Ich sitze wieder in Marlas Bus und starre auf die Straße. Ich weiß nicht, wohin Marla fährt und ich glaube, sie weiß es auch nicht. Seit wir wieder im Auto sitzen, haben wir kein einziges Wort miteinander gesprochen. Wozu auch? Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Was passiert war, war passiert und wir beide mussten uns erst einmal daran gewöhnen. Wir fahren auf einer größeren Straße. Der Schnee wurde hier beseitigt. Ich fixiere die kleinen, weißen Striche auf der Straße, die am Auto vorbei huschen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass so etwas passiert. Mr. Shiver ist so grausam. Er hat meinen besten Freund umgebracht. Bei diesem Gedanken merke ich wieder den dicken Kloß in meinem Hals, der immer weiter wächst. Ich blinzele mir die Tränen aus den Augen. Marla hat meine Füße in eins ihrer stinkenden Wolfsfelle gehüllt. 'Da haben sie es schön warm', hat sie gesagt. Das waren ihre letzten Worte, bevor wir uns beide schweigend ins Auto begeben haben und jetzt schon seit Ewigkeiten auf die Straße starren. Auf der linken Seite grenzen weite Felder an die Straße. Auf ihnen liegt eine hauchdünne Schneeschicht, die fast aussieht wie Puderzucker. Rechts stehen hohe Bäume und Büsche. Die ganze Zeit bemühe ich mich, nicht zum Wald auf der rechten Seite zu schauen. Das erinnert mich zu sehr an Mr. Shiver und seine gruselige Lichtung. Alles kommt mir vor wie in einem Gruselfilm. Es war für mich unvorstellbar, dass Mr. Brown irgendwann nicht mehr da sein würde. Und es war noch unvorstellbarer, dass Mr. Shiver ihn umbringen würde. Es ist erschreckend, wie schnell das unvorstellbare doch vorstellbar werden kann. Jetzt sitze ich im Auto, auf dem Weg, Mr. Browns letzten Wunsch zu erfüllen: Die Winterkönigin zu finden und gemeinsam mit ihr, Mr. Shiver zu vernichten. Wenn ich das schaffe, war sein Tod vielleicht doch nicht umsonst.
Im Moment weiß ich nur noch nicht so ganz, wo wir überhaupt hin fahren. Die Straße verläuft gerade, wie mit dem Lineal gezogen, durch die Landschaft. Am Horizont sehe ich die Sonne aufgehen. Der Himmel ist rosafarben und die Sonne strahlt wie ein roter Ball am Himmel. Alles ist fast zu perfekt, so wie in einem dieser Barbiefilme. Jetzt fehlen nur noch die Einhörner. Die Sonnenstrahlen sind Wärme auf meiner Haut. Obwohl sie im Winter noch nicht so stark sind, fühlt es sich an, wie ein Licht am Ende des Tunnels. Etwas, was schwer zu erreichen ist und doch immer wieder kommt: Der Sommer. Ich freue mich jetzt schon auf die warmen Sonnenstrahlen und die vielen bunten Farben. Das einzige, auf das ich mich nicht freue, ist dass ich im Sommer wieder mehr Zeit im Schloss bei Mr. Shiver verbringen muss. Das ist das Einzige, was ich am Winter mag. Aber dieser Winter ist anders. Sonst hatte ich immer meine Ruhe, aber in diesem Winter, bin ich öfter in Mr. Shivers Schloss, als mir lieb ist. Nach diesem Erlebnis heute, würde ich am liebsten nie wieder dort hin zurückkehren.
"Wohin fahren wir?", frage ich Marla nach einer gefühlten Ewigkeit. Meine Stimme klingt kratzig, so wie wenn man Dads alten Wagen mit dem rostigen Motor anschmeißt. Die Sonne ist jetzt schon fast ganz aufgegangen, aber die Straße ist immer noch nicht zuende. Es kam keine einzige Kurve und keine einzige Kreuzung. Alles, was man vor und hinter uns sieht, ist eine Straße, so geradlinig, wie ein Zollstock oder eine Wasserwaage. Seit ich wieder etwas gesagt habe, fühlt sich mein Körper an, als würde er wieder lebendig werden. So als wenn ich aus einem tiefen Schlaf erwacht wäre. Meine Hände beginnen zu kribbeln und mein Herz pocht. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und sehe Marla an. Sie starrt immer noch auf die Straße. Ihre knubbelige Nase ragt aus ihrem Gesicht hervor wie ein schiefer Schornstein auf irgendeinem Haus. Meine Nase ist ungefähr genauso hässlich. Wenn man sich ein Fotoalbum unserer Familie anschaut, dann sieht man, dass niemand aus unserer Familie einen Nasenschönheitswettbewerb gewinnen würde. 'Die haben ja alle so komische Nasen', hat Emma einmal gesagt, als ich ihr ein Familienfoto gezeigt habe und sie hatte verdammt nochmal recht. Dafür strahlen Marlas blaue Augen. Sie sehen ein bisschen so aus wie Kristalle. Kleine, glänzende, runde Kristalle, die immer noch die Straße fixieren. Ihre grauen Locken stehen in alle Richtungen ab. Sie sind mit einem Band zusammengebunden, das total bunt und damit nicht zu übersehen ist. Marla sagt immer, dass sie für diese Frisur eine ganze Dose Haarspray braucht. Es sieht scheußlich aus. "Ich dachte, du hast die Karte", sagte sie plötzlich. Ihre Stimme klingt im Gegensatz zu meiner unverändert. Wie kann sie nur so gut damit umgehen? War Mr. Brown nicht ihr Mann gewesen? Mein Onkel? Wie gesagt, diese Frau ist merkwürdig. Hoffentlich hat sie keinen Tee mitgenommen. Das Zeug ist so widerlich. Plötzlich fällt mir das Buch von Mr. Brown wieder ein. Ich krame in meiner Tasche und suche das Buch. Neben Chips und Eistee finde ich es und schlage die letzte Seite mit der Karte auf. Dann hebe ich sie hoch und zeige sie Marla. Sie stoppt das Auto und so stehen wir wieder mitten auf der Straße, aber das ist egal. Es kommt ja sowieso keiner. Schon die ganze Fahrt ist uns niemand entgegen gekommen. Was soll schon passieren?
Marla nimmt mir das dicke Buch aus der Hand und schaut konzentriert auf die Karte. Dann hebt sie ihren Blick und raunt zu mir herüber: "Pack sie wieder ein." Mit einem großen Fragezeichen im Gesicht stecke ich die Karte wieder in meinen Rucksack. Sollten wir sie nicht benutzen, um zu wissen, wo wir lang fahren müssen? Der eingezeichnete Weg verläuft wie eine Kreislinie durch die Orte. Wenn wir dieser Linie folgen, können wir vielleicht irgendwelche Hinweise finden. "Wieso, Marla?", frage ich sie und blicke ihr in die Augen. Sie neigt sich zu mir herüber, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. Ich halte ihr mein Ohr hin, gespannt, was sie sagen will und konzentriere mich auf die Worte, die sie flüstert: "Hier sind wir richtig. Diese Straße ist die rote gestrichelte Linie auf deiner Karte." Wieder sehe ich sie fragend an. Wieso flüstert sie? "Das kann nicht sein, Marla", protestiere ich, "Die Linie auf der Karte verläuft Kreisförmig. Das bedeutet, dass auch die Straße leicht gebogen sein muss, oder zumindest irgendwann Kurven oder Kreuzungen auftauchen müssen. Weil diese Straße aber vollkommen geradlinig verläuft, ist das doch total unlogisch, dass das die Straße auf der Karte ist." Ich merke wie meine Stimme wieder lebendig wird und bin stolz auf mich, so viel gesagt zu haben. Aber Marla scheint von dem Ganzen nicht so überzeugt zu sein wie ich. "Hör mir zu", sagt sie jetzt auch in einem etwas lauteren Ton, "Du bist der Meinung, du könntest das alles hier logisch erklären, mit Gesetzen aus Physik oder Chemie oder Mathe. Aber das was du in der Schule lernst, hat überhaupt gar nichts mit dem zu tun, was hier gerade passiert. Das hier ist größer als alles andere. Amy, du suchst jemanden, der Wasser im Bruchteil einer Sekunde zum Gefrieren bringen kann, jemanden der Schneestürme und Eis erschaffen und alles in ein eiskaltes Blau tauchen kann. Kein normaler Mensch kann das erklären. Genauso wie niemand erklären kann, warum du Feuer und Hitze erschaffen kannst. So wie niemand erklären kann, wer oder was Mr. Shiver ist. Sowas nennt sich Magie, Amy und es ist verdammt schwer, es auch nur im Ansatz zu verstehen. Mit Logik hat das alles nichts zu tun. Die Magie ist da und sie hat ihre eigenen Regeln und Gesetze. So kann eine schnurgerade Straße trotzdem ein riesiger Kreis sein, der dort wieder endet, wo man angefangen hat. Die Frage 'Warum' ist hier niemals zu beantworten."
Wieder runzele ich die Stirn. Anscheinend weiß Marla mehr, als ich dachte. "Was hat das dann mit diesem Kreis zu tun? Warum verläuft die Straße kreisförmig?", frage ich sie in der Hoffnung, diesmal eine logischere Erklärung zu bekommen. Marla seufzt und sieht mich an. "Ist dir noch nie aufgefallen, wie oft der Kreis in den Mustern auf Mr. Shivers Schloss verarbeitet ist?", fragt sie mich. Bevor ich antworten kann redet sie weiter: "Der Kreis hat eine magische Bedeutung. Eine einfache Linie hat einen Anfang und ein Ende, so wie eine normale Straße, die von Menschen gebaut wurde. Solch eine Straße hat den Sinn, an ihrem Ende am Ziel zu sein. Die Magie ist nie am Ziel oder fertig. Die Kreislinie ist auch nie am Ziel. Sie endet nie, sondern hört immer genau da auf, wo sie begonnen hat. Genauso braucht auch Mr. Shiver den Kreis. Er ist unsterblich, genauso wie seine Macht. Sein Leben verläuft auf einer Kreislinie und hört so niemals auf. Um ihn umzubringen, müsste man diesen Kreis unterbrechen." Sie hält kurz inne und sieht auf die Straße. Die kleinen Schneeflocken zerlaufen auf der Scheibe. "Wie das geht, musst du allerdings erst einmal herausfinden", beendet sie ihren Vortrag und lächelt mich an. Wie kann sie nur so fröhlich sein?
Die kleinen Schneeflocken werden immer mehr und mehr und man kann mittlerweile fast gar nichts mehr sehen. Mir ist kalt und ich hole etwas zu Essen aus meinem Rucksack, um mich zu bewegen. Was Marla meint, habe ich immer noch nicht verstanden. Ich verstehe das einfach nicht. Das kann nicht sein, dass eine gerade Straße eigentlich ein großer Kreis ist. Das kann einfach nicht sein. Hoffentlich denkt sie sich das alles nicht nur aus. Eigentlich ist es schon komisch, dass uns nie jemand entgegen kommt, oder man irgendwo abbiegen muss. Wir stehen immer noch mitten auf der Straße und die Scheibe ist schon voller Schnee, sodass man nicht mehr hindurch schauen kann. Ich krame zwischen meinen Klamotten und den anderen Sachen, bis ich eine kleine Plastiktüte finde. Mum hat mir extra ein paar Brötchen gekauft. Die Kälte dringt langsam bis ins Auto durch. Meine Füße haben es schön warm auch wenn das Wolfsfell stinkt. Dafür sind meine Hände aber eiskalt.
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Aus Feuer und Eis
FantasíaDie sich wiegen, neigen und schauern. Über mystischen Gräbern trauern. Sie schauern: ihre duftenden Seelen Zittern in immerwährendem Leide. Sie weinen: auf ihrem weißen Kleide Schimmern die Tränen wie Juwelen. (Edgar Allan Poe; Das ruhelose Tal) Am...