#49

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Ich schluckte und sah zögernd zu Jisung, welcher sich nach seiner Frage gegenüber von mir auf der Couch niedergelassen hatte.

Erwartungsvoll, aber auch besorgt, blickte er mich an und schien auf meine Antwort zu warten, während ich ihm nicht in die Augen blicken konnte. Ich hatte geahnt, dass er irgendwann danach fragen würde und anders war es auch nicht zu erwarten.

Ich hätte das ja auch wissen wollen.

Tief einatmen, tief ausatmen, aufhören so nervös zu blinzeln, danke.

"A-also.. es ging um Jeongin, also meinen besten Freund..", fing ich schließlich an und blinzelte trotz meiner Gedanken hektisch, wie ich es oft tat, wenn ich nervös war.
Es war einfach eine Angewohntheit von mir, welche ich schwer unterdrücken konnte.

"E-er... er... also er hat.. er ist jünger als ich, gerade mal 15. Er hat einen Freund, der 18 ist, hat eine Menge Freunde, ist glücklich, hübsch und ist,.. ist eigentlich ein ganz normaler Junge, w-wie eigentlich jeder andere", stammelte ich weiter.

Wie genau ich ihm von Jeongins Krankheit erzählen sollte, wusste ich nicht, das war schließlich nicht etwas, was man jeden Tag erzählt bekam.

Aber wahrscheinlich sollte ich einfach bei A anfangen, bei Z aufhören und nichts auslassen. Die ganze Geschichte.

Aber ich wusste auch nicht, wieviel ich ihm erzählen durfte, immerhin war das im Prinzip Jeongins Entscheidung. Warum ist alles nur so schrecklich kompliziert?

"Er ist eigentlich wie jeder andere?", hakte Jisung nach, seine Stimme klang sanft und er schien mich nicht drängen zu wollen.

Jisung hatte so einen niedlichen, perfekten Charakter und war ein fantastischer Junge. Meistens tat er so, als wäre er älter als ich und das gefiel mir, aber mehr mochte ich es auch, wenn er zeigte, dass er jünger war. Und wenn er seine Gefühle zuließ, da mir das sein Vertrauen zeigte.
Er hatte mir immerhin selber gesagt, dass er nur schwer seine Gefühle zeigen kann.

Ich dachte nach, wie ich meinen nächsten Satz förmulieren sollte und sah dann hoch und in Jisungs Augen.

"Jeongin hat Krebs. Lungenkrebs", sagte ich einfach gerade hinaus, meine Formulierungen für den Satz verwerfend. Kurz und knapp.

Schmerzlos.

Wie, als würde man ein Pflaster abziehen.

Jisung schien geschockt, aber ich redete schnell weiter, bevor er was sagen konnte. "Und er könnte im Prinzip jeden Tag sterben. Es wurde zu spät entdeckt, als dass eine Therapie noch was geändert hätte. Und gestern..."

Ich schluckte. "Gestern hatte er einen Anfall und daraufhin eine lebenswichtige OP. Ich hatte Angst, dass er es nicht schafft, es war schon zweimal knapp gewesen.."

Jisung sah mich mit geweiteten Augen an. "Aber er hat es geschafft oder?", fragte er schließlich und griff nach meiner Hand, wobei es aber nicht so schien, als hätte er das selber bemerkt.

Er hatte oft meine Hand genommen an diesem Tag und war generell anhänglich gewesen. Vielleicht hatte er es oft nicht gemerkt, aber ich fand es einfach niedlich. Er war generell niedlich, auch wenn er gerade einen auf älter tat.

"Ja, hat er...", nickte ich und musste ein wenig lächeln.

Jeongin hatte unfassbares Glück gehabt. Das hätte gewaltig in die Hose gehen können.

Jisung strich sanft über meinen Handrücken und ich spürte, wie mein Herz ein wenig zu flattern begann.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, wenn Innie eines Tages nicht mehr da war. Natürlich hatte ich Jisung, aber er ist eben nicht so wie Jeongin. Ich kannte ihn schon seit 2 Jahren und er kannte mich in- und auswenig, wusste alles über mich. Wenn ich schon wegen einer OP so verrückt vor Sorge geworden bin, konnte das nicht gut enden.

"I-ich... ich hatte so eine Angst..", murmelte ich und spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Konnte ich denn gar nichts erzählen, ohne direkt loszuheulen? Erbärmlich.

Ich presste meine Augen zusammen und ließ meinen Kopf hängen, die Tränen konnte ich damit aber nicht aufhalten. Ein Schluchzen verließ meine Kehle und kurz darauf spürte ich, wie Jisung mich an sich drückte.

"Ich bin für dich da, Hyung", murmelte er mir leise zu, strich mir sanft über den Rücken und durchs Haar.

Ich konnte nicht antworten, da ich immer wieder vom Schluchzen unterbrochen wurde. Einige Zeit lang flüsterte Jisung mir weiterhin aufmunternde Sätze zu und hörte nicht auf, mir über den Rücken zu streichen und Muster zu malen.

- - -
3 Uhr morgens, eben dieses Kapitel fertig geschrieben und jetzt bin ich müde, das ist ein seltendes Phänomen. Das nächste Kapitel ist wieder Texting. See ya~.
[Edit 2020: Es ist 1:19 Uhr, ich hab mich nicht gebessert xD]

STRANGER ᵐⁱⁿˢᵘⁿᵍWo Geschichten leben. Entdecke jetzt