Schweigen breitet sich im Salon aus. Die Stille drückt mir auf mein eh schon angeknackstes Gemüht und ich merke, wie mir Tränen in die Augen schießen. Erst langsam, sodass ich sie noch zurückhalten kann, doch schließlich kommen sie zu schnell und es sind auch zu viele. Es dauert nicht lange, dann sitze ich Tränenüberströmt und laut schluchzend auf dem Sessel. Teenie liegt in den Armen von Mister Graves und weint stumme Tränen, Queenie hat sich in ihr Zimmer verzogen und trauert dort alleine vor sich hin. Und unser Gast, der kniet verzweifelt vor meinem Sessel und versucht mich zu beruhigen.
Aber wie sollte ich mich beruhigen?
Ich habe gerade erfahren, dass ich jeden Moment sterben könnte!
Wie sollte ich ruhig sein, wenn meine großen Schwestern vor mir saßen und trauerten?
Wie sollte ich ruhig sein, wenn ich gerade erfahren habe, dass ich nie das Glück der ersten Liebe kennen lernen würde?
Wie sollte ich ruhig sein, wenn ich nie eine eigene Familie gründen könnte?
Wie sollte ich ruhig sein?
Verzweifelt schluchze ich auf und finde mich plötzlich in einer wärmenden Umarmung des britischen Zauberers wieder, der beruhigende Worte vor sich her murmelt. Ich verstehe nicht was er sagt, doch mein Ohr liegt etwas oberhalb seines Herzens und so konzentriere ich mich auf das leise, regelmäßige Klopfen, das ich hören kann. Leise und stetig ist das klopfende Herz und es scheint Magie zu sein, denn ich höre nichts anderes mehr, als dieses stetige Pochen. Newt Scamander legt vorsichtig seinen Kopf auf meinem ab und sein Atem streicht an meinem Ohr entlang.
Ein - aus - ein - aus
Mein Atem gleicht sich dem seinen an. Langsame und tiefe Atemzüge füllen meine Lungen wieder mit Luft, die sie so dringend brauchen. Und gleichzeitig atme ich einen Duft ein, der mir vollkommen unbekannt ist. Er ist anders als die leichten, blumigen Gerüche meiner Schwestern. Er ist schwer, herb und gleichzeitig wundervoll fruchtig. Ich habe nich nie etwas vergleichbares gerochen.
Als sich der Brite wieder von mir löst verschwindet auch der Duft und ich schließe kurz die Augen, um mich wieder zu sammeln. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich wie sich Newt, mit roten Ohren und geröteten Wangen, den Nacken kratzt, eine Geste die ich schon öfter bei ihm beobachtet habe, wenn er unsicher oder nervös war. Dankbar Lächeln ich ihn an. Er hat mich vor einer Panikattacke bewahrt, die wahrscheinlich grausam geendet hätte.
Doch leider löste das nicht das eigentliche Problem.
"Was machen wir denn jetzt?", verzweifelt schaue ich erst unseren englischen Gast, dann meine Schwestern und Mister Graves an. Alle weichen meinem Blick aus und schauen betreten auf den Boden, während ich schon wieder den Tränen nahe bin. Verzweifelt versuche ich Ruhe zu bewahren und nicht schon wieder durchzudrehen.
"Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass der Obscurus in dir nicht bösartig ist. Ich würde dich gerne, wenn es für alle in Ordnung ist, mit nach England nehmen und einem meiner ehemaligen Lehrern vorstellen. Ich habe eine Vermutung, würde sie aber gerne erst bestätigt bekommen", leise dringen die Worte des Briten zu mir durch und mit großen Augen starre ich ihn an.
"Meinen - meinen sie das ernst? Sie würden mich mit nach England nehmen? Meinen sie, dort könnte man mir helfen?", hoffnungsvoll schaue ich ihn an und lehne mich weiter nach vorne. Leichte röte ziert seine Wangen, aber er nickt mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Es ist hinreißend. Sein linker Mundwinkel hebt sich leicht, was dem ganzen einen verschmitzten Ausdruck verleiht. Seine Augen funkeln und strahlen von innen heraus. Ich verstehe wirklich nicht wie Teenie ihn für Mister Graves hat fallen lassen können. Inzwischen sind wir uns so nahe, dass ich die vielen kleinen Sommersprossen auf seiner Nase und seinen Wangen sehen kann. Es sieht aus als wären sie dort mit genauester Überlegung verteilt worden und von einem Künstler dort hingemalt worden.
Unsere Nasen berühren sich fast, als plötzlich Queenie mit einem quietschen aufsprang und aus dem Zimmer eilte. Sowohl Mister Scamander als auch ich zuckten zusammen und fuhren schnellstmöglich auseinander, nur um beide krebsrot anzulaufen und peinlich berührt in verschiedene Richtungen zu schauen. Teenie und Mister Graces sind verschwunden. Entweder sind sie in der Küche, in ihrem Zimmer oder draußen spazieren. Queenie kommt, nach einigen Minuten, fröhlich pfeifend zurück in den Salon, in der einen Hand eine Reisetasche, in der anderen meinen schwarzen Mantel, ihren eigenen trägt sie bereits.
"Ich habe schon alles gepackt. Ihr könnt sofort los. In zwei Stunden legt ein Schiff in Richtung England ab. Teenie ist mit Percival los und kauft euch Tickets. Kommt erst wieder wenn ihr alles geklärt hast und du nicht mehr in Gefahr bist. Habt ihr mich verstanden?", eindringlich schaut sie erst mich und dann Newt Scamander an, der ein wenig überfordert scheint mit dem plötzlichen, bestimmenden Ton meiner Schwester. Unsicher schaue ich sie an, wissend, dass sie in meinen Gedanken meine Unsicherheit sehen und hören kann. Als Antwort lächelt sie mir aufmunternd zu und nickt liebevoll, weswegen ich einmal tief durchatme und dann, mit einem kleinen Seufzer, aufstehe.
Queenie hilft mir in meinen Mantel, während Newt Scamander seinen Koffer und seinen blauen Mantel holt. Im Flur ziehen wir alle unsere Schuhe noch an, dann nimmt Queenie uns beide an die Hände und appariert mit uns in eine Seitengasse nahe den Docks. Schnell streichen wir unsere Kleidung glatt, bevor wir ungesehen aus der Gasse huschen und nach den beiden Auroren Ausschau halten. Nach einer halben Stunde finden wir sie auf einer Bank in der Nähe des Schiffes, das in eineinhalb Stunden den Weg nach England bestreiten würde.
Zu fünft quetschen wir uns auf die Bank. Queenie, Teenie, Mister Graves, Mister Scamander und ich, wobei der Brite und ich versuchen uns so wenig wie möglich zu berühren und beide einen roten Schimmer auf den Wangen tragen. Schweigend sitzen wir auf der Bank.
Überlegend, was diese Reise bedeuten könnte.
Nachdenkend, was man sagen könnte.
Kummervoll, dass etwas schief gehen könnte.
Ungewiss, was in der Zukunft passieren würde.
Hoffend, dass alles wieder gut werden könnte.
Eine halbe Stunde bevor das Schiff ablegt werden die Passagiere an Board gerufen. Unter Tränen verabschiede ich mich von meinen Schwestern und werde sogar von Teenies Geliebten in eine wärmende Umarmung genommen, bevor Newt Scamander mich am Oberarm fasst und mit an Board des Schiffes zieht.
Mein letzte Gedanke, bevor das Schiff ablegt, ist, dass ich noch nie so lange und weit von meinen Schwestern getrennt war und ich ihre Hilfe vor allem jetzt, in dieser ungewissen Zeit, am nötigsten bräuchte.
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Ein Obscurus unter Zauberern
Fiksi PenggemarAls Newt sich in Amerika befindet, begegnet er der amerikanischen Hexe Porpentina Goldstein, genannt Tina...// Soweit kennen wir alle die Geschichte, doch wie würde sich die Geschichte verändern wenn Tina und Queenie eine jüngere Schwester hätten, d...
