Kapitel 5

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Nachdem der Dampfer abgelegt hat, führt mich Newt, wie ich ihn nennen soll, zu unserer Kabine. Auf dem Weg dorthin erklärt er mir, dass die Reise wahrscheinlich 7 Tage dauern wird. In unserer Kabine angekommen steht mir erst einmal der Mund offen. Ich war noch nie gereist und hatte immer nur davon gehört, wie klein die Kabinen sein sollten. Nun stand ich in einer 1. Klasse Kabine, die meine Schwestern bezahlt hatten, und dennoch war sie einfach nur klein. Links von der Tür stand ein Stockbett, an der Wand gegenüber war ein kleines Fenster eingelassen, unter dem ein wackeliger, sehr kleiner Tisch stand, rechts an der wand war ein schmaler Schrank angebracht, der kaum Stauplatz bot und somit, meiner Meinung nach, völlige Platzverschwendung ist. Neben dem Schrank ist eine kleine Tür, die ich, nach kurzem nachsehen, als Zugang zum Bad identifiziere.

Newt steht vor dem kleinen Tisch, sein Koffer darauf gelegt und beachtet mich gar nicht. Unsicher trete ich ein und schließe die Tür hinter mir. Mit einem leisen rumms schließt sie und Newt zuckt zusammen. Es scheint fast so, als hätte er vergessen, dass ich auch noch da bin. Unsicher lächle ich ihn an und werde, als er zurücklächelt, leicht rot. "Teenie hat mir von ihren Tierwesen erzählt, darf ich sie einmal sehen?", nervös schaue ich ihn von unten an. Er ist gut einen Kopf größer als ich, dabei bin ich jetzt wirklich nicht klein. Begeisterung zeigt sich auf seinem Gesicht, als er auch schon seinen Zauberstab schwingt und die Türe damit zusperrt. Schneller als ich sehen kann, hat er den Koffer auf den Boden gelegt und den Deckel geöffnet. "Ladies first", grinst er und unsicher steige ich die Holzleiter in den Koffer hinab.

Am Fuße der Treppe angekommen stehe ich in einem kleinen Arbeitsraum. An den Wänden der Holzhütte befinden sich Regale und Arbeitsflächen, voll mit Einmachgläsern und leeren Eimern, in denen wahrscheinlich das Futter der Wesen transportiert wird. In Tonnen unter den Arbeitsflächen wird dieses dann wahrscheinlich gelagert. Direkt neben der Tür steht ein Bilderrahmen, den ich vorsichtig in die Hand nehme. Es handelt sich um die schwarz-weiß Fotografie einer jungen Frau. Sie müsste ungefähr in Teenies Alter sein. Ihre Gesichtszüge sehen edel und erhaben aus, sie strahlen Arroganz und Hochnäsigkeit aus. Ihre Augen sind kalt und spiegeln das Lächeln, das auf ihren Lippen liegt, nicht wieder. Ihre Haare sehen samt und seidig aus und ein Stich macht sich in meiner Magengegend bemerkbar, als ich daran denke, warum Newt ihr Bild hier aufbewahrt, immerhin wird er hier viel Zeit verbringen.

Als ich höre, dass der Magizoologe den Fuß der Treppe erreicht hat, stelle ich es schnell zurück und schaue mich weiter in dem kleinen Raum um. Ich bin mir sicher, dass ich rot werde, als Newt prüfend zu mir sieht, doch ich hoffe, dass er es auf meine Aufregung schiebt, die mich durchflutet, weil ich die Tierwesen sehen werde. Schüchtern grinse ich ihn an und spüre meine Wangen warm werden, als er es erwidert. Sein schiefes grinsen lässt eine Unruhe in meiner Magengegend entstehen, die mich komplett verwirrt. Was ist das für ein Gefühl?

Fachmännisch greift der Brite nach den leeren Eimern und füllt sie in den Futtertonnen unter der Arbeitsfläche. Angeekelt verziehe ich das Gesicht, als er blutige Fleischstücke in mehrere der Blecheimer füllt. Wissend schaut er mich an und hält mir den Eimer mit Obst und Gemüse entgegen, den ich liebend gern annehme. Langsam folge ich ihm durch die Holztüre nach draußen, doch was mich da erwartet hätte ich nicht gedacht.

Vor mir breitet sich eine riesige Fläche aus, die in unterschiedliche Areale unterteilt ist. Aufmerksam schaue ich mich um. Es gibt eine Wüstenlandschaft, einen Mischwald, eine Grasebene und eine Parkähnliche Anlage mit einem großen See. Während ich mich umschaue läuft Newt bereits durch die Bereiche und füttert die Tiere. Fasziniert sehe ich nach oben. Man kann nicht erkennen, wo die Decke endet und begeistert sehe ich der Eule zu, die dort oben ihre Kreise zieht.

"Kommst du?", erschrocken zucke ich zusammen, als Newt mich aus meinen Gedanken reist. Sofort laufe ich wieder rot an und folge ihm mit gesenktem Kopf zu einem Baum, der über einem Nest thront. Darin befinden sich kleine, schlagenähnliche Tiere in leuchtend blauer Farbe. Leise spricht Newt auf sie ein:" Es ist ja alles gut, Mama ist ja jetzt da." Dann nimmt er die kleinen Fleischbrocken und hält jedem der kleinen einen hin. Leise murmelt er vor sich hin, während die kleinen fiepen und sich um die Futterteile streiten. Fasziniert schaue ich dem Magizoologen bei seiner Arbeit zu. Er ist vollkommen in sie versunken und scheint total vergessen zu haben, dass ich da bin.

Plötzlich spüre ich einen Druck in dem Eimer den ich noch immer in meiner Hand halte und sehe eine Birne daraus verschwinden. Entsetzt schreie ich auf und lasse den Blecheimer mit einem scheppern fallen. Sofort fährt Newt herum und schaut mich verwirrt an. Doch dann sieht er die Birne, die mitten in der Luft schwebt und Bissen für Bissen verschwindet. "Dugal, sie ist unser Gast! Sei ein bisschen freundlicher!" Verwirrt schaue ich den Briten an, doch dann staune ich nicht schlecht. Da wo gerade noch das Obst in der Luft geschwebt ist, erscheint nun ein affenartiges Tier, mit weißem Fell und freundlichen Augen. Verzückt schaue ich den kleinen an und sinke auf die Knie, um ihn nicht zu erschrecken. Dann Strecke ich langsam meine Hand aus, während ich Newt frage, um was für ein Wesen es sich hierbei handelt. "Das ist Dugal, mein Demiguise seine Art ist äußerst selten geworden. Sie wurden lange Zeit gejagt, weil aus ihrem Fell die besten Tarnumhänge hergestellt werden können." Traurig sieht er den kleinen Kerl an, der langsam auf mich zukommt und meine ausgestreckte Hand interessiert beschnüffelt. Als das abgeschlossen ist, langen seine kleinen Fingerchen nach meinen und untersuchen Sie genauer, knicken sie ab, verbiegen sie und folgen den Fingern entlang zur Handfläche, über den Arm zu meinem Körper.

Leise kichernd strecke ich meinen Kopf nach hinten, als das Wesen meinen Hals beschnüffelt und seine Haare meine empfindliche und vor allem kitzlige Kehle streifen. Erschrocken fährt Dugal sofort zurück und starrt mich verwirrt und vorwurfsvoll an, fast so als wollte er sagen:" Also bitte, was soll das denn jetzt?" Entschuldigend schaue ich das weißhaarige Tier an und öffne einladend meine Arme. Vorsichtig kommt der kleine Kerl wieder auf mich zu und klettert auf meine Schultern, um meine Haare genauer zu beschauen. Um ihn nicht gleich wieder zu verscheuchen verlagere ich langsam mein Gewicht und versuche mich bequemer hinzusetzen. Als das geschafft ist, sitze ich im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Nest und schaue den kleinen Tieren darin beim schlafen zu, während Dugal es sich auf meinem Schoß bequem macht und sich zu einer Kugel zusammenrollt. 

Suchend sehe ich mich nach Newt um, der vor einem Strauch mit vielen kleinen und dünnen Zweigen steht. Manche davon scheinen sich sogar zu bewegen und mit Newt zu kommunizieren, denn er redet gerade auf einen dieser kleinen Stöcke in seiner Hand ein und scheint nicht begeistert zu sein.

Der Demiguise auf meinem Schoß stößt ein kleines Schnarchen aus und dreht sich auf die andere Seite. Vorsichtig streichle ich ihm über das kleine Köpfchen und stelle verzückt fest, dass er zwischen sichtbar und unsichtbar wechselt.

Mit einer Ruhe, die ich schon lange nicht mehr gekannt und gefühlt habe schaue ich mich in dem riesigen Raum um. Weiter hinten kann ich Erumpent sehen, die ich jedoch nur aus Teenies Geschichten kenne. Ach wie sehr ich meine Familie gerade vermisse. Und doch erfüllt mich eine tiefe Ruhe und Geborgenheit, als ich erst Dugal und danach Newt bei ihren Tätigkeiten beobachte.

Ein Obscurus unter ZauberernWo Geschichten leben. Entdecke jetzt