Dunkelheit umfing mich. Doch es war nicht die normale Dunkelheit, die einfach nur lichtlos ist. Es war vielmehr eine lebendige, sich um mich drängende und alles in sich verschlingende Finsternis. Es war das Gefühl, als würde ich in pechschwarzem Wasser versinken. Ich versuchte an die Oberfläche zu gelangen, doch je mehr ich kämpfte, desto tiefer wurde ich in die Dunkelheit gezogen. Irgendwann ließen meine Kräfte nach und ich gab auf.
Plötzlich wurde es hell und ich konnte sehen, dass ich auf einer Plattform stand, umgeben von brennenden, wogenden Wellen. Ich schrie um Hilfe, doch niemand antwortete. Die Flammen schwappten auf die Plattform, steckten meine Hose in Brand und loderten an meinem Körper empor. Doch da wo sie mich berührten war es eiskalt. Schreiend sank ich auf die Knie.
Mit einem Mal kniete ich nicht mehr auf der Plattform, sondern auf einer gläsernen Fläche. Unter mir erstreckte sich eine bodenlose Schlucht. Ich sah mich um. Vier Gestalten standen um mich herum, ihre Gesichter unter Kapuzen versteckt. Vorsichtig stand ich auf. Plötzlich zogen die Gestalten ihre Kapuzen ab. Ich erkannte meine Schwester, Pietro und einen der Kittelträger. Doch als ich die andere Person ansah, erstarrte ich. Sie hatte lange, flammende Haare, aber anstatt einem Gesicht nur eine blanke, hautfarbene Fläche.
Die Personen gingen einige Schritte zurück, bis sie auf sicherem Boden standen. "Entscheide!" Die Stimme schien von nirgendwo zu kommen. Ohne nachzudenken rannte ich auf meine Schwester zu. Doch das Glas brach und ich stürzte ab. Kurz bevor ich auf dem Boden aufschlug, stand ich wieder auf der Glasfläche. Die Personen standen wie vorhin ohne Kapuzen am Rand der Schlucht. Anders war nur, dass auf der Stirn meiner Schwester ein roter Strich prangte. Dann war da wieder die körperlose Stimme: "Entscheide!"
Ich dachte diesmal länger nach und ging schließlich auf den Kittelträger zu. Wieder brach das Glas und wieder stand ich auf der Glasfläche. Der Kittelträger hatte nun zwei rote Striche auf der Stirn. "Letzter Versuch. ENTSCHEIDE!" Jetzt erkannte ich, was das rote Zeichen bedeutete. Es waren Zahlen. Das war meine letzte Chance. Ich musste richtig wählen.
Erst wollte ich auf Pietro zugehen, doch als ich sah, wie er mich dämonisch grinsend anblickte, entschied ich mich anders. Vorsichtig ging ich auf die gesichtslose Gestalt zu. Ein Schritt, warten, noch einen Schritt, es passierte nichts, also noch einen Schritt. Mit einem Mal stand ich auf festem Boden und direkt vor der gesichtslosen Person. Ich sah zu, wie mein Traum-Ich die Hand nach der blanken Fläche der Gestalt ausstreckte. Doch als ich sie berührte, hatte die Gestalt plötzlich ein Gesicht.
Und zwar eines, das mir schmerzlich vertraut war. Es sah mich jeden morgen im Spiegel an. Die Person drehten sich um und ging aus dem kleinen Bad ins Schlafzimmer. Sobald sie verschwand begann auch ich zu verschwinden. Panisch klopfte ich an die Glasscheibe des Spiegels. Doch niemand hörte mich. Ich war allein in der Finsternis.
Schweißgebadet und schwer atmend wachte ich auf. Doch anscheinend war ich in den nächsten Albtraum gerutscht, denn mein Zimmer brannte lichterloh . Schwarzer Rauch stieg in dicken Wolken bis zur Decke und vernebelte mir die Sicht. Helle Flammen schwärzten die Wände und das Bett, in dem ich lag, brannte wie Zunder. Doch das Feuer fühlte sich nicht heiß an. Es war vielmehr angenehm warm.
Ich sprang auf, kippte aber sofort um und kam unsanft auf dem Boden auf. Vollkommen erschöpft kämpfte ich mich bis zu einer Wand, zog die Beine an und hoffte, ich würde aufwachen. Aber das geschah nicht und es fühlte sich auch nicht wie ein Traum an. Der Feueralarm bewirkte, dass meine Ohren klingelten und, obwohl ich saß, wurde mir schwindelig. Der Raum drehte sich und ich hatte das Gefühl zu fallen.
Plötzlich ging die Sprinkleranlage an und Unmengen eiskalten Wassers regneten auf mich nieder. Das Schwindelgefühl verging. Innerhalb kürzester Zeit war der Großteil des Feuers gelöscht und ich saß durchnässt und frierend am Boden. Seltsamerweise fühlte ich mich kaum noch erschöpft. Ich zog mich am Türrahmen hoch, als die Tür aufflog und Leute mit Feuerlöschern hineinstürmten um den Rest des Feuers zu löschen. Eine Frau blieb bei mir stehen. "Bist du verletzt?" Ich schüttelte den Kopf.

DU LIEST GERADE
Fire and Quicksilver
FanfictionRuby führte ein ganz normales Leben. Zumindest so normal, wie ein Leben in einer Forschungseinrichtung für genetische Mutationen sein kann. Doch dieses Leben wurde auf einmal auf den Kopf gestellt, als das Labor bei einem Angriff in Flammen aufging...