EPILOG

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„Verdächtige Person nähert sich zu Fuß, steuert auf den Haupteingang zu. Vermutung, dass Fluchtfahrzeug um die Ecke geparkt wurde."

Harrys Stimme aus dem In-Ear-Piece an meinem Ohr war so ruhig, so geordnet, dass sie mich beinahe dazu gebracht hätte, mich ebenfalls zu entspannen.

Beinahe.

Stattdessen stand ich jedoch derartige Unruhezustände aus, dass Karen mir mehrmals die Hand auf die Schulter legen musste, um mich daran zu erinnern, dass hektisches Gezappel das Falscheste war, das man nun tun konnte.

Wir hatten uns mit gezogenen Waffen abseits des von außen durch die Fenster einsehbaren Bereichs hinter dem DJ-Podest positioniert, die Augen fest auf die Tür zur Eingangshalle geheftet, geduldig (oder in meinem Fall eher ungeduldig) darauf wartend, dass jemand in den Hauptraum des Clubs trat.

Es war ein gewöhnlicher, sehr früher Samstagmorgen, an dem Liam wie immer damit beschäftigt war, an der Bar das Chaos der vergangenen Clubnacht zu beseitigen.

Nach außen hin wirkte auch er wie die Ruhe in Person, wie er summend Gläser stapelte, den Boden kehrte, übersehene Gläser von den Tischen schnappte und Getränkebestellungen aufgab. Nach außen hin erweckte die Szene einen alltäglichen Eindruck.

Nach außen hin, wohlgemerkt.

Ich jedoch kannte Liam gut genug, um all die winzigen Anzeichen zu sehen, die seine Nervosität verrieten. Die geringsten Nuancen in seiner Mimik und Gestik, wie er sich immer wieder durchs Haar fuhr, unnötigerweise an seinem Hemd friemelte und überdurchschnittlich oft die Handflächen an der Oberschenkelpartie seiner Hose abwischte.

Er wusste, dass wir hier waren. Und er wusste außerdem, warum wir hier waren.

Zuerst hatte ich vehement dagegen protestiert, Liam gezielt als Lockvogel einzusetzen.

Viel zu groß war meine Angst gewesen, dass Rod ihn einfach durchs Fenster erschießen würde, ohne uns Gelegenheit für einen Zugriff zu lassen.

Doch natürlich war Liam begeistert davon gewesen, einen Beitrag leisten zu können, und hatte der Sache im Gegensatz zu mir sofort zugestimmt, ohne sich vorher die Details zu Gemüte zu führen.

Ich hatte aufs Heftigste protestiert, mir allerlei Argumente aus dem Ärmel geschüttelt und ab einem gewissen Punkt wohl einfach nur noch wie ein Hündchen gebettelt, doch als Paul ihm dann auch noch eine kugelsichere Weste angekündigt hatte, war das alles vergeudete Liebesmüh geworden.

Und deshalb standen beziehungsweise saßen wir nun hier und warteten darauf, dass etwas passierte.

Der Grund: Rod hatte sich nun, zwei weitere Jahre später, zum ersten Mal seit der Geschichte vor knapp fünf Jahren wieder in der Stadt blicken lassen.

Es war purem Zufall zuzuschreiben, dass Kollegen einer anderen Station ihn auf der Aufnahme einer Überwachungskamera an einer Tankstelle identifizieren hatten können. Und als man ihn wenig später mehrfach in der Nähe des LPs gesichtet hatte und mir zeitgleich von einem unserer Nachbarn besorgt mitgeteilt worden war, dass sich irgendein zwielichtiger Typ nach Liams und meiner Wohnungsnummer erkundigt hatte, war die Sache klargewesen:

Offensichtlich schien Rod seine Rache doch nicht ganz so egal zu sein, wie alle angenommen hatten. Etwas, das eigentlich niemanden überraschen sollte. Immerhin hatte er uns mehr als deutlich kundgetan, dass er ein Verfechter von Prinzipien war.

Und da über Jahre hinweg sein größtes Prinzip gewesen war, Liam für seine Unfolgsamkeit im Geschäft bezahlen zu lassen, wäre es merkwürdig, dieses plötzlich zu verwerfen, nachdem eine beachtliche Zahl seiner treuen Partner hinter Gitter gewandert war, zu einem großen Teil lebenslänglich.

Undercover (Niam)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt