Prolog

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Asahi PoV

Morgen. Morgen ist er wieder hier.
„Azumane?" Mein Kopf zuckte herum und ich schaute in die wütenden Augen meiner Freundin Lana. Verdammt, meine Gedanken schweiften immer wieder ab und ließen mich wie einen Trottel Löcher in die Luft schauen.

„Entschuldige, Lana. Ich war in Gedanken", entschuldigte ich mich kleinlaut und kratzte mir nervös am Hinterkopf. Sie verschränkte ihre Arme und lehnte sich auf dem Stuhl des Cafés, in welchem wir uns heute getroffen haben, zurück.

„So, wie immer. Weißt du was, Azumane? Ich glaube nicht, dass das hier noch etwas bringt. Ich bin mit der Hoffnung her gekommen, dass du dich für dein Verhalten die letzten Wochen entschuldigst, aber ich habe langsam das Gefühl du willst gar nichts ändern. Ist dir diese Beziehung denn nicht wichtig?", fragte sie mich wütend und ich schaute sie ausdruckslos an.

Nein, diese Beziehung war mir nicht wichtig, kein Stück. Sie war gespielt, für den Schein, doch sie hatte nichts mit Liebe oder Zuneigung zu tun. Seit fast zwei Jahren gingen Lana und ich miteinander aus, nachdem unsere Eltern uns einander vorgestellt haben. Wir gingen auf Dates, wir sahen uns abends gemeinsam Filme an, wir kochten gemeinsam... wir küssten uns... doch jedes Mal fühlte ich nichts. Kein Herzklopfen, von denen immer alle sprachen. Keine Hitze, die vom Kopf in den ganzen Körper strömt, wenn die andere Person ein Kompliment macht, so wie es Sugawara immer erzählte. Lana ist eine gute Freundin. Mehr aber auch nicht.

Ich lächelte sie traurig an. „Du willst das alles hier doch genauso wenig wie ich, Lana. Also tu nicht so, als ob ich dir etwas bedeuten würde", erwiderte ich und faltete die Hände diplomatisch auf dem Tisch zwischen uns zusammen. Sie sah mich entsetzt an, senkte dann jedoch ihren Blick.

„Du leugnest es nicht einmal. Weißt du was Azumane? Ich hatte echt die Hoffnung, dass wir das irgendwie schaffen. Dass ich irgendwann mal so etwas wie Liebe zwischen uns bildet. Doch da hab ich wohl falsch gedacht", murmelte sie und tatsächlich löste sich eine Träne aus ihren Augenwinkeln. Überfordert reichte ich ihr eine Serviette. „Bin ich nicht hübsch genug? Oder nicht fleißig genug? Was ist es, Azumane? Oder hast du eine andere?", schluchzte sie.

Ich wollte ihre Frage verneinen. Natürlich hatte ich keine andere. Und doch dachte ich seit einigen Wochen nur noch an eine andere Person. Jemand, der gerade auf dem Weg nach Japan war um seine Feiertage mit seiner Familie zu verbringen... und mit mir. Bevor er wieder weiterzog. "Nein", antwortete ich schließlich leise, aber reichlich verspätet.

"Also, dann wars das jetzt? Du machst an Weihnachten mit mir Schluss? Was soll ich meinen Eltern sagen?", fragte sie mich fassungslos, doch ich konnte nur mit den Schultern zucken. "Du bist alt genug, Lana. Es tut mir wirklich leid, aber ich bin dieses Schauspiel allmählich müde. Lass uns das ganze einfach wie zwei erwachsene Menschen beenden und es gut sein lassen", antwortete ich müde und stand auf. Ich öffnete mein Portemonnaie, legte ihr ein paar Scheine hin und zog meinen Mantel über. Im Vorbeigehen berührte ich noch einmal leicht ihre Schulter und sie blickte nach oben. Ihre Tränen waren schon wieder versiegt.

"Ich glaube du hast recht... wahrscheinlich ist es besser so", murmelte sie traurig und lächelte mich dann leicht an. "Ich hoffe, du findest dein Glück, Azumane." - "Du auch, Lana. Frohe Weihnachten", sagte ich und verließ das Café.

Ich lief durch die dunklen, aber bunt beleuchteten Straßen Tokios und vergrub meine Hände tief in den Taschen meines Mantels. Verdammt, war das kalt. Zum Glück war es nicht weit bis zu meiner Wohnung. Während ich so langsam durch die Straßen in Richtung meiner Wohnung lief holten mich die Gedanken des vergangenen Gesprächs ein. Na toll. Ich hatte an Weihnachten mit meiner Freundin Schluss gemacht und sitze jetzt alleine da. Meine Familie wohnt mehrere hundert Kilometer entfernt und er... er würde erst die kommenden Tage hierher kommen. Das hieß wohl Fertigramensuppe und ein langweiliger Film auf der Couch.

Mist, mist, mist! Innerlich fluchend und sauer auf mich selbst bog ich in die schmale Straße zu meiner kleinen Wohnung ein und war ganz in Gedanken versunken, als ich plötzlich mit meinem Knie gegen einen Widerstand traf. "Au, verdammt! Schau doch, wo du hin-... ASAHI!", rief eine mir nur zu bekannte Stimme und ich musste mehrmals gegen die Dunkelheit blinzeln. Das hier konnte nur ein optischer Streich meines Gehirns sein. Er konnte nicht wirklich hier sein.

Vor mir saß Nishinoya Yu auf einem riesigen Rucksack. Mein bester Freund grinste mich breit an und sprang dann freudig auf. "Überaschung!!! Und fröhliche Weihnachten!", rief er freudestrahlend und stemmte die Arme stolz in die Hüften. Ich konnte ihn nur weiter anglotzen. Er war wirklich hier. Er war hier bei mir. Ich konnte ihn sehen und hören... und ich konnte ihn... anfassen. "Asahi?", fragte Noya unsicher und legte seinen Kopf schief. Das brachte mich wieder zur Besinnung und meinen Körper dazu sich zu bewegen.

Ich nahm ihn fest in die Arme und spürte, wie mein Herz in doppelter Geschwindigkeit schlug. Und selbst durch unsere dicken Jacken spürte ich eine Hitze von ihm ausgehen, die direkt auf mich überschlug, als ich ihn mit freudigem Lachen ein wenig anhob. "Du bist wirklich da!", rief ich fassungslos, als wir uns etwas voneinander lösen und ich ihn anstarrte. "Ich bin wirklich da", antwortete er breit grinsend und vergrub sein Gesicht an meiner Brust. "Ich dachte, ich überrasche dich, doch dann warst du nicht da, also habe ich gewartet in der Hoffnung mir nicht irgendwo ein Hotel nehmen zu müssen", erzählte er aufgeregt.

Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ich hielt ihn wirklich in meinen Armen. Einem plötzlichen Drang folgend beugte ich mich nach vorn und legte meine Lippen auf seine. Einen kurzen Moment wirkte Noya wie versteinert, doch dann warf er seine Arme um meinen Hals und erwiderte den Kuss stürmisch. Als ob mich ein Stromschlag traf, zuckte ich zurück und spürte wie ich rot anlief. Was zur Hölle war in mich gefahren? Wieso überfiel ich Noya plötzlich mit einem Kuss? So etwas hatte ich mich nicht mal bei Lana getraut.

Doch Noya grinste mich mit roten Wangen an und nahm mich wie selbstverständlich an die Hand um mich in das Haus zu ziehen. "Komm schon, sonst friert mir noch alles mögliche ab", lachte er und ich ließ mich von ihm mit ziehen.

No Distance || Asahi x NishinoyaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt