6-remembering

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Ich starrte in das Feuer, während Cassiel neben mir schlief.
Er hatte nicht sehr positiv reagiert, aber ich hoffte, dass sich das noch ändern würde.

Ich warf die zerbrochenen Nussschalen ins Feuer, was ein leises Knistern verursachte. Anscheinend hatte Cassiel einen sehr leichten Schlaf, denn er öffnete seine Augen.

 "Ist alles okay bei dir? Ich habe ein Knacken gehört."

"Alles gut, das war nur das Feuer." 

Ich dachte an meine Eltern, wie wir zusammen am Kamin saßen, wie mein Vater mir immer Geschichten erzählt hatte, während ich mit dem Kopf auf dem Schoß meiner Mutter lag. 

"Okay." Erschöpft ließ er sich nach hinten fallen und schloss die Augen wieder. 

 "Tut mir leid, dass ich dir nicht vorher von meinen Eltern erzählt habe." 

"Schon vergessen. Wieso solltest du es mir denn sagen? Wir kennen uns kaum. Wir haben uns vorgestern kennengelernt."

 "Stimmt auch wieder, aber ich vertraue dir." Ich nuschelte ein wenig.

Er lächelte und setzte sich auf, wobei seine grünen Augen das sanfte Leuchten des Feuers einfingen und mich ansahen. Das Feuer war nicht sonderlich groß, doch brachte seine schmalen Augen zum funkeln.

 "Ich vertraue dir auch, Melian."

"Obwohl ich eine Hexe bin?"

 "Erst recht, weil du eine Hexe bist. Ich mag normale Leute nicht."

Ein kleines Lächeln schlich über meine Lippen.

"Erzählst du mir bitte von dir?", fragte er.

Ich nickte und musste kurz nachdenken.

"Also, ich bin Melian-"

"Das weiß ich. Ich will aber irgend etwas von dir wissen, was dich ausmacht, über deine Persönlichkeit."

"Also ich kann manchmal sehr neugierig sein, aber auf der anderen Seite auch extrem schüchtern.." Und schon wieder erinnerte ich mich an meine Eltern. Es war an meinem fünften Geburtstag, als meine Tante und mein Onkel gekommen waren. Anfangs hing ich nur an dem Bein meiner Mutter, doch später konnte ich nicht aufhören sie mit Fragen zu durchlöchern.

"Manchmal bin ich zu aufbrausend. Mir ist einmal der Klassiker passiert." Ich erzählte ihm von dem kleinen Unfall den ich letztes Jahr hatte, als ich ziemlich gelangweilt war und mit einem Besen getanzt habe, wobei ich gegen einen Sockel gestoßen bin und dabei eine Statue meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter kaputt ging, die Gründerin von Averis.

"Was hast du getan?", fragte er, nach dem ich ihm davon berichtet hatte, dass ich ein mal den schwanz von dem Hund meiner Schwester bunt gefärbt und ihn anschließend mit Tofuwürsten aus der Küche gefüttert habe, wobei er sich leider noch in ihre Geburtstagstorte geschmissen hatte. Wir beide brachen in ein Lachen aus.

"Und ich dachte immer, in so Schlössern wäre es langweilig."

"Ganz und gar nicht, wenn man eine Schwester mit einer Vorliebe für Streiche hat. Unser bester Streich war,  dass uns ein Freund der in dem  Armenviertel von Averis gewohnt hat, eine Packung Bleichmittel von dem Schiff aus Spanien gestohlen und gebracht hat. Dann haben wir das Shampoo unserer ziemlich nervigen Cousine, dir ihre braunen Locken über alles liebt, mit dem Bleichmittel ausgetauscht. Am nächsten Tag war sie blond."

"Wie kommt man in Averis denn an Bleichmittel ran?"

"Averis mag zwar sehr mittelalterlich sein, aber seine Wege findet man immer. Vor allem wenn man als Prinzessin Kontakte zu den Armen hat." Dann lachten wir beide wieder.

Er erzählte mir, dass er mit sieben Jahren versucht hatte, ein Wildschwein zu zähmen und auf ihm zu reiten. Zum Glück passierte nicht ihm etwas, sondern nur seinen brandneuen Hosen die sein Mutter mit dem letzten Geld für ihn gekauft hatte.

"Ich wusste gar nicht, dass man mitten in der Nacht so viel Spaß haben kann."

"Es ist nicht Nacht." Cassiel deutete auf den Himmel, der in ein zartes Rot getaucht war.

"Das ist wunderschön." Ich lächelte und blickte fasziniert in den Himmel.

"Sag mir nicht, dass du noch nie einen Sonnenaufgang gesehen hast, Melian."

"Nun ja, wenn man von Mauern und Türmen, Wachen und Soldaten umgeben ist, ist es nicht so leicht. Außerdem wurde man erst um acht Uhr geweckt."

"Dann wird es mal Zeit."

Ich beobachtete wie die Sonne langsam aufging und selbst wenn  der Himmel mittlerweile blau war, hatten die wenigen Wolken noch einen Hauch von Orange.

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