Wattpad Original
Dies ist der letzte kostenlose Teil

❈ 6 ❈

4.6K 210 14
                                        

Wie jedes Wochenende bin ich auf der Suche nach einer Beschäftigung. Noah und Ava haben leider keine Zeit und können mir mit meiner Langeweile auch nicht helfen. Heute ist eigentlich ein schöner Tag, um in den Park zu gehen, sich in das Gras zu legen und die warmen Sonnenstrahlen auf sich zu genießen. Dieses Wetter sollte man meiner Meinung nach auch nutzen, denn bald kommt der Herbst und es wird trist und grau draußen. Seit meine Geschwister ausgezogen sind, verfalle ich immer öfter ins Nichtstun und ich hasse es, nichts zu tun. Warum hat kein Mensch auf dieser Welt Zeit?
Mum ist nicht zuhause, sie ist mit Veronica zum Shoppen verabredet. Aber Dad müsste noch irgendwo hier zuhause sein! Jetzt muss ich ihn nur noch finden, was gar nicht so leicht sein wird bei so einem großen Haus. Ich versuche es also mit der einfachsten und schnellsten Variante und rufe einmal laut „DAD!“, doch ich erhalte keine Antwort. Also fange ich ganz oben an und suche mich bis nach unten durch. Und wie es meistens so ist, fängt man mit seiner Suche immer am falschen Ende an. In unserem kleinen Heimkino, welches sich im Keller befindet, finde ich ihn schließlich.
Doch er ist nicht alleine. Neben ihm sitzt Roy auf der schwarzen Ledercouch. Beide schauen sich alte Videos von Boxern an, die mit meinem Dad zusammengearbeitet haben. Noch haben die beiden mich nicht entdeckt, weshalb ich die Gelegenheit nutze und mir Roy einmal genauer anschaue. Er schaut gespannt auf die Leinwand vor ihm und hört meinem Dad interessiert zu. Wie immer trägt er schwarze Klamotten, was zusätzlich mit seinen dunklen Haaren und Augen einen Kontrast zu seiner blassen Haut bildet. Selbst seine Sommersprossen kann ich aus dieser Entfernung entdecken.
Ich kann es nicht verhindern und muss anfangen zu lächeln. Wahrscheinlich hatte Dad recht, ich mag Roy. Aber es ist anders, anders als bei Noah, den ich bloß als besten Freund ansehe. Nein, bei Roy ist es anders. Er ist einfach anders.
Allerdings hat es Roy nicht nur mir angetan. Auch Dad mag ihn sehr. Er hat mir zwar erklärt, warum, aber irgendetwas in mir sagt mir, dass da mehr dahintersteckt. Er sieht ihn nicht nur als Schüler an, sondern viel mehr als einen Sohn. Dad geht anders mit Roy um, er nimmt Rücksicht auf ihn und fordert ihn mehr, was wie ein Widerspruch klingt, im Endeffekt aber Tatsache ist. Beim Training verlangt er mehr Leistung von ihm als von den anderen und trotzdem achtet er auf ihn.
„Willst du dich zu uns setzen?“, fragt plötzlich Dad. Auch Roy schaut zu mir auf und lächelt mich an, also nicke ich und setze mich neben Roy, mit etwas Abstand, auf die Couch.
„Wo ist deine Mum?“, möchte mein Vater wissen.
„Mit Veronica shoppen“, antworte ich und er nickt verstehend. Anschließend richten beide ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Leinwand und schauen sich die Videos an. Dad gibt Roy manchmal kleine Tipps und sagt ihm, worauf er achten soll. Er erzählt ihm, wie er seine Technik verbessern kann, und Roy hört ihm aufmerksam zu. Er saugt jedes Wort auf und nimmt es sich wirklich zu Herzen, was Dad ihm sagt. Von außen betrachtet ist es faszinierend, wie die beiden miteinander umgehen. Sie haben so viel Respekt voreinander, was wirklich beeindruckend ist. Ich beobachte diese Situation noch eine weitere Stunde, bis sich mein Dad an mich wendet.
„Ich muss mich noch mit Jack treffen“, sagt er. „Willst du hier bleiben oder soll ich dich nach Hause fahren?“, fragt er an Roy gewandt.
