Kapitel 5

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 "So eine Scheiße!" fluchte Nathaniel. Da haut dieses Mädchen doch einfach ab und findet zufällig unter all den Dingen, die sie in der Zuflucht hätte finden könnten, Tane. Der arme Tane. Er hatte schon eine Menge durchgemacht. Und nun irrte er vermutlich auf den Straßen von Williamshaven umher auf der Suche nach einem Blutwirt. Wenn er nicht schon längst von der Sonne verbrannt worden war. Dabei war er fast wieder clean. Dass das alles passiert ist, ist seine Schuld gewesen. Er hätte nicht einschlafen dürfen. Aber Angehörige seiner Spezies, fällt es mit zunehmenden Alter immer schwerer am Tag wach zu bleiben. Besonders, wenn man schon einige Stunden auf den Beinen ist und in den letzten Tagen kaum geschlafen hat. Nun musste er Viktor nur noch erklären was passiert ist und hoffen, dass er ihn nicht aus der Zuflucht warf. Aber was hätte er tun sollen? Das Mädchen einfach sterben lassen? Nunja, vermutlich keine schlechte Idee wenn man bedachte, dass sie gesehen hatte wie er von einem Menschen getrunken hatte. Wie auch immer sie seine Schatten durchbrechen konnte.

Vor einer großen Flügeltür blieb er stehen und bevor er auch nur anklopfen und um Eintritt bitten konnte, öffnete Viktor selbst die Tür. Verflucht. Das ist kein gutes Zeichen. „Wusste ich es doch, dass du dafür verantwortlich bist, Nathaniel." Viktors Nasenflügel bebten. „Also, welche Geschichte steckt dahinter?!".

Sein Clan Chef ließ ihn das opulente Büro eintreten. Nussbaumfarbende Möbel, roter Teppich und goldene Akzente spiegelten den Reichtum des Clans wieder. Nate atmete durch und erzählte seinem Clan Chef die Geschichte, wie er das Mädchen erst in der Bar und später im Club gesehen hatte – und sie ihn beim trinken von der Vene. Außerdem von dem Autounfall und der anschließenden Wunderheilung. Viktor hörte gespannt zu und rieb sich sein markantes Kinn.

Nate musste zugeben, dass dieser Mann ihm eine Heidenangst einjagte. Auch wenn Viktor sich wie ein erfolgreicher Geschäftsmann kleidete, verbarg er unter den Anzügen und Hemden einen eiskalten Killer. Sein großer, tätowierter Körper und die kurzen, schwarzen Haare unterstrichen das noch einmal zusätzlich. Sicherlich waren seine Tage als Kämpfer schon lange vorbei, das hieß aber nicht, dass er Nate nicht in der Luft zerreißen konnte. Wenn er es denn wollte.

Viktor lebte schon viel länger als Nate und war somit auch viel stärker als er. Außerdem entstammte er einem Stamm kriegerischer Maori. Das kämpfen lag ihm also auch schon als Mensch im Blut. Grund genug erst einmal kleine Brötchen zu backen. „Und sie konnte durch deine Schatten sehen? Das erklärt dann auch, wie sie Tane gefunden hat. Was denkst du, was ist sie?" Nate zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Luise hat eine Blutprobe genommen. Wir sollten also bald ein Ergebnis haben. Ich glaube aber nicht, dass sie weiß, dass sie kein Mensch ist."

Viktor setzte sich hinter seinem großem Schreibtisch der ziemlich am Ende des Raumes stand und wartete das Nate fortfuhr. Auf dem Schreibtisch selbst befanden sich nicht viele Gegenstände. Ein kleiner Laptop auf der einen Seite und eine schicke Glaskaraffe mit einem charakteristischem Medusenkopf auf der anderen Seite. Natürlich mit dem feinsten Scotch gefüllt den es zur Zeit gab. Dazu ein Set aus passenden Gläsern. Links und rechts vor dem Schreibtisch standen mehrere edle Stühle und Ledersessel. Auf einem der Sessel setzte sich Nate und schlang die Beine locker übereinander. Er sah Viktor eindringlich an.

„Wir können sie nicht einfach so herum laufen lassen. Wer weiß, was sie ist. Und da sie gesehen hat, was ich getan habe liegt sie in meiner Verantwortlichkeit." Viktor seufzte. „Immer diese Regeln. Nun gut. Du kümmerst dich um sie. " Viktor goss sich einen Scotch ein und sah Nathaniel eindringlich an „Entweder sie tritt dem Clan als Sympathisantin bei oder du lässt sie verschwinden." Das war eine klare Ansage. Aber protestieren wollte Nate dagegen nicht. Er hoffte nur, dass das Mädchen ein Mensch sein würde – mit einer besonderen Fähigkeit oder so. Das ist nicht ungewöhnlich für einige Menschen. Luise ist auch so ein „besonderer Mensch". „Was machen wir wegen Tane?" fragte Nate. „Luise sagte, er sei auf einem guten Weg gewesen. Aber ich glaube, auf Grund des Blutgeruchs des Mädchens ist er wieder ausgetickt." Viktor nickte. „Ja, das glaube ich auch. Weit kann er nicht sein, die Sonne ist noch nicht unter gegangen. Sobald sie es aber ist, müssen wir die ganze Stadt auf den Kopf stellen. Das Chaos, was Tane anrichten könnte, wäre bestimmt nicht so einfach zu vertuschen," Nate schluckte. Er wollte nicht Schuld sein, wenn die Menschen sich über die Anwesenheit der Vampire bewusst werden würden. Heutzutage würden sie wohl nicht mehr mit Fakeln und Mistgabeln den Zwergenaufstand proben. Sondern eher mit Granaten und Flammenwerfern. Und das könnte dann ein ernsthaftes Problem werden. Und dank Facebook, Instagram und dem restlichen Internet auch noch Global und den Fortbestand seiner Rasse gefährden.

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