Das Treffen mir Mr. Barnaby sollte unspektakulär verlaufen. Elli hatte schon besorgt daran gedacht, dass die Funken davon Wind bekamen, was die Schüler da sahen, und in ihrem Fall auch, taten. Beim Gedanke an ihre Nächte, die sie, hinter eine Gartenhecke gekauert, den Blindensektor beobachtet hatte. Näher als ein kleines Stückchen, damit sie bei Bedarf in ein paar Sekunden wieder in ihren Sektor hätte zurücksprinten könnte, hatte sie sich aber nicht in das Wohngebiet der Blinden hineingetraut. Es war überraschend leicht, in den Sektor einzudringen. Wahrscheinlich rechnete niemand damit, dass eine Erleuchtete in das Gebiet der Blinden gehen wollte, deshalb war die Projektionswand, die beide Sektoren trennte, auch nur einseitig verstärkt und sehr schwach. Versuchte ein Blinder, die Grenze zu überschreiten, so setzte es einen Stromschlag. Zu Ellis Glück hatte sie aber eine kleine Stelle bemerkt, hinter der Gartenhecke eines Hauses, wo die Projektion glitchte. Es war niemandem aufgefallen und selbst wenn, dann war die Grenze nicht verstärkt worden. Mehr Sorgen hatte sie sich um die Rückkehr gemacht, jedoch hatte der Glitch dafür gesorgt, dass die Projektion komplett durchsichtig wurde, was dafür sprach, dass sie wahrscheinlich keinen Elektroschock bekommen würde. Vollkommen sicher war dies aber nicht, doch Elena war bereit, dieses Risiko einzugehen, da die Stromstöße in der Regel nicht tödlich waren.
„YOLO.", murmelte sie mehr zu sich selbst, „wir werden eh alle mal sterben.", bevor sie durch die kleine Lücke schlüpfte.
Doch beim Gedanken an diese Nacht war ihr der Geruch in die Nase gestiegen, der sie selbst bei der Wärme der Sonne im Innenhof erschauern ließ: Rauch. Bis jetzt hatte es für ein friedliches Lagerfeuer in der Nähe gehalten, oder den Geruch von den möglicherweise noch mit Holz befeuerten Kaminen, doch jetzt, nachdem sie sich das Ereignis nochmals in Erinnerung gerufen hatte, wusste sie es besser. Die Erkenntnis durchzuckte sie wie ein Blitz. Diese unschuldigen Leute, in diesem friedlichen Gebiet, sie hatten nichts getan.
Sie hatten nichts getan.
Ihr wurde flau im Magen und sie schluckte schwer, bevor sie nach einem tiefen Atemzug aufstand, das Flimmern vor ihren Augen ignorierte und sich auf den Weg zurück ins Gebäude begab.
„Bist du okay?", fragte sie Chloe besorgt, als die Beiden sich wartend vor dem Klassenzimmer trafen, wo Mr. Barnaby gleich mit ihnen sprechen wollte.
„Ja.", antwortete Elli und versuchte zu scherzen: „seh ich so schlimm aus?"
Chloe sah sie nur stumm und unglücklich an und folgte dem Direktor, der inzwischen die Tür aufgeschlossen hatte, ins Innere des Zimmers.
„Tatsache ist", stellte Barnaby fest, „ihr müsst euch konzentrieren. Hier ist eine Liste der euch zugeteilten Blinden, die ihr beobachten dürft. Die Lichtregierung hat festgestellt, dass es wenig Nutzen bringen kann, wenn ihr alles seht, was diese Kakerlaken", er wies auf das Fenster hin zu der Projektion des Gebirges, bevor er fortfuhr: „so treiben. Natürlich muss die Lichtregierung hart vorgehen und ihr müsst das nicht unbedingt sehen."
Er lächelte und bleckte dabei bedrohlich die Zähne: „Krieg, meine Schüler, ist nie schön. Gut, dass dies hier kein Krieg wird. Alle Erleuchteten werden heute ein Schreiben der Regierung über die, zugegeben sehr unglücklichen und erfolglosen, Aufstände erhalten. Es ist nur eine Frage von ein paar Tagen, bis sie sich legen werden, das kann ich Euch versichern. Bis dahin: beobachtet die euch zugeteilten Blinden, sammelt Informationen über ihren belanglosen Arbeitsalltag und ihre primitiven Gedanken und stellt einen guten Bericht zusammen."
Er verließ das Zimmer und hinterließ einen Raum voller starrer Schüler.
Cynthia stand auf und verlas die Liste der zugeteilten Schüler mit je zwei Nummern, die wohl für die zu beobachtenden Kameras standen. Eine für das Zuhause, eine für die Arbeit.
Als ob das das ganze Leben wäre. Als ob das alles wäre, was für die Blinden zählen würde.
„Natürlich könnt ihr auch die anderen Blinden beobachten, das hier ist eine vorgefertigte Zuteilung nach den Themen, für die ihr gestern abgestimmt habt.", fügte Cynthia gelangweilt hinzu.
Ach ja. Die Themen. Elena konnte sich nur dumpf an das Formular erinnern, dass sie bei ihrem letzten Treffen gestern erstellt und ausgefüllt hatten, mit Kategorien wie Ernährung, Familienentwürfe, Architektur und Kunst. Sie konnte sich dumpf daran erinnern, Kunst gewählt zu haben, nur damit sie mit Chloe und Nele arbeiten konnte. Da würde sich, in der Sicherheit ihrer Appartements, hoffentlich auch endlich eine Gelegenheit geben, den beiden zu berichten, was hier eigentlich vor sich ging.
Sie schrieb sich geistesabwesend die Nummern auf. Vor ihren Freundinnen tat sie so, als wäre ihr egal, wen sie zugeteilt bekommen würde. Aber insgeheim hoffte ein kleiner Teil von ihr, tief in ihrem Inneren, dass sich eine ganz bestimmte Person hinter den Nummern verbergen würde. Sie wusste, dass es unmöglich war, aber mit dennoch zitternden Fingern gab sie die ihr zugeteilten Nummern ein.
Wartete. Der Bildschirm blieb quälend lange schwarz, bevor er sich langsam aufhellte und den Blick in einen Raum freigab. Das Zimmer war spärlich eingerichtet, mit Betonwänden verkleidet und erinnerte eher an einen Bunker als an einen Arbeitsplatz. Normalerweise waren die Arbeitshütten der Blinden eher primitiv und aus verwesenden Holzbalken gebaut, dieser Raum wirkte aber eher... modern?
Der Bildschirm hellte sich weiter auf und sie konnte die zuvor nur silouettenartigen Menschen im Raum genauer betrachten. Ihr Herz klopfte, sie scholt sich dafür, denn es war doch so unmöglich, dass Marcus sich ausgerechnet hier befinden würde. Mal abgesehen von dem Fakt, dass er tot war. Sein Vater ist – war – schließlich ein Rebell. Und wenn Elli ein Mitglied der Lichtregierung wäre, dann würde sie alles daran setzen, den Schülern Blinde zu präsentieren, die so gesetzestreu waren (und dachten!) wie nur irgendwie möglich. Ihnen Rebellen zuzuteilen, das wäre schlichtweg dumm. Und die Lichtregierung war vieles, aber dumm, nein, das waren sie nicht.
Im Raum befanden sich fünf Blinde und ein in gelber Uniform gekleideter Aufseher.
Eine Welle an Enttäuschung durchflutete Elena. Es war eine unbegründete Hoffnung gewesen, das wusste sie. Sie schüttelte leicht den Kopf, um sich von den aufkommenden Bildern zu befreien, die sich in ihr Gehirn eingebrannt hatten.
Die Menschen standen an Leinwänden oder saßen an gleißend weiß lackierten Tischen und malten. Wahrscheinlich hatte man sie gezwungen, denn sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es den Blinden große Freude bereitete. Fast alle von ihnen besaßen keine Farbsicht und damit hatten sie noch Glück, überhaupt etwas sehen zu können, denn die Mehrheit der Blinden konnte weder Farben noch Objekte erkennen. Üblicherweise hatten sie eine Vorstellung von Tag und Nacht durch einen kleinen Teil ihres Sichtfelds, der nicht eingeschränkt war, aber zum wirklichen Sehen reichte das meist nicht aus. Elena wusste nicht, welche der Blinden welchen Grad aufwiesen, doch anhand der wirr durcheinander auf die Leinwände geklatschten Farben entsprachen sie wahrscheinlich eher dem Durchschnitt. Sie fragte sich, was die Blinden wohl sahen. Konnten sie Bilder aus ihrem Kopf malen? Hatten sie ein Bild vor Augen, das sie versuchten zu reproduzieren?
Sie nahm sich einen Notizblock und fing an, sich die in ihrem Kopf herumschwirrenden Fragen zu notieren. Vielleicht konnte sie aus diesem dummen Projekt doch etwas lernen.
Dann fiel ihr Blick auf die Gedankenspalte des Bildschirms. Da ihr ein bestimmter Blinder in diesem Raum zugeteilt worden war, konnte sie auch nur die Gedanken eines bestimmten Blinden lesen. Der Bildschirm füllte sich langsam, viel langsamer als Elli es von ihren vorherigen Beobachtungen gewohnt war.
Sie wusste nicht genau, wer die Person war, die sie beobachten sollte, deshalb konzentrierte sie sich auf die Zeilen weißen Texts. Dieser Mensch dachte so anders, so viel... dümmer. Die Gedanken sprangen von einem belanglosen Thema zum nächsten, manchmal waren es nur einzelne zusammenhangslose Wörter. Aber es gab keine Verbindung, keinen Gedankenfluss, es war als würde dieser Mensch in Karteikarten denken, die er heraufholte, sie durchlas und sofort durch eine neue Karte ersetzte. Befremdet von dieser Art des Denkens schaltete Elena den Monitor ab.
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the watcher
Teen FictionWenn du jeden einzelnen Gedanken eines Menschen kennst, seine Innersten Gefühle und Ideen, könntest du dann anders, als ihn zu lieben? Als Chloe, Elli und Nele in einem Schulprojekt mithilfe von neuer Gedankenlese-Technologien die Blinden beobachten...