Fluchtversuch & Todesängste.

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"One way or another I'm gonna get you..."


Ich öffne meine Augen. Wo bin ich? Was ist passiert? Ich schaue mich langsam um. Die frühe Morgensonne strahlt durch das Loch oben im Zelt und der Messingkochtopf funkelt in den Sonnenstrahlen. Am anderen Ende des Zeltes schläft Gule friedlich wie ein Baby.

Ich tapse auf Zehenspitzen bis zum Eingang des Zeltes. Das Pferd. Der Ausritt. Der Angriff. Der tote zu bodensinkende, blutende Angreifer, sein letzter Atemzug. Die Flucht. Ich muss hier weg so schnell wie möglich, bevor es noch schlimmer wird. Angelo, kommt es mir in den Kopf. Ich muss mit ihm flüchten von hier. Vor dem Bösen fliehen. Ich trete so leise wie meine zitternden Beine es zulassen vor das Zelt und vor mir erstreckt sich die afrikanische Savanne getränkt in der wärmenden Morgensonne. Ich lasse meinen Blick schnell über die Anlage schweifen und er bleibt an einem wunderschönen weiß schimmernden Hengst hängen. Als hätte er meinen Blick bemerkt dreht er seinen Kopf ruckartig zu mir um. Angelo. Vielleicht meine einzige Chance diesem Gefangenenlager zu entfliehen. Ich schwebe über das noch leicht feuchte Gras zu ihm und gucke mich dabei panisch nach beobachtenden Augen um. Doch ich scheine allein zu sein, bis auf die friedlich grasenden Pferde, die sich an mir nicht zu stören scheinen. Ich klettere unter dem Zaun her und entdecke dabei kopfschüttelnd, dass die Koppel auch ein Tor hat. Als hätte er mich erwartet trabt Angelo gemütlich auf mich zu. "Psscht!", flüstere ich als könne er das verstehen. Ich streichle ihm sanft über den Kopf und er schnaubt fröhlich. Dann lege ich ihm ein Halfter an. Für einen Sattel habe ich keine Zeit. "Komm Kleiner, wir haben keine Zeit zu verlieren!" Ich führe ihn, das Halfter fest in meiner Hand, von der Koppel und halte die Luft an als ich das dezent quietschende Tor öffne. Panisch schaue ich mich um, aber es scheint uns niemand gehört zu haben. Auf Zehenspitzen tapse ich weiter bis ich das Gelände verlassen habe und mich einigermaßen sicher fühle. Dann schwinge ich mich etwas unbeholfen auf Angelos Rücken und brauche dafür ein paar Anläufe wodurch ich immer panischer werde. Angelo scheint das zu spüren und atmet schneller. Dann gebe ich ihm einen Klapps auf den Po und er rast los in die mittlerweile erhellte afrikanische Savanne. Nach ein paar Minuten endloser Weite fällt mir auf, dass ich gar kein Ziel habe. Ich bekomme einen Kloß in den Hals. Was, wenn hier weit und breit keine Zivilisation ist? Ich werde verhungern oder noch schlimmer: die Mahlzeit für ein paar hungrige Löwen. Mir wird plötzlich total heiß und ich realisiere, dass ich kein bisschen über diesen spontanten Fluchtversuch nachgedacht habe. Ich stoße einen verzweifelten Schrei aus und Angelo bleibt so abrupt stehen, dass ich fast vorne überfalle. Schmerzvoll erinnern mich die blauen Flecken an den gestrigen Tag. Ich breche in Tränen aus und stürze meinen Kopf in die weiße Mähne von Angelo. Dann hebe ich meinen Kopf wieder und schaue mich verzweifelt um. Weite so weit das Auge reicht. Nichts als ewige Weite. Ich bin verloren. Missmutig gebe ich Angelo zu verstehen, dass er weiter traben soll und es treibt mich trotz meiner Verzweiflung immer weiter Richtung Horizont. Es ist nur eine Frage der Zeit bis ich Hunger oder Durst bekomme. Wie kann man nur so dumm sein?

Als wir ein Wasserloch erreicht haben halte ich kurz an, damit Angelo etwas trinken kann. Meine Kehle ist zwar fast staubtrocken, aber es kostet mich trotzdem einige Überwindung von dem Wasser zu trinken. Als ich meinen Kopf langsam hebe bleibt mein Herz für einen kleinen Moment stehen als ich auf der anderen Seite des Wasserloches nichts geringeres als einen ebenso wie ich trinkenden Löwen sehe. Ich hätte es mir denken können, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich einem gefährlichen Tier begegne. Ganz langsam als könne der Löwe mich dann nicht sehen stehe ich auf und schwinge mich gerade noch rechtzeitig auf Angelos Rücken bevor dieser zur Flucht ansetzt. Ich traue mich nicht mich umzudrehen und klammere mich stattdessen immer fester an Angelos im Wind flatternder Mähne fest. Doch als ich mich endlich traue mich umzuschauen hat uns der Löwe fast aufgeholt. Ich fühle mich an gestern erinnert als ich mich für einen kurzen Moment schon innerlich von meinem Leben verabschiedet hatte. Aber wollte ich nicht sowieso sterben? Hatte ich nicht genau diesen Weg gewählt als ich damals in die Savanne gegangen bin, immer dem Geräusch der Löwen hinterher, dem Tod lauschend entgegenlaufend? Und doch tat mein Körper alles dafür mein Leben zu retten. Jede Zelle meines Körpers bemüht sich jede Sekunde meines Lebens darum. Plötzlich realisiere ich, was ich meinem Körper die ganze Zeit angetan habe. Ein Schmerz durchfährt meinen Körper und ich scheine völlig die aktuelle Gefahr auszublenden. Zum Glück folgt Angelo seinen Instinkten. Was ein ironischer Tod das wäre. Nachdenkend über den Willen zu Leben zu sterben. Ich drehe mich erneut um und blicke in die funkelnden Augen des Löwen glitzernd vor Hunger. Ich stoße einen Schrei der Verzweiflung aus. "Bitte nicht!", rufe ich als könnte mich irgendjemand hier draußen hören. Ich hätte nicht fliehen dürfen. Wie kann man so unüberlegt handeln? Mir scheint doch eine ganze Menge an meinem Leben zu liegen. Wie konnte ich das je in Frage stellen? Was muss in mir gestorben sein, dass ich überhaupt jemals so etwas denken konnte? Und warum muss erst ein hungriger Löwe hinter mir her sein, um das zu realisieren? Wenn ich jetzt so sterbe, dann habe ich es nicht besser verdient. Es fühlt sich plötzlich an als würde die Zeit stillstehen. Als wäre ich für einen Moment aus der unwidersetzbaren immer weiterronnenden Zeit, der Realität, entrissen. Als gäbe es einen kleinen Moment Pause aus all dem, was ich mein Leben nenne. Ich halte meinen Atem an. Alles fühlt sich unreal an. Ich drehe meine Hand vor meinen Augen als könnte ich nicht glauben, dass sie zu mir gehört. Mein Blick wird starr und verliert sich in der unendlichen Weite der Savanne.

Never Stop Fighting Like A LionessWo Geschichten leben. Entdecke jetzt