen Respekt vor ihm gehabt, doch dann habe ich sein Inneres kennengelernt und wusste sofort, dass es niemand Besseren für meine Schwester geben wird.
Auch die anderen sind nach und nach eingetroffen und nun sitzen wir alle beisammen an unserem großen Tisch. Ava sitzt neben mir und schwärmt, wie eigentlich immer, von Noah. Ihre Eltern unterhalten sich mit meiner Mutter, Emma und Valentin, die gleich nach Isabella gekommen sind.
Emma, meine andere Schwester, ist die Kreative von uns. Sie studiert Kunst am Goldsmiths College und wurde bereits für einige kleine Filmrollen engagiert. Bei ihrem einzigartigen Aussehen ist das auch kein Wunder. Blonde Haare und graue Augen sind eben gut zu vermarkten. Aber egal, was die Medien oder andere sagen, ich werde immer stolz auf sie sein. Sie ist so warmherzig und liebevoll, meine ganze Familie hat, was das betrifft, ein sehr großes Herz. Familienwerte werden bei uns ganz großgeschrieben.
Und um das Vorstellen zu vervollständigen, kommt noch mein Bruder, Valentin. Er ist noch nicht so lange ausgezogen, erst seit ein paar Monaten, um an der UCL Architektur zu studieren. Es scheint, als hätten all meine Geschwister ihren Platz in der Welt gefunden. Sie wissen genau, was sie wollen und was sie dafür tun müssen. Nur ich sitze irgendwie zwischen den Stühlen. Aber darüber habe ich mir schon oft genug den Kopf zerbrochen und bin im Endeffekt immer auf das gleiche Ergebnis gekommen. Ich kann mein Schicksal nicht beeinflussen und sollte einfach auf mein Herz vertrauen.
Gerade, als alle so ausgelassen miteinander reden, klingelt es an der Tür und es wird augenblicklich still. Eigentlich sind alle anwesend.
„Ich geh schon“, sage ich und noch bevor ich den Raum verlasse, ist es wieder lebendig im Esszimmer geworden. Alle unterhalten sich wie vorher, als hätte nie etwas ihre Gespräche unterbrochen.
In wenigen Sekunden habe ich den Eingangsbereich erreicht und stehe nun vor der weißen Tür, auf dessen Edelstahlklinke meine Hand ruht, die nur darauf wartet, dass ich sie zu mir ziehe und genau das mache ich auch. Ohne Erwartungen schaue ich in das Gesicht der Person, die mich mit einem Lächeln anschaut.
„Was tust du denn hier?“, frage ich überrumpelt.
„Na ja, da wir neulich in unserem Gespräch unterbrochen wurden, dachte ich wir wiederholen es“, antwortet er lächelnd und mit den Händen in den Hosentaschen seiner schwarzen Jeans. Ich glaube, das ist das erste Mal seit Jahren, dass ich ihn wieder in normaler Kleidung sehe und nicht in Schuluniform.
„Ich frage dich noch mal: Was willst du hier, Mason?“ Dabei gehe ich einen Schritt auf ihn zu und schließe gleichzeitig die Tür ein wenig.
„Das habe ich doch schon gesagt, unser Gespräch weiterführen.“
„Und dafür kommst du extra an einem Sonntag hierher? Wo hast du überhaupt meine Adresse her?“, frage ich ihn aufgebracht. Wenn er unbedingt mit mir sprechen will, hätte er auch noch die paar Stunden bis morgen warten können.
„Nun ja, die Schulakten sind nicht unbedingt versteckt und unser Direktor hat einen genauen Zeitplan, da ist es ziemlich leicht fünf Minuten ungestört in seinem Büro zu sein“, antwortet er schmunzelnd und fährt sich durch seine dichten braunen Haare. Auch ich kann nicht anders und muss nun leicht lächeln. Der Junge ist echt unglaublich! Unglaublich verrückt!
„Und jetzt zu meinem Grund, warum ich mir die Mühe gemacht habe und nun hier vor dir stehe. Hättest du vielleicht mal Lust, mit mir ins Kino zu gehen? Also ich meine jetzt kein Date, es sei denn du willst, dass es ein Date ist. Ganz zwanglos und ohne Verpflichtungen. Was hältst du davon?“
Was ich davon halte? Ganz ehrlich, keine Ahnung. Um es genau zu sagen, bin ich im Moment ziemlich überfordert.
„Du musst jetzt nichts sagen. Überlege es dir einfach, okay? Wenn du dir sicher bist, gib mir Bescheid. Ähm, hier hast du meine Nummer.“ Er überreicht mir einen kleinen zerknüllten Zettel. „Ich will auch nicht weiter stören. Man sieht sich in der Schule.“ Und so schnell wie er erscheinen ist, ist er auch schon wieder verschwunden und hinterlässt nichts als Leere in meinem Kopf. Das war gerade ziemlich merkwürdig.
Als ich wieder im Esszimmer bin, bemerkt kaum jemand mein Erscheinen. Nach einiger Zeit fragt meine Mum jedoch: „Wer war an der Tür?“
„Nur der Postbote“, antwortet ich knapp und widme mich anschließend meinem Essen vor mir, doch an Essen kann ich im Augenblick nicht denken.

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