Das Duell

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Anmerkung: In der Geschichte „Duell" geht es um Nicholas, den Jessica in „Erben der Götter" in London kennenlernt und eine kurze Affäre mit ihm eingeht.

Das Duell

Seit einigen Nächten geschahen merkwürdige Dinge in Nicholas Revier. Immer wieder fand er Menschen mit aufgerissenen Hälsen auf offener Strasse liegen. Das Blut bildete jedes Mal eine riesige Lache um die Körper herum. Nicholas ahnte, was das bedeutete, wenn der Artgenosse den Lebenssaft verschmähte. Er wollte ihn, als Revierinhaber, provozieren und durch die Morde seine Absichten kundtun. Wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern, bis sich der Unbekannte zeigen würde, um seine Forderungen zu stellen. Nicholas war darauf gefasst. Er hatte im Laufe der Jahrhunderte schon öfters sein Gebiet verteidigen müssen. Das war eben das Schicksal, wenn man gute Jagdgründe besaß. Es gab immer andere Unsterbliche, die sie erobern wollten. Durch seine Kampferfahrung blieb Nicholas, bis jetzt, noch einigermaßen gelassen. Er hatte den anderen zwar noch nicht gespürt, aber das musste nicht bedeuten, dass er stärker war. Bei dreihundert Jahren Lebenserfahrung, fühlte er sich ziemlich sicher.

An einem Abend, als Nicholas selbst auf Jagd war und über sein Gebiet hinweg glitt, hörte er den Schrei einer Frau. Sogleich ortete er die Herkunft des Schreies, aber als er zu der Stelle kam, war sie bereits tot und ihr Hals abermals zerfleischt, wie bei den anderen Opfern. Sie musste erst kurz vor seinem Eintreffen, gestorben sein, denn ihr Körper war noch warm und das Blut floss aus der klaffenden Wunde. Suchend blickte Nicholas sich um, musterte die umliegenden Dächer und den Himmel, aber er konnte nichts entdecken und auch keine Schwingungen spüren. Wo versteckte der andere sich? Allmählich kamen ihm Zweifel, ob es diesmal einfach werden würde, zu siegen. Der intensive Geruch des Blutes auf dem Asphalt, lenkte ihn ab und ließ seine Adern zusammenkrampfen. Er starrte auf die Lache zu seinen Füssen, aber die Gier erwachte nicht. Nicht, wenn sie schon tot waren. Er brauchte den Puls, als Stimulans, gepaart mit dem menschlichen Geruch. Die Geräusche des Herzens, versetzten seinen Körper in Aufruhr und wenn er ihnen lauschte, dann ballte sich die Gier in seinem Bauch zusammen, um langsam hoch zukriechen, während der Puls in seinen Ohren, unaufhörlich zu einem Dröhnen anschwoll, um dann plötzlich auszubrechen und das Opfer zu packen. Vermutlich war es ratsam, seine Kraftreserven schnellst möglich aufzufüllen. Wer wusste schon, wann der Herausforderer, sich zeigen würde. Sicher in einem Moment, in dem Nicholas am schwächsten war, so wie jetzt. Hungrig und ausgezehrt.

Er hörte auf einmal ein schwaches Flirren der Luft und spürte leichte Vibrationen im Körper. Der Andere! Nicholas erblickte ihn, in einigen Yards Entfernung, an einer Straßenlaterne, lehnen. Der schwarzhaarige Unbekannte setzte sich langsam in Bewegung, kam auf menschliche Weise auf Nicholas zu. Dieser rührte sich nicht von der Stelle, beobachtete den Fremden sehr genau, um einem Überraschungsangriff zuvor zukommen. Er wusste ja nicht, ob sich der andere an die Regeln des Kodex hielt. Heutzutage verkamen die alten Gesetze immer mehr. Die jungen Unsterblichen kannten Begriffe, wie Respekt und Ehre nicht mehr. Schon einige Male, hatten ganze Horden von Jungen, die Grundstücke von Älteren überfallen und sie niedergemetzelt. Nach altem Gesetz, war das eindeutig Mord. Die Vernichtung eines Artgenossen war nur im Duell legitim, oder bei der Sühne.

Der andere Unsterbliche, mit südländischem Aussehen, war nun auf einige Schritte herangekommen und sah Nicholas abschätzend an. Er verzog keine Miene, als er ihm mitteilte, dass er sein Revier wolle und dass Nicholas Garten, morgen der Austragungsort, des Duells sein solle. Der Revierbesitzer erklärte sich einverstanden und erwiderte den kalten Blick des Herausforderers, aus stahlblauen Augen. Nicholas schätzte ihre Stärke, aufgrund der Aura, die er spürte, ungefähr gleich ein und das beruhigte ihn ein wenig. Zumindest war der andere Vampir nicht mächtiger. Wahrscheinlich, weil er äußerlich, im Gegensatz zu Nicholas, sehr jung war. Der Ältere schätzte sein Umwandlungsalter auf Anfang zwanzig. Er hingegen, hatte schon reife vierzig erreicht gehabt, als ihn ein damaliger Freund, unsterblich machte. Nicholas war an Tuberkulose erkrankt und hatte nur noch den Tod zu erwarten gehabt. Damals ließ er seine geliebte Frau und seine drei Kinder, für dieses neue Dasein zurück. Er hatte den Preis für die Unsterblichkeit gekannt, seine eigene Beerdigung inszeniert, um für die sterbliche Welt, tot zu sein. Die schwerste Bürde, war die Trennung von seiner Frau gewesen. Sie hatten sich sehr geliebt und er quälte sich lange damit, nicht zu ihr zurück zu können. Er hatte sie oft beobachtet, oder sie heimlich im Schlaf betrachtet. Einmal war er dabei schwach geworden, hatte sich ihr genähert und sie geliebt. Estelle hatte es für einen erotischen Wunschtraum gehalten. Um sich abzulenken, verließ er England für viele Jahre.

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