1| Des Fremden Ankunft

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Es war ein sonniger Morgen im frühen Herbst. Elias ging spazieren, wie er es immer an schönen Tagen tat. Die laue Herbstsonne ließ die taubenetzten Wiesen funkeln, während er gemächlich einen Fuß vor den anderen setzte.

Er genoss diese Morgenstunden, in denen er mit der Natur des kleinen Tals ganz für sich allein war. Sie riefen in ihm eine Ahnung des ländlichen Idylls hervor, wie es vor der Industrialisierung der Landwirtschaft ausgesehen haben musste. Dort, wo mittags Traktoren die Landschaft mit einem für ihn schier unerträglichen, fast schmerzhaften Geräuschpegel durchpflügten, waren morgens einzig die Vögel im nahen Tannenwald zu vernehmen.

Als Elias nun den Vögeln beim Tirilieren lauschte und horchte, wie sich Klangkaskaden gleich einem unerbittlichen trillernden Kampf gegeneinander auftürmten, mischte sich ein dunkler Unterton in den Klang. Man könnte es erst für ein kleines Intermezzo in der morgendlichen Sinfonie halten, doch schwoll es brummend in einem langsamen, aber unaufhaltsamen Crescendo an, bis auch die letzten Vögel zu verstummen schienen.

In tiefer Trauer um die erloschenen Harmonien öffnete Elias seine Augen.

Vom Berg hinab schlich sich auf der alten, vor Schlaglöchern strotzenden Landstraße der in die Jahre gekommene rote Bus, welcher seit  geraumer Zeit in dieser Gegend seinen Dienst verrichtete

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Vom Berg hinab schlich sich auf der alten, vor Schlaglöchern strotzenden Landstraße der in die Jahre gekommene rote Bus, welcher seit geraumer Zeit in dieser Gegend seinen Dienst verrichtete. Das Gefährt polterte bei jedem Loch, welches es mitnahm, und quälte sich schnaubend über die vielen Hügel am Waldessaum.

Als die Linie Nummer 6 ihre Arbeit aufnahm, gab es nur wenige Dorfbewohner, die sich nicht über die schnellere kostengünstige Anbindung an die Stadt freuten. Elias jedoch gehörte zu dieser Gruppe. Er hatte nie aufgehört, Protest einzulegen, denn das Leben im Tal war, wie er befürchtet hatte, nur noch hektischer und lauter geworden.

Alle Beschwerden bei der Kreisverwaltung blieben jedoch unerhört. Selbst Elias' Ratschlägen, die Buslinie rechne sich aufgrund der wenigen Fahrgäste besonders morgens nicht, wurde keine Achtung gezollt. So konnte all diese Mühe nicht verhindern, dass ihm die wenigen Stunden der morgendlichen Besinnung letztlich doch genommen wurden.

Seiner Abneigung gegen das stinkende Gefährt zum Trotz schlug Elias den Weg zur Bushaltestelle ein, um erneut die Menschenleere für die Verkehrsbetriebe zu protokollieren. Doch als er über die grasbewachsene Hügelkuppe kam, welche die Haltestelle von den Feldern abtrennte, staunte er nicht schlecht. Am Straßenrand, wo der Bus gerade noch gehalten hatte, stand eine hagere Person im grauen Mantel.

Zuerst zögerte Elias, doch entschied nach einigem Überlegen schließlich, sich dem Fremden zu nähern, sei es auch nur darum, zu erfahren, was einen Menschen dazu veranlasste, früh morgens in seinem  Tal zu erscheinen

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Zuerst zögerte Elias, doch entschied nach einigem Überlegen schließlich, sich dem Fremden zu nähern, sei es auch nur darum, zu erfahren, was einen Menschen dazu veranlasste, früh morgens in seinem Tal zu erscheinen. Beim Näherkommen beobachtete er den Neuankömmling, der sich nicht von der Stelle rührte und unverhohlen in Elias' Richtung blickte, als warte er darauf, ihn zu begrüßen.

Elias ging langsam vorwärts, schlich fast, da ihm der bohrende Blick der grünen Augen, die gesamte Szenerie, ungeheuer war. Als er bis auf etwa ein Dutzend Schritte an den fremden Mann herangekommen war, weiteten sich dessen Augen.

Ein dünnes Lächeln trat auf den Mund des Fremden, während er sich auf der Stelle umdrehte, um Richtung Dorfzentrum davonzugehen. Elias, plötzlich von einer schier unstillbaren Neugier gepackt, rannte dem Fremden hinterher und griff ihn am rechten Arm.

Flink, fast elegant, drehte sich der Gehaltene um und befreite seinen Arm mit einer Kraft, die man ihm kaum zutraute, aus dem Griff der filigranen Finger. Die Augen des Fremden fixierten Elias, während er ihn ankeifte: »Was fällt Ihnen ein, leben etwa nur unzivilisierte Menschen in dieser Gegend?!«

Von den harschen Worten des Fremden überrumpelt, zog Elias vorsichtig seine Hand zurück. »Keines Falls, verzeihen Sie vielmals. Ich war bloß so neugierig, was...«

»Emotionen bezwingen zu häufig den Geist und führen zu unüberlegtem Handeln. Merken Sie sich das!« Mit diesen Worten drehte sich der Fremde um und wollte seinen Weg fortsetzen, doch wurde er abermals von Elias aufgehalten: »Ich hoffe, Sie entschuldigen meine Neugier, doch sie ist unstillbar erregt. Was treibt Sie so früh am Morgen nach Feldbirn?«

Der Fremde schien von dieser Frage nicht sonderlich überrascht. »Ich suche Erholung von einigen erschöpfenden Angelegenheiten, mit denen ich mich in letzter Zeit auseinandersetzen musste«, antwortete er. »Deshalb habe ich Hals über Kopf die Flucht ergriffen, um hier einige Zeit unterzukommen.« Ohne dass Elias ihm etwas entgegnen konnte, fuhr der Fremde fort: »Nun entschuldigen Sie vielmals, dass ich beim Lauschen gestört habe. Ich lasse Sie am besten mit ihren Vögeln allein und suche mir eine Unterkunft.« Nachdem er dies gesagt hatte, lief der Fremde schnellen Schrittes Richtung Dorfzentrum.

Elias hingegen blieb mit vor Erstaunen geöffnetem Mund zurück.

Der GedankenleserGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt