Juni 2012

387 20 18
                                        

Neville schluckte schwer, drehte sich anschließend zu seiner Frau um und sah ihr tief in die Augen.
„Bist du dir auch wirklich sicher, dass du das willst? Es ist wirklich kein schöner Anblick.", fragte er besorgt.
Hannah nickte, ihre Augen waren voller Entschlossenheit.
„Ich bin mir sicher. Du hast mich jetzt viel zu lange im Dunkeln gelassen. Es ist ein Part deines Lebens also auch ein Part meines Lebens.", sie nahm die Hand ihres Mannes, der sie immer noch etwas unsicher anlächelte.
Er würde Hannah heute das erste Mal mit zu seinen Eltern nehmen. Auch wenn die beiden jetzt seit langer Zeit ein Paar waren und auch schon seit geraumer Zeit verheiratet waren, hatte er sie nie mit ins Krankenhaus genommen. Es war nicht so, dass es ihm unangenehm war, ganz im Gegenteil. Er hatte immer offen mit Hannah über dieses Thema gesprochen.
Er fand nur nicht, dass es ein besonders glücklicher Ort war, es machte ihn jedes Mal fertig, wenn er hier war. Und er fand, dass es kein Ort war, den Hannah betreten musste, denn sie hatte nicht unmittelbar etwas damit zu tun und könnte sich der Trauer dort einfach entziehen. Aber nein. So war Hannah nicht. Zu Anfang hatte sie sich noch abwimmeln lassen, doch mit der Zeit hatte sie immer öfter gefragt, ob sie ihn begleiten könne, bis Neville schließlich eingewilligt hatte.
Gemeinsam betraten sie nun die Station, auf der sich die Zimmer der Patienten befanden, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, wie Nevilles Eltern.
„Oh, hallo Neville. Freut mich, dich mal wiederzusehen.", eine Schwester mit braunem Pferdeschwanz kam auf sie zu und schüttelte Neville die Hand.
„Wie geht es ihnen heute?", fragte er direkt.
„Es ist einer der besseren Tage. Deine Mutter hat vorhin jemanden Kaugummi kaufen geschickte und dein Vater ist vorhin ein paar Schritte gegangen, musste danach aber lange schlafen.", erklärte die Schwestern.
Neville nickte, sein Griff um Hannahs Hand verstärkte sich etwas.
„Das freut mich sehr. Wir gehen dann mal zu ihnen. Wir sehen uns bestimmt nachher noch einmal.", verabschiedet sich nun Neville mit einem Lächeln.
Hannah lächelte ebenfalls.
Sie war auf alles vorbereitet, was potentiell passieren könnte. Auch wenn sie die Eltern ihres Mannes noch nie gesehen hatte, so hatte Neville ihr nach jedem Besuch alles erzählt, weswegen sie wusste, was auf sie zukam.
Gemeinsam mit ihrem Mann betrat sie nun das Zimmer.
„Es ist wirklich schön eingerichtet.", stellte sie fest.
„Ja. Auch wenn die meisten Patienten hier nicht mehr viel mitbekommen, hat man sich dennoch Mühe gegeben, ihnen eine schöne Umgebung zu schaffen. Das  Problem ist eben, dass niemand genau weiß, wie der Fluch sich auf Körper und Seele auswirkt. Es ist bei jedem anders und zum Glück hat noch niemand Studien darüber angefangen.", erklärte Neville.
Hannah nickte einfach, während sie zum Fenster ging, die Vorhänge zurückzog und das Fenster öffnete, um etwas frische Luft hereinzulassen.
Alice, die sofort gemerkt hatte, dass eine Person mehr da war als sonst, wandte Hannah ihren Kopf zu und als diese sie erblickte, lächelte sie freundlich.
„Hallo, ich bin Hannah, Nevilles Frau.", sie hockte sich zu Alice ans Bett und nahm die Hand der anderen Frau, die sie ebenfalls etwas schräg anlächelte.
Neville hatte in der Zwischenzeit eine neue Vase besorgt und den mitgebrachten Blumenstrauß auf dem Nachttisch zwischen seinen Eltern platziert.
„Hannah?", fragt er jedoch besorgt, als er sich umdrehte und seine Frau nirgends entdecken konnte.
„Ich bin hier.", Hannah richtete sich auf und kam um das Bett herum, wo Neville sie in den Arm schloss.
Alice drehte ihren Kopf wieder, sodass sie die beiden Erwachsenen zwischen den Betten ansehen konnte.
