Ein lautes Jaulen erklang in der Nachtluft, ein Jaulen, das nicht von einer Katze stammte. Keine Katze konnte so laut und grässlich jaulen, dass es in den Ohren wehtat. Alleine schon beim Jaulen des Jungen ihrer Hausleute hatte sich der grauen Kätzin das Nackenfell aufgestellt, auch wenn sie nicht wusste, warum es so schmerzerfüllt gejault hatte. Die graue Kätzin hatte auf dem weichen Samtkissen geschlafen, als das Junge wie wild zu schreien begonnen hatte. Davon waren sie und ihre beiden Schwestern aufgewacht. Sie hatten jedoch keine Zeit gehabt, das Junge zu trösten, denn ihre Hausleute hatten sie an den Genicken gepackt und aus der Wohnung getragen.
Noch nie hatte einer ihrer Hausleute Salbei und ihre Schwestern Rosmarin und Lavendel am Genick gepackt und hinausgeworfen. Sie hatten gefaucht und um sich gekratzt, doch es hatte nichts geholfen. Ihre Hausleute hatten sie in hohem Bogen aus dem Haus geworfen und ihnen den Eingang hinein versperrt. Zuerst hatten die drei nicht einmal gewusst, was sie tun sollten, als die lauten Klageschreie des Jungen immer lauter geworden waren. Dann hatten auch die älteren Hausleute zu schreien begonnen und ein graues Etwas war aus dem Haus geflitzt, dicht gefolgt von einer Vase, in der ihre Hausleute gerne Blumen aufbewahrten, und begleitet von dem Jaulen der Hausleute. Ihr Vater Brennnessel hatte auch geheult und seine Töchter dann angewiesen in den Wald zu laufen.
Salbei hatte noch immer nicht verdaut, was gerade passiert war, als sie unter einem vertrockneten Busch kauerte und ihre graue Schwester Lavendel sich dicht an sie schmiegte.
Sie war bisher noch nie so weit im Wald gewesen, und die vielen Gerüche um sie herum verwirrten sie. Die dichten Bäume verdeckten jeglichen Himmel und sorgten dafür, dass der Wald dunkler als Schatten war. Selbst Salbei, die im Vergleich zu ihren Schwestern sehr gute Augen hatte, musste sich anstrengen, um die grauen Pelze neben ihr zu sehen. Stattdessen schnupperte sie vorsichtig, denn hier gab es allzu viele Gerüche. Natürlich roch sie ihre Schwestern, die kühle Nachtluft und das feuchte Unterholz, außerdem die dicht stehenden Nadelbäume und vor allem fremde Katzen. Im ganzen Wald roch sie die strengen Gerüche von vielen Katzen, die alle irgendwie gleich rochen. Sie wusste, wer diese Katzen waren. Die alte Schäferhündin Bea hatte ihr von den wilden Katzen erzählt, die gemeinsam lebten und sich gegenseitig bekriegten. Sie töteten und fraßen alle Katzen, die sich in ihre Gebiete verirrten und stopften sich ihre Nester mit den Knochen und Zähnen fremder Katzen aus. Bea hatte sie oft gesehen, wenn sie ihre Schafe hütete, sie hatte sie über das Grasland südlich ihrer Hausleute rennen, und in den Wäldern, in denen sich Salbei gerade befand, umherschleichen sehen.
Und dann, ganz leicht, konnte sie auch ihren Vater riechen und wenig später sah sie seine orangen Augen aufblitzen, sein dunkelgrauer Körper verschmolz mit der schwarzen Nacht. Brennnessel machte keinen Lärm, er schlich durch den Wald, als täte er den ganzen Tag nichts anderes. Salbei dagegen hatte unzähligen Lärm gemacht und Rosmarin sowie Lavendel ebenfalls.
„Was ist passiert?“, wollte Salbei sofort wissen, als sie ihren Vater sehen konnte. Lavendel zuckte zusammen, sie hatte Brennnessel offensichtlich nicht kommen gehört.
„Wir müssen verschwinden. Wir werden nicht länger bei unseren Hausleuten bleiben“, jaulte Brennnessel, ohne auf ihre Frage einzugehen, und winkte mit seinem Schwanz nach vorne. Lavendel und Rosmarin krochen sofort aus dem Busch, aber Salbei blieb mit gesträubtem Nackenfell zurück.
„Was ist passiert?“, wiederholte Salbei ihre Frage. Brennnessels orange Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und funkelten wütend auf, aber Salbei gab nicht klein bei und funkelte aus ebenso orangen Augen zurück.
„Dieses Junge ist verweichlicht und versteht so viel Spaß wie eine Maus“, fauchte Brennnessel kalt.
Salbei fuhr der Schock in die Glieder und sie riss die Augen auf. Brennnessel blieb gleichgültig und zuckte mit den Ohren.
„Du hast mit dem Jungen unserer Hausleute gerauft?“, zischte sie entrüstet.
„Und wenn schon, wir sind ohne sie besser dran. All dieses Gejaule ist doch nicht zum Aushalten. Ich hasse es, wenn dieses Junge mich ständig hochhebt und durch die Luft schleudert, als wäre ich eine tote Maus“, knurrte er.
„Vater! Das ist ein Junges!“ Sie konnte nicht glauben, dass ihr Vater tatsächlich das Junge ihrer Hausleute absichtlich verletzt hatte. Sie konnte nicht glauben, dass sie deswegen kein Zuhause mehr hatten.
„Genug gefragt! folgt mir!“, es war ein Befehl und den Befehlen von Brennnessel leistete man grundsätzlich besser Folge, doch diesmal gab Salbei nicht klein bei. Die Wut gab ihr den Mut, sich ihrem Vater entgegenzustellen. Sie richtete sich zu voller Größe auf, sträubte das Nackenfell und grollte tief aus der Kehle. Einen Moment blinzelte Brennnessel, dann stürzte er sich auf sie und warf sie mit voller Wucht zu Boden. Salbei, die mit so einem Angriff nicht gerechnet hatte, ließ sich überrascht auf den Rücken rollen und sah, wie sich das Maul ihres Vaters öffnete und unglaublich spitze Zähne zeigte. Da setzte ihr Instinkt ein, denn auf keinen Fall wollte Salbei diese Zähne in ihrem Fell spüren. Sie spannte alle Muskeln an und versuchte, sich aus dem Griff von Brennnessel zu winden, doch der dunkelgraue Kater ließ nicht locker und schnappte nach ihrer Kehle. Salbei fauchte und warf ihren Kopf umher, sodass ihr Vater nur kleine Fellfetzen erwischten konnte, die er knurrend wieder ausspuckte. Einen Moment war er abgelenkt und seine Tochter nutzte diesen Augenblick, um sich aufzubäumen und ihren Vater abzuschütteln. Dann warf sie sich herum und stand bereits sicher auf den Pfoten, als Brennnessel sich erneut auf sie stürzte. Er taumelte ins Leere, als sie auswich und dann standen sich die Beiden mit gebleckten Zähnen gegenüber und knurrten.
Erneut griff Brennnessel an, nur diesmal zögerte Salbei einen Herzschlag lang zu lange, sodass ihr Vater sie wieder zu Boden drücken konnte. Sie trommelte mit den Hinterbeinen auf seinen Bauch ein, aber der Kater ignorierte das und biss ihr fest in die Kehle. Salbei schrie auf und verstummte keuchend, als Brennnessel sein Maul hob und mit blutgetränkten Zähnen zischte: „Gehorche mir, Salbei!“
Salbei schüttelte den Kopf, wild entschlossen, nicht nachzugeben. Ihre orangen Augen trafen sich einen Moment, dann verbiss er sich erneut in ihrem Fell. Um Salbei wurde es schwarz, der Schmerz verschwand und nur der Druck blieb, während sie langsam in eine Bewusstlosigkeit glitt. Gerade, als sie die Augen schloss, löste sich der Druck und das Gewicht ihres Vaters verschwand. Die Kätzin blieb reglos liegen, atmete flach, während der Schmerz mit voller Wucht zurückkehrte und sie daran hinderte, aufzustehen oder sich auch nur auf die Seite zu drehen.
Langsam verebbte der Schmerz, doch die Demütigung saß tief und würde wohl nicht so leicht verschwinden.
„Folgt mir, alle drei!“, jaulte Brennnessel mit kalter, lauter und gefährlicher Stimme. Salbei hörte wie aus weiter Ferne das Geräusch einiger Pfoten, als Lavendel und Rosmarin ihr folgten und rappelte sich langsam auf.
Auf müden Beinen torkelte und taumelte sie ihnen hinterher, schaffte es kaum, ihnen zu folgen und wollte am liebsten gleich wieder zu Boden sinken und einfach nur schlafen.
Doch dann kam die Wut auf ihren Vater zurück und mit ihr auch ihre Kraft.
„Eines Tages werden ich mich rächen, Vater! Das ist ein Versprechen!“
