POV Alexis
Die Tatsache, dass sie wieder ein Land unterworfen hatten, wurde von den Römern ausgiebig gefeiert, einzig die Sklavenhändler mussten arbeiten. Ein gewonnener Krieg bedeutete Nachschub an Sklaven und als Sklavenhändler machte man am meisten Profit. So war Alexis, wie so oft, gezwungen, ihren Vater an reihen um reihen voll gefesselter Menschen vorbei zu begleiten. Alle von ihnen sahen sie unterschiedlich aus, manche hatten lange, andere kurze Haare. Die Gesichter wieder anderer waren von Sorgesfalten zerfurcht, manche trugen narben von einem Kampf davon. So wirklich auffallen tat ihr niemand. So waren sie im Grunde doch alle mit demselben Schicksal gesegnet. Sie würden einer Familie als Sklave dienen, dies war das ihnen auferlegte Schicksal.
Doch bevor sie zu einer Familie kamen, wurden sie an einen Sklavenhändler verkauft. Und so standen sie nun dort auf dem Grundstück ihrer Familie, in Reih' und Glied und wurden von Attilas eingehend begutachtet. Es waren an die hundert mit einem hellen und weißen Teint und um die zwanzig mit braun gebrannter Haut.Die geschäftlichen Dinge ihres Vaters interessierten sie wenig. Gerne hielt sie sich im Hintergrund auf, sprach nur, wenn sie sprechen musste. Viel lieber hielt sie sich auf dem Esquilin auf, dem Hügel, auf dem die Tempel der Götter zu finden waren. Alexis war ein sehr gewissenhafter Mensch. Sie verehrte die Götter sehr gründlich, ebenso, wie sie immerzu auf die Worte des Kaisers, der sie oft zu sich einlud, hörte.
Sie liebte ihr Leben als gehorsame Römerin, wusste nichts besser zu machen. Und egal, wie gerne sie der Einladung des Claudius gefolgt wäre und ihm Gesellschaft geleistet hätte, sie musste ihrem Vater zur Seite stehen, so wie jede gehorsame Tochter es auch tat. Demnach saß sie im Schatten eines großen Baumes und beobachtete ihren Vater. „Alle Taugenichtse!", fluchte dieser gerade. Damit fuhr er herum. „Alexis, filia. Hilf mir beim Wählen!" Das gehorsame Mädchen sprang auf und lief zu ihm. Dabei fiel ihr ein junge in der letzten reihe auf, der sich ängstlich an einen in braun gekleideten Mann drückte. Er konnte kaum älter als sie selbst sein. „Pater? Wer ist das?" Genervt blickte der Mann zu dem jungen. „Ein kleiner Junge, mehr nicht. Du sollst helfen!" Seine Hand schnellte hervor und traf ihre Wange mit einem widerlichen Klatschen. Ihr Kopf flog zur seite und deren zierlicher körper taumelte. Tränen traten in ihre Augen. „Wenn du mir nicht helfen willst, geh aus meinen Augen! Ii!" Sie hielt sich die pochende Wange und flüchtete förmlich aus dem Hof.Auf halbem weg im Haus wurde sie von einem Körper aufgehalten, der sich zwischen sie und ihr zimmer schob. Phillia, ihre Mutter, sah ihre tochter besorgt an. Alexis rannen Tränen über die Wangen, ihre linke begann bereits blau zu verfärben. „Hat er dich schon wieder geschlagen?", fragte sie das kleine Mädchen entsetzt. Diese nickte nur, wurde an die Brust der für sie sanftesten Person gezogen. „Du weißt, dass ich nichts gegen ihn machen kann, Alexis..." Sie schluchzte, nickte aber. Das wusste sie allerdings. Es verstieß gegen die Regeln der Gesellschaft sich gegen Vater oder Ehemann zu stellen. Die Männer waren die Herren im Haus, niemand aus der Familie durfte sich gegen sie stellen. „Komm. Geh zu Claudius.", sagte ihre Mutter sanft, das Kind in ihren Armen nickte. „Ja, Mater..." Sie lächelte und schob Alexis einem Sklaven, der gerade vorbeieilte, in die Arme. „Bringe sie zum Kaiser und komme sofort zurück, hast du verstanden?" Jener nickte und legte der zehnjährigen eine Hand ins Kreuz, schob sie nach draußen.
Alexis hatte es schon immer gehasst, wie sie im Palast des Kaisers angestarrt wurde. Sie hasste es, wenn die Frauen -Gäste des Kaisers- sie ohne ersichtlichen Grund anrempelten, doch entschuldigten und beteuerten, sie nicht gesehen zu haben. Niemals glaubte sie diesen Frauen. Der Palast, den einst Nero erbaut hatte, war so groß, dass problemlos zehn Menschen hätten nebeneinander stehen können. Doch der ganze Gang war, abgesehen von Alexis selbst, frei.
