Kapitel 6

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"Hast du das schon gelesen?", fragt Liliane unvermittelt am Frühstückstisch und hält Amy das Handy vor die Nase. Mit vollem Mund, auf ihrem Brötchen herumkauend, starrt Amy auf den Bildschirm. "Ich weiß doch, dass du da nicht hin willst.", gibt sie dann grinsend zu bedenken. Auf dem Bildschirm ist die Seite einer örtlichen Hamburger Tageszeitung geöffnet. Ganz groß auf dem Titelbild ist Patrick Kelly abgebildet, mit der Unterschrift "Konzert am Hafen. Michael Patrick Kelly begeistert auch in kleinem Rahmen." Amy legt ihre, mit Salami belegte, Brötchenhälfte zurück auf den Teller, wischt sich kurz die Hände an der Serviette ab und nimmt ihrer Freundin das Handy aus der Hand. "Außerdem gibt es dafür keine Tickets mehr. Siehst du, es gab nur 50 Stück.", meint sie dann und hält es nun Liliane vor die Nase. Lili zuckt nur mit den Schultern. "Für meine beste Freundin hätte ich das sogar mitgemacht.", meint sie dann lächelnd. "Als ob...", kontert Amy. "Gib doch einfach zu, dass du dich langsam mit seiner Musik anfreundest." Liliane grinst nur weiter in sich hinein, während sie sich einen Löffel ihres Müslis nach dem anderen in den Mund schiebt. "Wir wollten doch heute sowieso zum Hafen. Wir können ja mal vorbei schauen. Mehr als uns wegschicken können sie ja nicht.", meint sie dann, als ihre Schüssel leer ist.

Langsam und gemütlich machen sich beide fertig und brechen sofort auf.
Drei Stunden später, nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, schlendern sie am Hafen entlang. Auf der anderen Seite des Wasssers sehen sie das große Theater und die Fähren schippern gemächlich hinüber zu dem hübschen Gebäude, auf dem große Löwenkopf thront. "Da müssen wir unbedingt noch rein!", ruft Liliane aufgeregt. Amy kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Selten sieht sie ihre Freundin so euphorisch. "Guck mal, da muss es sein", gibt Liliane wieder halb schreiend von sich, während sie wild gestikulierend mit dem Finger auf ein etwas größeres Schiff zeigt. Vor dem Eingang hat sich eine kleine Menschentraube gebildet, die gespannt auf etwas zu warten scheint.
Die beiden Frauen gehen ein Stück weiter heran, bis sie ein kleines Plakat entdecken, welches an der Reling befestigt ist. Darauf zu sehen ist Patrick, der in ihre Richtung zu schauen scheint. "Na also. Schneller gefunden als wir dachten."
Amy versucht einmal alle Menschen zu zählen. Sind das tatsächlich nur 50 Leute, die da stehen? Niemals. "Na komm, lass uns weiter gehen. Wir kommen sowieso nicht mehr rein.", meint sie dann. Liliane schaut ihre Freundin skeptisch an. "Was ist denn los mit dir? Normalerweise würdest du nichts unversucht lassen um da rein zu kommen." Tatsächlich war Amy aus irgendeinem Grund gar nicht danach zu Mute. Irgendwas hat sich verändert seit sie Patrick persönlich kennen lernen durfte.
Amy sagt nichts und geht einfach weiter, macht sich jedoch ihre Gedanken dazu. Schon bei der ersten Begegnung hatte sie ein komisches Gefühl gehabt, welches sie nicht so richtig deuten kann.

