Ich bin noch immer wach und frage mich, wieso. Die letzten Tage bin ich immer spätestens um 1 eingeschlafen; durch die neuen Medikamente - und da haben wir es. Ich habe vergessen, meine Abendmedikation einzunehmen. Deswegen kann ich nicht schlafen. Diese Situation ist schon öfter eingetreten und jedes mal verdrehe ich die Augen. Das kann es doch nicht sein, dass ich ohne Tabletten nicht mehr schlafen kann. Ich habe das alles so satt. Ich fühle mich so erbärmlich mit dem Wissen, dass ich ohne sie noch weniger funktionieren würde als jetzt. Also gar nicht mehr.
Seit über drei Jahren nehme ich jeden morgen Sertralin, ein SSRI bzw. selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Wie der Name schon sagt, verhindert das Medikament, dass der Neurotransmitter Serotonin immer wieder in die Präsynapse aufgenommen wird und somit dann im synaptischen Spalt hängenbleibt. Durch die höhere Serotoninkonzentration dort soll man glücklicher werden. Oder so. Ich habe Biologie immer gehasst, aber wenn es um Botenstoffe im Gehirn ging, war ich Expertin. Das ist eigentlich schon sehr armselig, wenn man über so viel Wissen verfügt, was Medikamente und Wirkstoffe in der Körperchemie angeht, und das alles nur, weil man krank ist und sich notgedrungen damit auseinandersetzen muss. Aber nicht nur Medikamentenkunde habe ich mir im Laufe der Jahre angeeignet, sondern auch sämtliche Bestandteile der Haut und die Bestimmung von Verbrennungsgraden, um festzustellen, wann medizinische Versorgung meiner selbst zugefügten Verletzungen nötig war. Außerdem kenne ich mich hervorragend mit den Risiken und Folgen von Essstörungen aus, besonders mit den Schäden, die selbstinduziertes Erbrechen dem Gastrointestinaltrakt zufügen kann. Und, nicht zu vergessen, kenne ich auch die Beschwerden und Folgen, die mit Suizidversuchen durch Medikamente einhergehen.
Mit meinem Wissen könnte ich schon fast Medizin studieren. Hätte ich ein 1,0er Abitur. Aber wie soll ich das jemals erreichen, wenn ich ohne Medikamente nicht mal schlafen kann? Ich habe es immer wieder versucht, mit verschiedensten Mitteln und verschiedensten Dosierungen. Und nichts hat langfristig geholfen. Momentan nehme ich abends ein tetrazyklisches Antidepressivum,welches schlafanstossend wirkt. Und wenn ich es nicht vergesse, hilft es auch recht gut. Doch die Nebenwirkungen sind verheerend, Gewichtszunahme, Mundtrockenheit und Autofahren darf ich auch nicht mehr, nachdem ich das Medikament genommen habe.
Wie soll ich unter diesen Voraussetzungen jemals einem normalen Alltag nachgehen können?
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Gedankenrausch
General FictionDie Melodie eines Lebens. Ein Monat im Kopf einer verwirrten Seele. "Sie war ein Mysterium. Niemand verstand sie, am wenigsten jedoch verstand sie sich selbst. " cover: 13breaths abgeschlossen: 11.09.2017 best ranking: #42 in Aktuelle Literatur...
