GRAZIELLA
„Guten Morgen", rufe ich fröhlich, während ich fast tänzelnd in die Küche hüpfe, die Arme kurz in die Luft werfend, als wäre der Tag ein bisschen weniger Montag, als er tatsächlich ist.
Papa ist allein – wie fast immer um diese Uhrzeit – und macht das, was er am besten kann: Frühstück schmieren, als würde davon das emotionale Gleichgewicht unserer ganzen Familie abhängen. Und ganz ehrlich... tut es wahrscheinlich auch.
„Buenos días, pequeña lobo", murmelt er, ohne aufzuschauen. Seine Stimme ist tief und weich, wie warmer Kakao.
Er schneidet gerade ein Brötchen durch, aber ich sehe, wie seine Augen dann doch zu mir wandern – ganz automatisch – und... da ist es. Der Blick. Der Dad-Blick.
Zielsicher bleibt er an meinem Hals hängen. Super. Jackpot. Der Bite-Mark ist heute nicht mal im Ansatz verdeckt. Mein gestrickter Oversize-Pullover rutscht lässig von der Schulter und präsentiert stolz die zarte, noch leicht gerötete Stelle direkt unter meinem Schlüsselbein wie ein verdammtes Branding.
Ich zucke nur mit den Schultern, als wäre ich völlig unbeteiligt. „Ich hatte nichts anderes Sauberes." Gelogen. Komplett. Aber das muss er ja nicht wissen.
Papa sagt erstmal nichts. Er wirft nur diesen einen ganz bestimmten, väterlich-kontrollierten Blick auf den Biss. Nicht entsetzt. Nicht wütend. Mehr so... resigniert akzeptierend.
Wobei sein Kiefer leicht zuckt. Und ich kenne ihn gut genug, um zu wissen: Er brüllt innerlich in ein Kissen.
Ich setze mich auf den Barhocker gegenüber der Kücheninsel, greife mir eine Pflaume aus der Obstschale und beginne, sie gedankenverloren zwischen meinen Händen hin und her zu rollen.
Mein Papa schmiert weiter, schweigend, aber ich spüre genau, dass seine Aufmerksamkeit bei mir ist.
„Papa... darf ich dich was fragen?"
Er legt das Messer beiseite, wie ein Chirurg, der gleich ein heikles Gespräch führen muss. „Sicher, schieß los."
Ich schlucke. „Woher wusstet du und Dad, dass euch... ein Stück eurer Seele fehlt? Dass euch Mama... also... dass sie euch gefehlt hat, obwohl ihr euch schon hattet?" frage ich leise, aber bestimmt, ohne ihn anzusehen.
Papa hebt langsam den Kopf. Seine Stirn legt sich in diese sanfte Denkerfalte, die ich so gut kenne. „Woher kommt diese Frage denn plötzlich, kleiner Wolf?" Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit. Toll. Hätte ich vielleicht doch mit einer nicht philosophischen Grundsatzfrage vor dem ersten Kaffee anfangen sollen.
Ich beiße mir auf die Lippe und schaue zur Seite. Die Pflaume in meiner Hand hat inzwischen den Druck einer mittelgroßen Krise erlebt.
„Nachdem Zy und ich... also, du weißt schon... uns vereint haben," – ich spreche das Letzte so schnell aus, dass es fast klingt wie ein Unfallbericht – „da war da so ein Gefühl. Bei uns beiden."
Ich blicke auf. Papa sieht mich ruhig an, sagt nichts. Also fahre ich fort.
„Es fühlt sich an, als würde... irgendwas fehlen. Oder jemand. Nicht so, dass wir unglücklich wären. Gar nicht. Es ist mehr so... wie ein Lied, das noch nicht fertig ist. Oder ein Puzzle mit einem fehlenden Teil. Als hätte die Mondgöttin 'ne Lücke gelassen und gesagt: 'Haha, wartet mal ab.'"
Papa seufzt. Tief. Schwer. Verständlich. Ich habe ihm gerade seine Croissant-Ruhephase zerstört.
Er kommt um die Kücheninsel herum und bleibt vor mir stehen. Öffnet den Mund – Ich bin schneller.
„OH LUNA!" rufe ich plötzlich, werfe die Pflaume in die Luft und vergrabe mein Gesicht in den Händen. „Was ist, wenn wir dieses Gefühl nur haben, weil ich meinen Zwilling gegessen habe, als ich in Mama's Bauch war?"
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Second Mate
LobisomemGraziella, kurz Ella, hat es in ihrem bisherigen Leben nicht immer einfach gehabt. Vier beschützerische Brüder, zwei Alpha Väter und eine liebende Mutter, die wie Wachhunde um sie herum streunen und somit jegliche neue Erfahrung verhindern, wenn auc...