„Das sind alles Neider, Alexis. Kümmere dich nicht um sie." Kaiser Claudius zog das Mädchen mit sich durch die Gänge. Bald war von selben Besuch weder etwas zu sehen, noch zu hören. Mit Schrecken verstand sie, dass er sie geradewegs in seine privaten Räume geführt hatte. „Du solltest ihnen keinen Glauben schenken, ignoriere sie. Sie sind neidisch, weil ich nunmal dich und nicht sie gern habe." Ein Lächeln breitete sich auf Alexis' Gesicht aus. „Sind sie das wirklich, Claudius? Sind Sie neidisch auf mich?" Er drehte sich zu ihr um. „Natürlich sind Sie das! Du bist wie eine Tochter für mich, sie sind doch bloß ein paar reiche Bürgerrinnen. Niemals könnte ich ihnen die Zuneigung schenken, die ich dir gebe, filia!", erklärte er, während seine Hand eine wegwerfende Bewegung ausführte.
Sie selbst sog scharf die Luft ein, als er sie filia nannte. Filia stand für Tochter, doch Alexis war sich sicher, nicht von seinem Geblüt zu sein. Wäre er nicht der Kaiser, hätte man ihn wegen Hochverrat verhaftet. Doch da er eben dieser war, konnte keiner ihn etwas vorschrieben. Einige Minuten liefen sie schweigend nebeneinander her. Vorbei an prunkvollen Marmor und Bronze Büsten von längst vergangenen Herrschern, riesigen Vasen mit ägyptischen Symbolen, karthagischen Kriegstrophäen und anderen Platzhaltern, direkt zu seinem privaten Wohnzimmer. Sie empfand es als seltsam, hier zu sein. Und das, obwohl sie beide jedes ihrer unzähligen Treffen in genau diesem Raum abhielten, sich über banales und geschäftliches, von dem Alexis wenig verstand, unterhielten und dabei zusammen Speis' und Trank zu sich nahmen. Es erschreckte sie jedes Mal aufs neue in seine privaten Räume zu gelangen. Immerhin waren es so viele, dass sie sich leicht hätten verirren können. Mittlerweile kannte sie den Weg zwar, doch sie konnte nicht gerade auf ihren Orientierungssinn schwören. Dieser versagte sehr oft, meist an unpassenden Stellen. Einige Minuten lang erzählte er ihr von Britannien, einem so kalten Ort, dass die Soldaten dort Felle tragen müssten, wie sie herausfand. Es schien ihn wirklich zu freuen, dass die Römer wieder ein längs unterworfen hatten. Vielleicht freute er sich auch nur, weil seine Macht mit diesem Stück Land wieder um einiges gewachsen war.
Die Zeit verging. Zuhören war eines der obersten Gebote, wenn man mit dem Kaiser sprach. Und dies beherrschte Alexis perfekt. Bei ihr Zuhause wurde nie viel erzählt, bloß einige Sätze beim Essen gewechselt. Atmosphäre kam da nie wirklich auf. Und das war der Grund, weshalb sie so unglaublich gerne bei Claudius war. Denn er erzählte ihr viele Dinge, er brachte ihr das schreiben und lesen bei, obwohl es sich nicht für ein Mädchen gehörte, so etwas zu können. Doch der Kaiser wollte für das Mädchen nur das beste. Sie sollte irgendwann einmal ebenso reich und begehrt werden, wie ihr Vater es war, aber in einem anderen Geschäft. Denn wie Grobheit dieses Mannes seinen Kindern und seiner Frau gegenüber hatte er schon oft beobachtet. So auch an diesem Tag. Wann immer er Alexis ansah, sah er bloß ihre blaue Wange und Zorn machte sich in ihr breit. Unbändiger Zorn auf diesen Mann, der seine Familie so verschandelte. Sie hingegen hatte den Vorfall schon beinahe vergessen. Beinahe. Denn der Junge wollte ihr nicht aus dem Kopf. Auch, als sie bereits auf dem Rückweg nach Hause war, dachte sie an seine Haselnussbraunen Augen. Sie bewunderte ihn, dafür, dass er durchgehalten hatte, trotz seines jungen Alters. „Filia! Veni!" Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Alexis war bereits auf dem Gelände ihres Hauses, doch am liebsten würde sie sich umdrehen und wegrennen. Sie hatte Angst vor dem Mann, der ihr so viel leid zufügte, doch widersetzten konnte sie sich nicht. Also tat sie was er sagte und ging zu ihm.
Beim Anblick der verkniffenen Miene ihres Vaters, wäre sie am liebsten wieder weggerannt. Doch das könnte sie jetzt nicht bringen, also sah sie ihn verschreckt an. „Alexis, es tut mir leid. Ich habe heute überreagiert.", sagte er erstaunlich sanft. Sie selbst staunte nicht wenig über den Sinneswandel. „Aber~" „Tace!", knurrte er, dann sprach er sanft weiter. „Und deshalb möchte ich dir einen Sklaven schenken." Er winkte jemandem zu und sie hörte, wie jemand unsanft aus dem Schatten gestoßen wurde. Und sie konnte ihren Augen nicht trauen, als ihre blauen in die Braunen des Jungen vom Morgen blickten.
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Pugna et Ama!
Historical FictionBritannien, 44 vor Christus. Die Römer fielen in das Land ein und unterwarfen das Volk. Zu den unterworfenen gehörte unter anderem Delian, ein Junge der dadurch seine gesamte Familie auf grausame Weise verlor und nach Rom auf den Sklavenmarkt versc...