Die Beiden machen sich noch einen schönen Nachmittag am Hafen. Sie schlendern über die Promenade, kaufen Souvenirs und quatschen über Gott und die Welt während sie sich auf einer Bank unweit des Wassers einfach die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Auf dem Weg zurück zum Hotel, bleiben sie noch einmal vor dem Boot stehen. Die Menschen sind alle verschwunden. Auch das Plakat fehlt jetzt. Gerade als sie weiter gehen, kommen zwei Männer aus der Tür. Amy dreht sich nicht noch einmal um, erkennt aber sofort an der Stimme, dass einer von ihnen Patrick ist. "Hey Ladies!", ruft er plötzlich von hinten. Nun bleiben sie doch stehen und drehen sich um. In der einen Hand hält er einen schwarzen Gitarrenkoffer, in der anderen eine schwarze Tasche. "Seid ihr auch beim Konzert gewesen? Hab euch gar nicht gesehen.", meint er als er die Frauen eingeholt hat. "Nein, nein. Wir haben es erst heute Morgen erfahren", antwortet Liliane wahrheitsgemäß. In dem Moment klingelt ihr Handy. "Oh, sorry. Da muss ich kurz ran gehen.", meint Lili und entfernt sich ein Stück.
"Und was habt ihr zwei heute noch vor?", fragt Patrick, scheinbar aufrichtig interessiert. Amy zuckt erstmal nur mit den Schultern. "Das wissen wir auch noch nicht so recht. Heute ist unser letzter Tag. Wie läuft's denn mit den neuen Songs?", fragt sie schließlich, weil sie sich wirklich schon auf die Veröffentlichung freute. Patrick wirkt nachdenklich. "Ich bin mir noch ziemlich unsicher bei einem der Songs. Er ist completely different. Ich könnte wirklich ein Feedback gebrauchen." Es ist genau so wie Amy sich das vorstellte. Alles muss passen oder der Song wird in die unterste Schublade gesteckt. "Was sagt denn deine Frau zu dem Lied? Sie ist doch bestimmt die erste die deine neuen Songs hört", meint Amy nachdenklich. Patrick schaut plötzlich traurig zu Boden. "Ja, früher war sie das mal... Heute nicht mehr." Amy ist überrascht von dieser ehrlichen Aussage. Die beiden hatten doch einen glücklichen Eindruck gemacht. "But I keep going.", setzt Patrick noch schnell nach, als er ihren Blick bemerkt und setzt ein gequältes Lächeln auf. "Ich wollte heute Abend auf ein Feierabendbier mit der Band losziehen. Ein paar meiner Geschwister sind auch in der Stadt. Habt ihr Lust mitzukommen?", fragt er in die Runde, gerade als Liliane wieder dazu kommt. "Klar!", ruft diese gleich, obwohl sie noch nicht ganz bei ihnen war. Amy war hin- und hergerissen. Warum fragt er das? Nicht, dass sie was dagegen gehabt hätte. "Wo seid ihr denn untergebracht? Ich könnte euch gegen 8 abholen." Liliane wühlt ihr Handy wieder aus der Tasche, um nach der genauen Adresse zu schauen. Amy steht Patrick schweigend gegenüber. Kurzzeitig schaut sie ihm in die Augen. Unbehaglich tritt sie von einem Fuß auf den Anderen, als er ihren Blick erwidert. Sie spürt seinen Blick auch noch als sie sich abwendet. Da kommt Liliane dazwischen und hält Patrick ihr Handy vor die Nase. "All right. Das kenne ich. Dann bis heute Abend!", meint er und verabschiedet sich. Amy und Liliane bleiben noch einen Augenblick stehen. "Das wird super! Feiern gehen in Hamburg und dann auch noch mit Patrick. Er kennt bestimmt die besten Ecken der Stadt." Liliane sprudelte wie ein Wasserfall. "Was ist denn?", fragt sie schließlich Amy, als sie ihren nachdenklichen Blick bemerkt. "Findest du es nicht komisch, dass er uns eingeladen hat? Er kennt uns doch gar nicht." Lili schüttelt ungläubig den Kopf. "Hallooo?! Wir ziehen mit deinem Patrick los. Freu dich doch mal ein bisschen. Ist doch ein perfekter Abschluss unseres Trips." Lili hatte ja Recht.
Langsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Hotel um sich für den Abend fertig zu machen.

Light up my Soul [Michael Patrick Kelly]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt