Ich sehe aus der beschlagenen Fensterscheibe auf die schneebedeckte Straße. Häuser und Bäume fliegen an mir vorbei und Schnee fällt auf die Scheibe. Ich habe auf Mr. Brown gehört und Tante Marla um Rat gefragt. Er weiß nichts von meinem Vorhaben. Ich stütze meinen Kopf auf meinem Arm auf und fange an, an meinen Fingernägeln zu kauen. Ich kann nicht einfach so, ohne Vorwarnung verschwinden. Mr. Brown rechnet nicht damit, dass ich so schnell weg bin. "Stop!", rufe ich. Marla tritt vor Schreck sofort auf die Bremse, der Wagen gerät ins Schleudern und bleibt schließlich quer, mitten auf der Straße stehen. "Was ist los?", fragt sie und sieht mich erschrocken an. Ich öffne, ohne zu antworten, die Autotür, hüpfe auf die Straße und laufe in den Wald. Ich muss mich bei Mr. Brown verabschieden. Vorher kann ich einfach nicht losfahren. "Amy! Bleib hier!", schreit Marla mir hinterher, doch ich höre nicht auf sie und renne weiter. Als ich endlich die Lichtung erreiche, höre ich einen Tosenden Lärm. Blätter fliegen um mich herum und der Schnee liegt ,wie zur Seite gefegt, am Rand der Lichtung. Keine Frage: Hier wurde gekämpft. Ein schwarzer Wirbelsturm kommt vom Schloss auf mich zu, wendet dann jedoch und verschwindet wieder im Schloss.
Neugierig gehe ich ihm hinterher. Mr. Brown steht oben auf der Treppe. Er scheint mich noch nicht gesehen zu haben. Sein Gesicht ist angsterfüllt. Der Wirbelsturm kommt genau auf ihn zu. "Mr. Brown!", schreie ich über den tosenden Lärm hinweg, aber meine Worte werden vom Wirbelsturm verschluckt. Ich habe schreckliche Angst um ihn. Es muss sofort etwas geschehen. Ich muss ihm helfen. Er ist in Gefahr. Ich habe solche Wut auf Mr. Shiver. Schon seit den letzten Tagen geht er zu weit und jetzt bedroht er Mr. Brown? Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Als ich sie nach kurzer Zeit wieder öffne, schwebt über ihnen der Feuerball, den ich schon letzte Nacht geschaffen hatte. Ich nehme meine zweite Hand dazu und forme ihn immer größer, bis er so groß ist, wie mein Kopf. Dann werfe ich ihn Richtung Wirbelsturm. Der Feuerball fliegt jedoch durch ihn hindurch und landet an der Wand, wo er einen riesigen Brandfleck hinterlässt. Aber jetzt ist auch Mr. Shiver auf mich aufmerksam geworden. Als der Wirbelsturm auf mich zu kommt, sieht Mr. Browns Gesicht noch ängstlicher aus.
Er wird mich nicht umbringen denn, wir sind sein schlagendes Herz.
Er wird mich nicht umbringen, denn ohne mich ist er nichts als ein Häufchen Asche.
Er wird mich nicht umbringen, denn wenn er das täte, wäre die Welt nicht mehr die Welt.
Er wird mich nicht umbringen!Mr. Brown schaut mir in die Augen. Ich schaue zurück. Wir beide wissen genau, was jetzt jeder von uns beiden denkt. Am liebsten hätte ich jetzt einen Schritt zurück gemacht, aber ich wehre mich so sehr dagegen, dass ich sogar einen Schritt vor gehe. Schon wieder ist mir der Wirbelsturm so nah. Ich höre Mr. Shivers krächzende Stimme: "Du bist nicht allein. Ich kann dich sehen, immer und überall." Er kommt so nah, dass ich in meinem Ohr nur noch ein leises Piepen höre. Der Staub kratzt mir in der Nase und die Asche reibt in meinen Augen. Langsam beuge ich mich noch weiter vor, sodass ich fast in den Wirbelsturm hinein schauen kann. "Lassen Sie meinen besten Freund in Ruhe", sage ich langsam, bedrohlich und so laut ich kann. Ich kann meine eigenen Worte nicht hören, aber Mr. Shiver scheint mich verstanden zu haben. Er weicht ein Stück zurück. Ich nutze die Chance und forme einen neuen Feuerball.
Als ich ihn zum Wirbelsturm werfe, fällt er nicht durch ihn hindurch. Er bleibt im Wirbelsturm stecken und kreiselt darin auf und ab. Dabei wird er immer größer, und nicht nur er. Auch der Wirbelsturm wächst immer und immer weiter, bis er fast das ganze Schloss ausfüllt. Plötzlich höre ich einen ohrenbetäubenden Lärm. Es hört sich nicht an, wie das Brausen des Wirbelsturms, sondern eher wie eine Explosion. Ich will sehen was passiert ist, doch es kommt ein unheimlich starker Wind auf, der mich nach hinten bläst und ich lande auf dem Rücken. Es tut so weh, dass ich schreien will, aber ich kann nicht. Ich reiße die Augen auf und sehe nur ein einziges weißes Licht.
Er wird dich nicht umbringen!
Jetzt öffne ich meine Augen. Ich liege im Schloss auf dem Marmorfußboden. Die Decke in der Mitte ist eingebrochen. Ein schwarzer Rabe fliegt dort in den Nachthimmel. Von oben rieseln kleine gelbrote Flämmchen und kleine weiße Schneeflocken herunter. Alles ist still. Nichts bewegt sich. Ich schaue zur Marmortreppe, um Mr. Brown zu sehen, doch er steht nicht mehr am Geländer. Als ich mich erhebe, um nach ihm zu sehen, fährt mir der Schmerz durch den Rücken. Trotzdem stehe ich auf und stelle mich auf meine wackeligen Beine. Mit zitternden Knien gehe ich die Treppe nach oben. Wo ist er?
Als ich oben ankomme, traue ich meinen Augen kaum. Mr. Brown liegt am Boden. Ich knie mich zu ihm und streiche ihm mit meiner blutigen Hand über die Stirn. Er bewegt sich nicht mehr. Seine Hände sind kalt. Leblos liegt er am Boden. Ich sehe eine Tränen von mir auf ihn herunter tropfen. Er war immer für mich da. Ich hätte ihn retten müssen. Ich habe ihn umgebracht. Durch meinen Feuerball ist er gestorben. Ich habe ihn umgebracht, dabei hätte ich ihn beschützen müssen. Ich bin schuld. Ich beuge mich zu ihm herunter und umarme ihn. Alles ist meine Schuld. Weinend liege ich neben ihm am Boden. Schnee fällt zu mir herab. Die kleinen gelbroten Flämmchen legen sich wie Glitzer auf dem Boden ab. Ich sehe nach oben, durch das Loch an der Decke. Die Sterne stehen direkt über mir. Eine kleine Sternschnuppe huscht über den Himmel.
Jetzt darfst du dir etwas wünschen.
Ich möchte, dass er aufwacht. Er soll sich neben mich setzen und mir sagen, dass alles gut wird. Alles soll so sein wie früher. Ich will das nicht. Ich bin schuld. Was Mr. Brown gestern gesagt hat, werde ich wohl nie vergessen. Ich werde ihm seinen letzten Wunsch erfüllen. Ich werde die Winterkönigin finden, Marla retten und Mr. Shiver vernichten. Zusammen sind wir stärker als er, da bin ich mir ganz sicher.
Er wird dich nicht umbringen, aber Mr. Brown ist tot!
Als ich das Schloss verlasse, steht Marla schon an der Lichtung. Erleichtert atmet sie auf, als sie mich sieht. Ich laufe ihr in die Arme. Als sie merkt, dass ich weine sieht sie besorgt zu mir herunter: "Was ist passiert? Geht es dir gut?" Sie streichelt mir über den Kopf. Ich lasse sie los und sehe sie an. Als ich versuche zu sprechen, kommt nur ein Stottern heraus: "Mir...ich....ich bin okay, aber...." Ich beginne zu schluchzen und sie nimmt mich wieder in den Arm. Lange stehen wir so da. "Was ist los, Schätzchen?", fragt sie schließlich wieder. Ich versuche mich zusammen zu reißen und stottere: "Mir geht es gut, aber..", Marla sieht mich besorgt an, "Mr. Brown...." "Was ist mit ihm?", fragt Marla. Ich sehe zu Boden. Ich kann es nicht aussprechen, doch Marla hat mich schon verstanden. "Alles.....alles wird gut", stammelt sie. Dann legt sie den Arm um mich und gemeinsam gehen wir zurück zum Auto.
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Aus Feuer und Eis
Viễn tưởngDie sich wiegen, neigen und schauern. Über mystischen Gräbern trauern. Sie schauern: ihre duftenden Seelen Zittern in immerwährendem Leide. Sie weinen: auf ihrem weißen Kleide Schimmern die Tränen wie Juwelen. (Edgar Allan Poe; Das ruhelose Tal) Am...