Kapitel 2.

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Jason

Die Boxhandschuhe an meinen Händen waren bereits abgenutzt. Blutig. Dreckig. Aber mit ihnen hatte mich hochgekämpft. Vom Straßenkind mit nichts außer Talent zu einem Straßenkind, vor dem die meisten Respekt hatten. Nicht umsonst war Teddy bei uns sicher. Oder Wendy und Violet. Nicht umsonst hatten wir immerhin meistens etwas zu essen.
"Jay!" Mik packte mich an den Schultern. Er war mein Mann. Der, der alles regelte. Und dem ich meinen Erfolg zu verdanken hatte. Er war gerade mal 22, aber somit immerhin 6 Jahre älter als ich. Und stärker. Aber Mik kämpfte nicht. Nie. "Jay. Hör mir zu."
Ich nickte und ballte meine Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte ich meinen nächsten Gegner einfach niedergedroschen. Auf der Stelle. Sofort. Aber Mik liebte diese Gespräche vorher. Ich nicht. Mir ging es ums Kämpfen. Nicht ums Dumm-herum-reden. Das konnte ich nicht gebrauchen. Besonders jetzt nicht.
Teddy hatte etwas ausgelöst, dass ich nicht beschreiben konnte. Er hatte es nicht mit Absicht gemacht. Natürlich nicht. Aber es machte mich aggressiv. Angreifbar. Verwundbar. 
Niemand durfte meine Schwächen kennen. Niemand. Nie wieder.
"Jay!" Mik stieß mich zwischen die Rippen.
Ich zuckte zusammen.
"Konzentriere dich." Er seufzte. Presste Daumen und Zeigefinger auf den Nasenrücken. "Was ist los mit dir?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Was soll sein? Bin ganz normal."
Mik zögerte. "Sicher?"
Ich nickte.
Er gab auf. Wenn ich nicht freiwillig redete, dann gar nicht. Er hatte das verstanden. Mik kannte mich.
"Pass trotzdem auf. Der Typ ist 24 und gerissen wie sonst was." Mik schien wirklich beeindruckt.
Dabei vergaß er wohl, wer ich war. Ich. Gnadenlos. Schnell. Brutal. Stark. Doppelt so gerissen wie jeder andere. Schlau. Erbarmungslos. 
Ich spuckte auf den Boden. "Fangen wir an. Ich will Gras und Whiskey." Ich lockterte die Schultern und trat aus dem alten Schuppen heraus, der eigentlich als Abstellzimmer für alles benutzt wurde. Aber wir Boxer bewahrten dort unsere mickrige Ausrüstung und Erste-Hilfe-Kästen auf.
Die getrocknete Grasfläche war mit Absperrband umzäunt. Einen richtigen Ring gab es nicht. Das hier war illegales Boxen. Ein öffentlicher Ring in dem Hinterhof eines Bordells wäre schon auffällig. Dicke Backsteinmauern umgaben alle vier Seiten. Mauern ohne Fenster.
Die Sonne blendete mich. Eine Sekunde. Durch den einzigen Gasseneingang zum Hinterhof.
Im ersten Moment sah ich nur den schwarzen Umriss meines Gegners.
Dann den Rest.
Und verdammt. Er war heiß. Heiß, trainiert und bereit mich zu töten.
Ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinab. Trotz der Hitze.
Scheiße.

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