Eine Novelle:
Ein Wissenschaftler, eine Erfindung, eine Verwicklung mit tragischem Ausgang.
Iakob Greif war ein großer Visionär der Neurowissenschaft. Aufgrund seiner Progressivität, die Einigen als Träumerei galt, wurde er häufig missverstanden, v...
Der graue Lappen glitt immer und immer wieder über den alten Eichentisch am Kamin. Schon seit einiger Zeit war kein noch so kleiner Speiserest des gestrigen Abends mehr zu erkennen. Doch ließ Rosie nie vom Polieren ab, bis auch der letzte Tisch im Morgenlicht glänzte. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht ihren wenigen, aber treuen, Gästen das Beste zu bieten, wozu sie im Stande war.
Die meisten von ihnen waren schon Stammgäste gewesen, als Rosie noch hinter dem Tresen spielte und ihrem Vater zusah, wie er diese Herberge führte. Er lächelte immer und war beliebt im ganzen Dorf. Sogar die Gemeinderatssitzungen fanden häufig in dem Holzgetäfelten Schankraum statt und führten eigentlich immer dazu, dass das Wirtshaus in Fluten von kleinlichen Diskussionen ertrank. Deshalb begaben sich viele Gäste an solchen Tagen frühzeitig zu Bett.
Doch schon in den letzten Jahren, die ihr Vater als Wirt verbracht hatte, waren zunehmend weniger Gäste erschienen, um ihre freien Tage in Feldbirn zu verbringen und dieser Wandel hielt auch in ihrer Zeit an. Teilweise war Rosie erfreut, wenn sich wenigstens einmal im Monat ein Gast in das beschauliche Feldbirn verirrte und um ein Zimmer im traditionsreichen Gasthof bat. Auch für die nächsten Monate lagen ihr keine Buchungen vor. Einzig und allein die alten Stammgäste hielten sie und die Herberge ihres Vaters über Wasser.
Nun, da sich Rosie beinahe in der Tischplatte spiegelte, richtete sie sich auf, legte den Lappen zur Seite und ging zum Sessel am Kamin, unter dem sich ein dunkles Fellknäuel befand. Sie streichelte durch das Fell, worauf es seine Form verlor und ein heller Bauch zum Vorschein kam. Ihr Hund, Lutz, war schon ein tolles Tier, so ruhig wie er war, bemerkte man ihn kaum und doch erfüllte er den leeren Raum mit unbeschreiblicher Wärme.
In Erwartung, dass sie frühestens am Nachmittag mit den ersten Gästen rechnen musste, ließ sich Rosie in den roten Samt fallen und nahm ihr Buch vom gedrechselten Beistelltisch. Ihre Augen zogen über das bedruckte Papier, welches ihr immer wieder Unterhaltung an diesem trostlosen Ort spendete, und vertiefte sich in die mystische Nebenwelt.
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Rosie erschrak, als ihr Hund plötzlich bellte und richtete sich auf. Da sie das Klacken von Schuhen auf dem Hofpflaster hörte, wand sie ihre Augen zum Fenster.
Dort schob sich gerade eine kleine Person mit einem an eine Tonsur erinnernden Haarkranz vorbei. Es war ohne Zweifel der ründliche Organist Elias Bax mit seinen Hamsterbäckchen, der sie immer und immer wieder mit langwierigen Ausführungen über die Geschichte der Herberge und ihre Bedeutung für Feldbirn, dem bewundernswertesten Städtchen im ganzen Land, langweilte.
Der kleine Hobbit hatte auf seiner Reise anscheinend einen Gefährten gewonnen. Es war eine hagere hochgewachsene Gestalt im grauen Mantel. Die anmutigen Gesichtszüge hatten etwas Mystisches, doch wurde dieser Eindruck von der einem Schnabel recht ähnlich wirkenden Nase zerstört.
Der Gefährte schien kein Verwandter von Bax zu sein - so einen Unterschied brachte noch nicht einmal Mutter Natur in eine Familie - weshalb sich Rosie unweigerlich fragte, wie dieser Gast in die Finger des Organisten geraten war.