Dieser schaut zu mir und antwortet: „Ich würde noch hier bleiben, wenn es Fanny nichts ausmacht.“ Er schaut mich abwartend an, woraufhin ich bloß mit den Schultern zucke.
„Okay dann bis später und macht keine Dummheiten“, verabschiedet sich Dad von uns, doch bevor er geht, drückt er mir noch einen Kuss auf die Stirn und verschwindet dann aus der Tür.
Für eine Weile bleibt es still. Roy und ich schauen uns in dem Raum um. Was sollen wir auch sagen? Es wundert mich eh, dass Roy hier bleiben wollte. Das würde nämlich bedeuten, dass er Zeit mit mir verbringen möchte und das wiederum würde bedeuten, dass er mich mag. Bei diesem Gedanken schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen, was auch Roy zu bemerken scheint.
„Was ist so lustig?“, möchte er wissen und zieht seine Stirn in Falten.
„Nichts, ich musste bloß an etwas denken“, antworte ich und streife eine verirrte Haarsträhne hinter mein Ohr.
Es wird wieder still, doch nach einer Weile fragt Roy: „Was ist eigentlich hinter der Tür?“ Er deutet auf eine weiße Tür gegenüber von uns.
„Da geht es zu unserem Pool“, sage ich und erhalte einen erstaunten Blick von Roy.
„Es sollte mich eigentlich nicht überraschen, dass ihr einen Pool habt. Immerhin sitze ich in diesem krassen Raum. Aber deine Familie schafft es immer wieder, mich zu überraschen.“ Schmunzelnd fährt sich Roy durch sein dichtes schwarzes Haar.
„Willst du ins Wasser?“
„Ich habe keine Badehose mit“, spricht er das Offensichtliche aus, doch mich würde das nicht vom Baden abhalten.
„Dann eben mit Klamotten. Oder hast du Angst vorm Wasser?“ Provozierend schaue ich ihn an und wie erwartet springt er von der Couch auf und geht zu der Tür.
„Na komm. Oder hast du Angst vorm Wasser?“, macht er mich nach und hält mir die Tür offen.
Wir betreten den Raum und es kommt uns eine schwüle Luft entgegen. Hier drin ist es wirklich warm. Mein Blick wandert zu Roy, der sich genau umschaut. Durch die Reflexion der Lichter, die auf Roys Gesicht fallen, wirkt er nur noch geheimnisvoller. Es ist egal, was dieser Junge macht, er sieht einfach immer gut aus.
Ich stelle mich neben Roy an den Beckenrand und wir beide starren nun auf das Wasser, welches durch die farbigen Fliesen blau schimmert.
Plötzlich spüre ich keinen Boden mehr unter meinen Füßen und finde mich in Roys Armen wieder. „Was soll das?“, frage ich ihn überrascht.
„Ich sorge dafür, dass wir beide nass werden und du mich nicht ins Wasser schmeißt und dich dann über mich lustig machst“, antwortet er mit einem unbeschreiblich schönen Lächeln, doch ich kann dieses Lächeln nicht länger bewundern, denn das nächste was ich spüre ist Wasser, welches sich um meinen ganzen Körper legt. Als ich auch mit dem Kopf unter Wasser bin, schließe ich die Augen und versuche, das ekelhafte Gefühl zu ignorieren, welches durch meine Klamotten, die an meinem Körper kleben, verursacht wird. Ich tauche wieder auf und nehme ein paar kräftige Atemzüge, bevor ich mich nach Roy umsehe. Dieser steht nicht weit entfernt von mir und ist dabei, sich über mich lustig zu machen. Aber ich bin ihm nicht böse, denn eigentlich hat er mich durchschaut. Mein Plan war es, trocken zu bleiben.
Roy schwimmt zum Rand und als er dort ankommt, zieht er sich sein T-Shirt aus. Wahrscheinlich findet er es genauso unangenehm wie ich, wenn die nassen Klamotten am Körper kleben. Aber anders als er, werde ich mein Oberteil nicht ausziehen. Das wäre dann doch zu viel nackte Haut.
Der Anblick seines muskulösen Rückens beeindruckt mich schon ein bisschen und ich verfluche mein Gehirn für die Gedanken, die ich gerade habe. Als Roy sich wieder zu mir umdreht, ziert ein schelmisches Grinsen seine Lippen, denn er hat mein Starren mitbekommen, lässt es aber zum Glück unkommentiert. Er kommt wieder auf mich zu geschwommen und streift sich seine Haare nach hinten, als er bei mir angekommen ist.
Wir beide schauen uns nur an, keiner sagt ein Wort. Da mir diese Stille allerdings zu unangenehm wird, spritze ich Roy Wasser ins Gesicht. Das ist der Beginn einer langen Wasserschlacht, in der wir uns gegenseitig unter Wasser tauchen, durch das Becken jagen und ganz viel lachen. Kindisch, ich weiß. Aber es macht eben Spaß, so Zeit mit Roy zu verbringen. Im Moment bin ich dabei, vor ihm zu fliehen, was im Wasser gar nicht so leicht ist. Doch Roy ist nicht nur gut im Boxen, sondern auch im Schwimmen. Er hat mich ziemlich schnell eingeholt und ein Entkommen gibt es für mich nicht wirklich, da ich ausgerechnet in eine Ecke geflüchtet bin, wie dumm!
„Ich hoffe, ich habe dir bewiesen, dass ich keine Angst vor dem Wasser habe“, sagt er mit einem aufgesetzten gefährlichen Grinsen, während er sich mir langsam nähert.
„Oh ja, das hast du“, antworte ich genauso lächelnd.
Roy kommt immer noch auf mich zu und mittlerweile trennt uns nur noch ein knapper Meter.
„Wer bist du?“, rutscht es mir auf einmal raus. Eigentlich war es nur geflüstert und sollte gar nicht ausgesprochen werden. Vielleicht hat es Roy gar nicht mitbekommen. Aber sein abruptes Stehenbleiben verrät mir, dass er es sehr wohl mitbekommen hat. Ich habe die Frage ausgesprochen, die mir seit unserer ersten Begegnung im Kopf herumgeistert. Ich möchte endlich wissen wer hinter diesem mysteriösen Jungen mit den Tattoos auf den Armen steckt. Wenn ich Roy sehe, sehe ich bloß ein großes Fragezeichen, das für unzählige Fragen steht und dessen Antworten ich nicht kenne. Aber ich möchte alles wissen. Ich möchte alles von Roy wissen und ich möchte, dass er mir all diese Antworten gibt.
„Wenn ich das nur wüsste, Fanny“, flüstert er ebenso leise zurück. Überrascht wegen der Intensität, wie er meinen Namen ausgesprochen hat, schaue ich auf in seine schwarzen Augen und erkenne nichts als Fragen.
Roy kommt mir wieder näher und zum ersten Mal lerne ich die Bedeutung von Schmetterlingen im Bauch kennen. Mir war nie bewusst, wie es sich anfühlen könnte, wenn sich flattrige Insekten in meinem Bauch befinden, doch jetzt weiß ich es und zum ersten Mal gibt mir Roy eine Antwort. Vielleicht ist er sich dessen nicht bewusst, aber mir reicht es fürs Erste. Da diese Situation allerdings sehr ungewohnt ist, bekomme ich etwas Panik und gehe an Roy vorbei.
„Ich gehe mal nachgucken, ob mein Bruder noch ein paar Sachen hier hat, damit du dich umziehen kannst.“ Ohne noch einmal zu Roy zu schauen, verlasse ich das Schwimmbecken und mache mich auf die Suche nach trockenen Klamotten.

icon lock

Zeig deine Unterstützung für Jasmin Bennet und lies diese Geschichte weiter

von Jasmin Bennet
@JasminBennet
In Fannys Leben steht die Familie an erster Stelle. Was passiert, wen...
Kaufe einen neuen Teil der Geschichte oder die komplette Geschichte. So oder so, deine Münzen helfen Autoren, Geld zu verdienen mit den Geschichten, die du liebst.

Diese Geschichte hat 26 verbleibende Teile

Schau dir an, wie Münzen deine Lieblingsautoren wie @JasminBennet unterstützen.
SeelenliebeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt