Kapitel 2

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„Verdammt!" knurrte Nathaniel lautstark. Da rennt dieses dumme Ding einfach so gegen einen MiniVan. Allerdings – vielleicht hatten sich seine Probleme damit erledigt? Sie hatte ihn beim trinken sehen können. Und kein Mensch durfte das. Den Menschen ist die Existenz seiner Art seit Jahrhunderten verborgen geblieben und er wollte nicht der eine sein,der das änderte.

Zumal er sich extra für die Nahrungsaufnahme in Schatten gehüllt hatte. Eigentlich sollte er so vor den Augen von Menschen und anderen Kreaturen geschützt sein. Aber dieses Mädchen konnte durch die Schatten hindurch sehen und ihm damit direkt ins Gesicht. Wer oder was war dieses Mädchen?

Er sprang durch die Schatten direkt zu ihrem Körper. Der Aufprall ist heftig gewesen. Es hat sie mehrere Meter weit zum Seitenstreifen geschleudert. Sie blutete ausverschiedenen Wunden am Körper und ganz definitiv ist das Bein gebrochen. So unnatürlich wie es absteht wäre es ein Wunder wenn nicht. Ihrem Kopf zierte eine heftige Platzwunde und an ihren Extremitäten bildeten sich erste Hämatome.

Das Mädchen musste nach dem Aufprall sofort bewusstlos gewesen sein. Oder ist sie schon tot? Nein, dass Herz schlug noch. Dank seiner geschärften Sinne konnte er es durch ihren Brustkorb hindurch hören. Nathaniel beugte sich zu ihr herunter und ein kleiner Funken Mitleid erhaschte ihn.

Aus dem Minivan hörte er nun schreie. Eine korpulente Frau mittleren Alters saß am Steuer und starrte den bewusstlosen Körper an. Und dann schrie sie wieder. Vielleicht ein Schock? Jetzt öffnete sich die Tür und die Frau stolperte zu ihnen. „I-Ist sie tot? Sie ist einfach so auf die Straße gerannt, ich konnte nicht bremsen, Scheiße verflucht!" Die Frau drehte sich auf ihren Stöckelschuhen hastig im Kreis herum und hielt immer wieder ihren Kopf. Ihre burschikos kurzen Haare standen mittlerweile Kreuz und Quer vom Kopf ab.

Diese schrille Stimme bohrte sich durch seinen Kopf direkt in sein Gehirn. Ätzend. „Nein, sie ist nicht tot" antwortete er emotionslos. „Dann müssen wir sofort einen Krankenwagen rufen, hier ist alles voller Blut, oh nein oh nein, sie wird sterben wenn wir nicht sofort was unternehmen ..." Moment mal,WIR? Er hatte gar nichts mit diesem Mädchen zu tun und sollte sie jetzt hier abnippeln – was äußerst wahrscheinlich ist – dann sind seine Probleme gelöst.

Aber irgendetwas hielt ihn davon ab einfach zu gehen. „Frau! Halt jetzt deinen Mund!" brüllte er schon fast. Die korpulente Frau blieb abrupt stehen. „Bi-bitte w-was?" stammelte sie. Nathaniel schaute ihr direkt in die Augen. Durch ihre butterweichen, grünlichen Augen hatte er eine Verbindung zu ihrem Bewusstsein hergestellt. Sobald die Verbindung stand, war diese Frau vollkommen unter seiner Kontrolle. Naja, mehr oder weniger. Je nach „Opfer" konnte er ihnen Dinge einreden oder gar zu Handlungen überreden. Unter seines Gleichennannte man diese Fähigkeit suadere.

„Du hast ein Reh angefahren. Dieses Reh ist weg gerannt. Du hast versucht, es zu finden, hattest aber keinen Erfolg. Du bist wieder in dein Auto gestiegen und hast das getan, was du vor dem Unfall tun wolltest." Die Frau machte große Kulleraugen und Tränen liefen ihre Wangen herunter. „Ein Reh? Ich habe ein Reh angefahren? Oh nein, das arme Ding. Ich hoffe, es musste nicht allzu sehr leiden. Ich sollte gleich morgen früh den zuständigen Jagdpächter anrufen!" schluchzte sie. „Ja, das solltest du." erwiderte Nathaniel. Solle sie doch den Jäger anrufen. Der würde ohnehin nicht raus kommen oder gar was finden. Sichtlich niedergeschlagen setzte sich die Frau wieder hinter das Lenkrad und fuhr mit ihrem Van davon. Sie würde tun, was sie tun wollte. Bevor das alles hier passiert ist.

Schnell drehte er sich wieder um und nahm das Mädchen auf seine Arme. Sie lebte noch. So halbwegs. Nathaniel sprang von Schatten zu Schatten und konnte so mehrere hundert Meter in wenigen Sekunden zurück legen. Am Ziel angekommen, materialisierte er sich aus den Schatten hinaus.

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