Kapitel 5

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Sie legte die Sachen aufs Bett und ging zur Scheibe, um die Gardine zu zuziehen, dann nahm sich die erste Hose. Sie war hübsch geschnitten, generell war sie ein wenig weiter, nur an den Knöcheln war sie mit einem Gummi eng gerüscht. Sie zog sie an und war überrascht, trotz des weiten Schnittes machte sie die Beine schlank und sie beschloss, sie anzubehalten. Jetzt widmete sie sich den Oberteilen. Das erste war rot und seltsam geschnitten, es lief an der Seite spitz zu, anstatt gleichmäßig verteilt zu sein. Es war zwar hübsch, jedoch nicht ihr Stil. Also legte sie es zurück und nahm das nächste. Sie hielt den Atem an, es war perfekt. Es hielt sich in einem wunderschönen azurblau, obwohl es dabei mit Ornamenten verziert war. Außerdem war der Stoff seiden und leicht. Es hatte etwas wunderbar altmodisches an sich, denn die Ärmel liefen spitz bis zu ihren Mittelfingern aus, wie bei einem Prinzessinnenkleid. Schnell zog sie es über, es passte wie angegossen. Sie fuhr sich noch einmal durch die Haare, dann zog sie die Gardienen bei Seite und trat hinaus. Er drehte sich zu ihr um und blieb wie angewurzelt stehen, er sah aus als hätte er einen Geist gesehen. Nervös nestelte sie an ihren Ärmeln herum. Warum sagte er denn nichts? Hatte sie sich geirrt und sah in Wahrheit scheußlich aus? Als er sich nach geraumer Zeit noch immer nicht gerührt hatte, sprach sie es aus. „Sieht es so schlimm aus?“ Er sah aus als hätte sie ihn aufgeschreckt, er schüttelte den Kopf, als wollte er so einen Gedanken verscheuchen. „Nein,“ sagte er. „Nein, ganz im Gegenteil. Ihr seht hübsch aus.“ Ohne dass sie es verhindern konnte wurde ihr heiß, er fand sie hübsch. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen und er lächelte. „Ich habe meinem Freund versprochen, dass ich ihn heute besuchen kommen würde. Du hast die Wahl, entweder du bleibst mit einer meiner Wachen –zum Beispiel Ilias –hier, oder du kommst mit. Also?“ Sie wollte nicht irgendwohin gehen und dumm herum sitzen, während er sich mit seinem Freund amüsierte. Aber mit diesem Ilias allein hier bleiben? Auf gar keinen Fall! „Ich möchte mitkommen.“ Er lächelte, als schien er entweder damit gerechnet, oder darauf gehofft zu haben. „In Ordnung, aber wir müssen uns rausschleichen, also seid bitte leise.“ Sie verdrehte nur die Augen, als ob sie das nicht in den letzten Tagen gelernt hätte. Schnell drehte er sich um und lief los, sie hatte mühe, mit ihm mitzukommen, er war ein ganzes Stück größer als sie. Dass ihr das jetzt erst auffiel, was hatte sie sonst noch übersehen? Er sah sich um und bemerkte es. „Entschuldige, aber ich bin es gewohnt allein hierher zu gehen.“ Er drosselte sein Tempo ein klein wenig, aber sie lief nach wie vor hinter ihm, wo sie ihn im Auge behalten konnte. Sicherheitshalber. Urplötzlich blieb er stehen und sie wäre beinahe in ihn hinein gerannt. Er legte den Finger an die Lippen und deutete auf einen Aufgang. Zwei mit Schwertern bewaffnete Männer standen dort und hielten Wache. Irritiert sah sie ihn an. „Wo sind wir hier eigentlich, dass hier überall Wachen herum stehen?“ fragte sie ihn. Das war ihr vorhin schon seltsam vorgekommen, als er gesagt hatte sie könne mit einer seiner Wachen hier bleiben. Da hatte sie nicht weiter nachfragen wollen, doch allmählich fand sie das alles extrem seltsam. Er legte den Kopf schief, er schien nicht zu wissen, was er ihr erzählen sollte, dann zuckte er lediglich mit den Schultern und sagte: „Im Königlichen Palast.“ In einem Palast? Aber wenn er von seinen Wachen sprach, dann würde das ja bedeuten... „Wer seid ihr?“ fragte sie. Was würde sie tun, wenn er ihre Vermutung bestätigte? Wie sollte sie sich dann verhalten? Jetzt sah er traurig aus, bereute er es, ihr erzählt zu haben wo sie waren? Er seufzte. „Ich bin der Kronprinz, deshalb müssen wir uns auch rausschleichen, weil sie mich sonst nicht ohne Wachen aus dem Haus lassen würden.“ Er streckte den Arm aus, so als wolle er nach ihrer Hand greifen, doch sie schreckte vor ihm zurück. Ein Kronprinz? Sie war von einem Prinzen entführt worden? Das wurde ja immer besser! Einen Moment lang verzog er dass Gesicht, dann hatte er sich wieder im Griff. „Weißt du, nur weil ich dir erzählt habe wer ich bin, bin ich nicht anders als vorher.“ Sie hob den Kopf. „Ich habe dir auch vorher nicht vertraut, aber diesem Ilias vertraue ich schlichtweg noch weniger.“ Sie hoffte inständig, dass das tatsächlich der Wahrheit entsprach, aber sicher konnte sie sich da nicht sein. Plötzlich packte er ihre Hand und zog sie einfach hinter sich her. Sein Mund war nur noch ein schmaler, weißer Strich, es schien ihm nicht zu gefallen, was sie zu ihm gesagt hatte. Die Wachen waren verschwunden und sie huschten durch das Tor. Hinter einem Busch hielt er inne und lies sie los. „Ich muss euch nicht mitnehmen.“ Zischte er mit schneidender Stimme. Schnell wandte sie dass Gesicht ab, ihr kamen schon wieder die Tränen. Warum herrschte er sie so an? Sie war entführt worden und hatte alles Recht dazu ihm zu Misstrauen! Das war nicht fair von ihm. Sie hörte wie er seufzte. „Es tut mir leid. Es war gemein von mir euch anzuschreien. In Ordnung?“ Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er schien es ernst zu meinen, also wischte sie sich über die Augen und nickte. Er lächelte und stand auf. „Kommt, wir gehen weiter.“ Sie erhob sich ebenfalls und ging hinter ihm her. Nachdem sie eine Weile an der Mauer entlang gegangen waren, kamen sie zu einem großen, jedoch flachen Gebäude, aus dem gedämpftes wiehern kam. Mit großen Augen wandte sie sich ihm zu. „Sind das Pferde?“ fragte sie leise. Ohne sich umzudrehen nickte er, „Das sind die Stallungen.“ Ungesehen schlüpften sie durch die Tür hinein. In Boxen standen etliche von süßen Pferden. In allen Farben, mit kurzen und langen Mähnen. Es war Traumhaft. „Mögt ihr Pferde?“ Erst jetzt bemerkte sie, dass er sie schon seit sie eingetreten waren ganz genau beobachtete. Verlegen lies sie ihr Haar über die Schulter fallen, so dass er ihr Gesicht unmöglich noch sehen konnte. Sie nickte. Er deutete ans Ende des Stalles. „Meine Ash steht dort hinten rechts. Kommt.“ Schnell gingen sie ans andere Ende. Sie blieben vor der letzten Box stehen und jetzt sah sie auch, warum er das Tier Asche getauft hatte. Es war beige, erinnerte jedoch trotzdem irgendwie an Asche, ohne, dass sie hätte sagen können weshalb. Als sie stehen blieben hörte sie hinter sich ein Stampfen. Der Junge beachtete es nicht, ging in die Box des Pferdes, holte es heraus und ging mit ihm nach vorne zurück um es zu satteln. Sie blieb jedoch hinten und drehte sich zu dem Geräusch um. Vor ihr in der Box stand ein bildhübscher Hengst, er war pechschwarz, sogar seine Mähne und er sah sie unverwandt an. Sie sah zurück, die braunen Augen wirkten sanft. Vorsichtig streckte sie die Hand aus, das Pferd kam näher und schnupperte daran. Plötzlich kam der Junge angelaufen. „Nicht,“ rief er. „Es ist gefährlich, es steht in der letzten Box, weil es alle beißt und es keilt. Passt besser auf.“ Verwundert sah sie ihn an, ohne jedoch die Hand runter zu nehmen. „Wieso? Es ist doch ganz lieb.“ Er stellte sich neben sie und sah verwirrt zwischen ihr und dem Pferd hin und her. „Das ist seltsam. Normalerweise lässt es niemanden an sich heran.“ Vorsichtig streckte jetzt er die Hand aus und das Pferd schnappte nach ihm. „Seht ihr!“ „Vielleicht macht ihr ihm ja auch Angst.“ Sie streckte erneut die Hand aus und es lies sich von ihr streicheln. „Seht ihr. Es ist ganz lieb.“ „Aber auch nur bei euch,“ murmelte er. Sie öffnete die Boxentür und ging herein. Er wollte sie zurückhalten, doch das Pferd wollte ihn wieder beißen. Sie gab ihm einen Klaps auf den Hals. „Das macht man nicht.“ Rief sie aus. Empört warf es den Kopf zurück und schüttelte sich, machte jedoch keinerlei Anstalten sie zu beißen.

Des Prinzen Aquamarin {On Hold}Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt