Das Sonnen-Experiment

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Anmerkung: Die Geschichte „Sonnenexperiment" erzählt von Antonios gewagtem Experiment, durch die Verbrennungen der Sonne mehr Macht zu erhalten. Bzw. nach der Heilung. Er erwähnt es in „Erben der Götter".


Martin hatte ihn schon oft gefragt, ob die Sonne Antonio noch töten konnte, ob er schon alt genug wäre. Der alte Vampir konnte es ihm nicht sagen, doch er hatte schon selbst einmal diese Vermutung gehabt. Antonio entschloss sich schließlich, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Die möglichen Folgen kannte er. Entweder würde er verkohlt erwachen, oder für immer sterben.

Als Martin eines abends zu ihm in die Villa kam, saß er zwischen seinen Bücherregalen im Sessel, wie fast immer. Er sah nachdenklich aus und er sagte kein Wort, als Martin eintrat.

„Antonio, was ist?", fragte der Jüngere besorgt. Der andere hob den Kopf und blickte Martin einige Sekunden an. Dann sagte er: "Ich werde es tun, mein Freund. Heute werde ich es wagen." Der junge Vampir wusste zuerst nicht, was er meinte, doch dann dämmerte es ihm: "Was? Ist das wirklich dein Ernst? Du willst tatsächlich deine Unsterblichkeit opfern?" Antonio nickte schwach: "Ich bin mir über das Risiko absolut im Klaren. Warum machst du dir Sorgen um mich? Du wolltest doch, dass ich es versuche." Martin trat neben ihn und legte die Hand auf seine Schulter: "Verlass mich nicht. Ich will nicht, dass du stirbst!" Diese Worte machten den Älteren fast traurig. Er wollte ihn auch nicht einfach so zurücklassen. Er umfasste Martins Hand und sagte: "Es ist entschieden! Danach werde ich mehr Macht besitzen, als jetzt. Die Gefahren, denen wir uns aussetzen müssen für höhere Kräfte, werden immer größer. Darin liegt unser Bestreben. Nach der wahren Unsterblichkeit, nach der Göttlichkeit." Und er fügte noch hinzu: "Ich will wissen, wie stark ich bereits bin. Hilfst du mir!" Der junge Unsterbliche dachte kurz nach, dann nickte er: "Okay, was muss ich tun?" Der andere erhob sich aus seinem Sessel und ging zum Fenster hinüber: "Du musst nur mitkommen und verhindern, dass ich der Morgenröte entfliehe."

„Aber wie kann ich das, wo du doch viel länger dem Licht standhalten kannst?" Antonio lächelte nur: "Alles zu seiner Zeit!" Dann entschwand er durch das geöffnete Fenster. Martin fand ihn sitzend, auf dem Dach seiner Villa, vor.

„Hör mir zu, Martin. Falls ich nicht zurückkehren sollte, ist das alles dein." Dabei streckte er den Arm aus und blickte über sein Anwesen. „Lass dich von keinem Unsterblichen vertreiben. Verteidige meinen Besitz gegen jeden, der ihn beanspruchen will. Versuche ein würdiger Nachfolger zu werden, indem du deine Kräfte herausforderst. In dir steckt mehr, als du glaubst. Wahrscheinlich habe ich dich deshalb ausgesucht. Du warst von Anfang an stärker und mächtiger, als andere Neugeborene." Martin sah in den wilden Garten, der um das Haus wucherte: "Ich habe keine Zweifel, dass du zurückkehren wirst." Nach einer kurzen Pause: "Fürchtest du dich, Antonio?" Dabei wandte er sich dem Älteren zu. Dieser nickte: "Ja, ich habe Angst davor. Es könnte meinen Tod bedeuten und ich fürchte mich vor der Hitze und den Schmerzen. Ich werde dieselben Qualen erleiden, wie ein Mensch, der im Feuer verbrennt. Aber ich denke, dass sich die Strapazen lohnen werden." Martin fand, dass er erstaunlich ruhig war, für das, was ihm bevorstand. Seine Stimme verriet keinen Funken von Furcht. Sie klang so getragen, wie immer.

Als der Himmel sich aufhellte, so schwach, dass es die Sterblichen noch nicht wahrnahmen, erhob sich Antonio und sprang in die Tiefe hinab. Kurze Zeit später stand er wieder neben dem Jüngeren. Er hatte sich einen Mantel übergezogen und meinte: "Es ist Zeit. Komm!"

Martin folgte ihm in einem atemberaubenden Tempo über die menschlichen Siedlungen hinweg, über karge Landstriche, bis sie eine Felsformation erreichten. Antonio steuerte darauf zu und setzte die Füße auf den sandigen Boden. Er blieb stehen und beobachtete den Horizont, wie sich dieser langsam von hellblau in hellgelb verfärbte. „Such dir in der Nähe ein Versteck. Es ist zu spät, um noch zurückzukehren." Martin betrachtete ihn nur. Seine dunkelbraunen Haare, die sich bis zum Rücken ergossen. Antonio spürte seine Blicke, aber drehte sich nicht um. Fasziniert starrte er zu den rötlichen, mit lila durchzogenen Streifen am Himmel. Bald war es soweit.

On the Dark SideWo Geschichten leben. Entdecke jetzt