16 - Überwindung

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Kapitel 16

Ich lag wach - und das schon bestimmt seit vier Stunden. Mittlerweile war es mit Sicherheit fast zwei Uhr nachts durch und ich hatte noch immer kein Auge zugetan. Viel zu sehr war ich noch immer in Gedanken mit dem Gespräch beschäftigt, das Lorenz und ich am Nachmittag geführt hatten.

Die ganze Zeit hatte ich diese Sache zu verdrängen versucht. Besonders dann, als ich mir die Frage stellte, wen ich für diesen Versuch auswählen würde.

Lieber hatte ich mich weiter mit dem Orangensaft abgelenkt und die Stille des Waldes genossen, bis Lorenz zu meiner Überraschung gesagt hatte, dass wir langsam wieder losmüssten.

Schweren Herzens verabschiedete ich mich von Rapunzel und schloss das große Tor zu Lorenz' Grundstück. Irgendwie fühlte es sich echt so an, als hätte man einen Blick in eine Welt bekommen, die einem nun wieder verschlossen wurde - und nur mit ihm wieder geöffnet werden konnte.

Es ging nicht nur um das schöne Haus am See, sondern auch um die Art, wie wir beide miteinander umgingen. Wie entsapnnend es für mich war. Losgelöst.

Kitschig, natürlich. Aber es war so.

Auf der Autofahrt redeten wir nicht sonderlich viel. Nur das Nötige, denn irgendwie war da aufeinmal wieder diese gewisse Anspannung zwischen uns, die ich einfach nicht einordnen konnte. Sie war nicht sonderlich unangenehm, allerdings wusste ich einfach nicht, warum sie da war und wie ich mit ihr am besten umgehen sollte.

An der Schule angekommen liefen wir noch wie selbstverständlich einige Meter nebeneinander her, doch als wir den Eingang erreichten und ich schon von weitem Briana sah, die anscheinend nach mir Ausschau hielt, war Lorenz mit einem Mal wie vom Erdboden verschluckt.

Gerade eben stand er noch an der Tür und hatte sie mir aufgehalten und im nächsten Moment war weit und breit nichts mehr von ihm zu sehen.

Etwas verwirrt davon versuchte ich mich darum nicht allzu viel zu sorgen, sondern erstmal zu Briana zu gehen.

Die sah mich nämlich voller Besorgnis an und fragte mich selbstverständlich aus. Ob es mir denn gut ging und wo ich die ganze Zeit war.

Meine schlichten Antworten lauteten Ja, natürlich und Draußen auf dem Schulhof, frische Luft schnappen.

An sich nicht komplett gelogen.

Mir ging es nach der Aussprache mit Lorenz tatsächlich etwas besser und auf dem Schulhof hatte ich mich auch für eine gewisse Zeit aufgehalten.

Den Rest musste ja vorerst niemand wissen. Denn Lorenz schien auch den Anschein zu machen, alles erstmal für sich zu behalten, sonst wäre er wahrscheinlich nicht einfach so aus dem heiteren Himmel verschwunden.

Briana sah mich bei meinen Antworten zwar zweifelnd an, beschloss aber glücklicherweise, nicht weiter nachzubohren. Ich war froh, dass sie jemand war, der einem viel Freiraum in der Freundschaft gab und es dem Gegenüber selbst entscheiden ließ, ob er nun mit der Sprache herausrücken wollte oder nicht.

Denn nun packte sie direkt danach einen ganzen Sack voll mit Schimpfwörtern für Henry aus. Ich sah ihr ihre Schuld in den Augen förmlich an und jedes Mal entschuldigte sie sich auf das Neue dafür, dass sie nicht dazwischen gegangen ist. Nächstes Mal, beteuerte sie mehrmals, bliebe sie einfach bei mir sitzen und würde Henry in den Hintern treten, sollte er sich mir auch nur ein Stückchen nähern.

Auch erzählte sie mir, dass mein Fehlen unserem Lehrer zum Glück nicht aufgefallen ist, da er irgendwie erst zum Ende des Unterrichts aufgetaucht war und da schon die Hälfte der Schüler auf dem Weg zur Tür heraus waren.

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