Neville ließ mit einem Schwung seines Zauberstabes zwei Stühle herbeischweben, auf die er und Hannah sich nun setzten. Er an der Seite seines Vaters, Hannah an der Seite seiner Mutter.
„Und jetzt ?", fragte Hannah leise.
„Ich rede meist einfach mit ihnen. Erzähle ihnen, was so in meinem Leben passiert.", erklärte Neville und als seine Frau sich ein Stück zurücklehnte und ihn erwartungsvoll ansah, begann er zu reden.
Er erzählte das, was er Hannah jeden Abend am Abendbrotstisch erzählte, erzählte von seiner Arbeit als Lehrer, erzählte von dem Unsinn, drn manche Schüler anstellten. Aber er erzählte auch davon, wie es seiner Großmutter ging, erzählte, dass sie sich zur Zeit zusammen mit einer guten Freundin auf Reisen befand und erst in ein paar Monaten zurückkehren würde. Und er erzählte, was zu Hause so passierter, was zwar nicht wirklich spannend war, aber trotzdem Informationen, die er seinen Eltern seit Jahren mitteilte.
Und als Hannah so dasaß und ihrem Mann zuhörte, stellte sie fest, dass Frank und Alice tatsächlich zuzuhören schienen. Sie konnten zwar keine richtigen Wörter formen, es war eher ein gequältes Stöhnen, aber beide lächelten ab und an, bewegten ihre Köpfe, sodass es wie ein Nicken oder Kopfschütteln aussah.
Frank schien sogar gern etwas dazu sagen zu wollen, denn immer, wenn Neville eine Frage stellte, hob der Mann die Hand von der Matratze und versuchte verzweifelt Worte zu bilden.
Neville tat natürlich so, als würde er seine Eltern verstehen, doch so wie Hannah das ganze sah , wussten die beiden ganz genau,k dass das, was aus ihrem Mund kam, eigentlich nur Unsinn war.
Und als Neville fertig war mit Erzählen, begann auch Hannah zu erzählen. Erst war sie etwas schüchtern, denn es war komisch mit jemandem zu reden der einem nie antworten würde. Aber mit der Zeit wurde sie selbstbewusster, vor allem, weil ihr Mann völlig fasziniert an ihren Lippen hing, auch wenn der die ganzen Gesichten schon gehört hatte. Es war die Tatsache, dass seine Frau einfach so mit seinen Eltern redete, als würde sie sie schon seit einer Ewigkeit besuchen, die sein Herz schmelzen ließ und ihn mal wieder sicher sein ließ, das Hannah die Richtige für ihn war. Er lauschte ihr völlig fasziniert, bis es schließlich Zeit für sie war zu gehen.
Mit ihren Zauberstäben hatten sie die schweren Stühle schnell wieder an ihren Platz gestellt und während Hannah das Fenster wieder schloss, deckte Neville seine Eltern noch einmal ordentlich zu.
Als die junge Frau sich nun zu ihrem Ehemann begeben wollte, wurde sie sanft am Handgelenk genommen.
Alice sah sie mit einem sanften Lächeln an, während sie in die Schublade griff, dort, wo sie immer das Kaugummi für Neville aufbewahrte. Dieser sah seiner Mutter und seiner Frau interessiert zu, hatte er bei all seinen Besuchen festgestellt, dass der Verstand seiner Mutter noch um einiges besser arbeitete, als der seines Vaters.
Doch zur Überraschung aller, nahm Alice keine Packung Kaugummi heraus, aus ihre Hand baumelte etwas goldenes, was sie nun Hannah in die Hand legte.
„Eine Kette.. flüsterte Hannah, als sie den Blick ihres Mannes auffing, der nun näher ans Bett herantrat.
Alice nickte, schloss Hannahs Hand um das Schmuckstück und zog die Frau dann zu sich herunter.
Die Worte, die nun stockend, unglaublich leise und fast nicht als Sprache zu erkennen aus Alices Mund kamen, trieben sowohl Neville als auch Hannah die Tränen in die Augen.
„Pass gut auf meinen Sohn auf."
„Mom.", Neville ging neben ihr auf die Knie.
Alice, die immer noch Hannahs Hand hielt, drehte ihren Kopf zu ihrem Sohn, strich ihm mit der freien Hand über die Wange und reichte ihm dann eine Packung Kaugummi.
„Danke.", flüsterte Neville.

In den 19 Jahren dazwischen Part 1 (Laufend)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt