10 - Aphephosmophobie

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Kapitel 10

Schwarze Haare waren das erste, was ich durch die etwas dichteren Sträucher hindurchschimmern sah. Die Person hatte es offenbar nicht gerade eilig, denn es dauerte einige Minuten, bis sie endlich an die Bepflanzung vorbeigegangen ist und in mein Sichtfeld kam.

Ein weiteres Mal blieb mir fast das Herz stehen.

Niemand anderes als Lorenz musste mir ausgerechnet jetzt schon wieder über den Weg laufen. Noch jemand, den ich unbedingt aus dem Weg gehen wollte und vor dem ich ohne Weiteres eine Flucht ergreifen würde.

Aus Reflex stolperte ich ein paar Schritte zurück, doch leider registrierte er anscheinend eine Bewegung aus seinen Augenwinkeln, weil er augenblicklich sein Gesicht zu mir drehte und im gleichen Atemzug stehenblieb.

Mist.

Mist. Mist. Mist.

Warum stellte mich mein Schicksal im Moment so unglaublich dermaßen auf die Probe? Wieso bin ich auch auf den Schulhof gegangen? Weshalb nicht auf die Toilette, in die Bibliothek oder irgendwo woanders hin?

Verärgert und verunsichert zugleich beobachtete ich, wie mich Lorenz ein paar Sekunden verblüfft betrachtete. "Was machst du denn hier?" Er neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte mich wie so oft von Kopf bis Fuß. "Als jemand, der den Unterricht schwänzt, hätte ich dich nie eingeschätzt."

Ich mich selbst auch nicht, dachte ich im Innern.

Dass er nicht merkte, wie schlecht es gerade um mich stand, versuchte ich natürlich von mir abzulenken und haute eine ziemlich unüberlegte Antwort heraus. Doch was besseres ist mir in diesem Moment einfach nicht eingefallen.

"Und ich hätte dich nie als jemanden eingeschätzt, der schnell mal die Kontrolle verliert."

Seine Augenbrauen rutschten in die Höhe und am liebsten hätte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn geklatscht.

Jetzt hatte ich definitiv Stress provoziert.

Ich sah ihm an, dass es hinter seiner Stirn arbeitete, denn er schwieg erstmal bedächtig. Seine dunklen Augen hatte er etwas zusammengekniffen und um seinen Mund bildete sich allmählich ein mürrischer Zug.

"Man hat nunmal nicht alles unter Kontrolle und manches möchte man auch gar nicht unter Kontrolle haben." Seine Stimme strotzte mit einem Mal vor klirrender Kälte. Aber vorallem auch mit einer riesigen Portion von Überzeugung, von der ich verwundert und erschüttert zur gleichen Zeit war.

Jetzt war ich diejenige, die ihn mit schmalen Augen ansah. "Das heißt so viel wie wenn es dir nicht passt, machst du das, was du willst?"

Er atmete tief ein. "Vielleicht." Aus seiner rechten Jackentasche zog er eine Schachtel Zigarretten hervor, aus der er sich eine herausnahm und sie sich wenig später anzündete.

"Aha", kam es wenig angetan von mir.

Lorenz blickte wieder zu mir auf und ein undeutbares Lächeln umspielte seine Lippen. "Aber warum sprichst du mich auf meine Selbstkontrolle an, wenn du ebenfalls keine hast?"

Uhh, das war wie ein Schlag ins Gesicht.

"Was meinst du damit?", fragte ich ihn sofort und senkte meine Stimme mit Bedacht, dabei spannte sich mein Körper unwillkürlich an. Ich war steif wie ein Brett und würde mich jemand schubsen, würde ich ohne Halt umfallen.

Zu meiner Überraschung stieß Lorenz ein kurzes Lachen aus, bis er sich wieder zusammenriss, um einen weiteren Schritt auf mich zuzugehen.

Und ich - ich ging einen weiteren zurück, nur brachte das nicht viel, weil sich sofort die Hauswand schmerzlich an meinem Rücken bemerkbar machte.

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