Kapitel 1

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Ich saß auf meiner angestammten Lieblingsbank und betrachtete in aller Ruhe die Leute, die durch den Park spazierten. Es war zugegeben lustig, den Menschen dabei zuzusehen wie sie sich verhielten wenn sie sich unbeobachtet fühlten oder was sie sagten wenn man einen abwesenden Eindruck machte.

In letzterem war ich Meister der Kunst.

Es war ein schöner Sommertag, warm und freundlich, eine wahre Rarität in letzter Zeit. Ich hatte Schwierigkeiten, mich an den letzten sonnigen Tag zu erinnern. Zwar war London berühmt für sein schlechtes Wetter, aber so wörtlich hatte es es schon lange nicht mehr genommen.

Wobei, beim Anblick meines Verlobten, der sich gerade mit Lady Irene Wellington über die Wiese bewegte, kam mir der Brechreiz. Ich war in den Park verschwunden, um mich nicht mit dem - wie sagen manche so schön - Arsch oder meiner Familie zu beschäftigen. Dahin war meine Ruhe.

Ich senkte den Kopf und versuchte mir zum gefühlt tausendsten Mal zu sagen, dass er eine gute Partie war und wir das Geld wirklich brauchten. "Zusammenreißen", sagte ich mir und ließ meinen Blick wieder schweifen. Keine Lust zu verzweifeln, die Herren da hinten waren sowieso interessanter und sahen besser aus.

Neben mir setzte sich jemand auf die Bank, mein Kopf schoss herum. Die Bank war gut versteckt, schwer von außen zu sehen. Hier hatte sich noch nie jemand hingesetzt, wenn ich da war. Der Mann bemerkte meinen Blick und schenkte mir ein Lächeln, bevor er sich an den Hut fasste und sich dann vorstellte.

"Ich bin Andrej Silverblade, eine Freude sie kennenzulernen, Miss."

"Juliet Antonietta Crawford, ganz meinerseits, Mister Silverblade", stellte auch ich mich vor.

"Ein wunderschöner Tag, nicht wahr?", versuchte Mister Silverblade die Konversation am Leben zu halten. "In der Tat."

"Sie sind nicht sonderlich gesprächig, was?", stellte er nach einigen Minuten fest. Ich musste mir das Lächeln wirklich verkneifen.

"Ja, das kann man so sehen".

Mister Silverblade lächelte und mir viel auf, warum er sicher keine Probleme in der Frauenwelt hatte, bei dem Lächeln. "Nicht zufälligerweise etwas mit dem netten Sir da hinten, den sie die ganze Zeit versuchen , nicht anzusehen zu tun?"

"Leider ja, er ist mein Verlobter." Jetzt wurde es bedrückend still auf der Bank und plötzlich spürte ich das Bedürfnis, die Stille zu füllen.

"Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen, es wird weder das erste noch das letzte Mal sein, dass ich etwas derartiges zu sehen bekomme", versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Silverblade aber schüttelte den Kopf. "Eine Schande, eine so reizende Frau an einen untreuen Lustmolch zu verkaufen", stellte er fest. Stillschweigend gab ich ihm Recht. "Man sollte eine Frau Ihres Standes nicht so behandeln."

Ich musste ihn wohl sehr traurig angesehen haben, denn Mister Silverblade machte einen sehr beleidigten Gesichtsausdruck bei dem Gedanken. "Manches muss eben sein", erwiderte ich dazu und sah mir weiter schweigen die Londoner Parkgesellschaft an. "Nicht alles", hörte ich neben mir, "ist was es scheint, Miss. auch wenn es das Schicksal gibt, bestimmt es nicht alles." Da konnte ich Mister Silverblade nicht bestätigen. Es wäre schön, wenn es so etwas wie das Bestimmen des eigenen Schicksals gäbe, aber manche Dinge konnte man nicht beeinflussen.

"Ich möchte Ihnen ein Geschenk machen, Miss Crawford. Es hat mir durch viele schlimme Zeiten geholfen." Ich wandte mich überrascht zu ihm um. Auch wenn wir uns vielleicht mochten, so kannten wir uns doch nicht sehr lange. "Sie müssen wissen, ich war lange im Krieg, länger als es jemand sein sollte. Dabei hat mich dies immer begleitet."

Mister Silverblade streckte mir eine kleine Zigarettenschachtel entgegen. Sie war abgewetzt und abgegriffen aber man konnte sehen, dass es jemand sehr sorgfältig gepflegt hatte. Es war zudem ein guter Handwerker gewesen, man konnte noch immer die verschwundenen Verzierungen darauf erkennen. In der Mitte war ein Schwert mit den Zeichen SS eingeprägt - Initialen nahm ich an - aber nicht die meines netten Banknachbars.

"Eine wunderschöne Arbeit. Wer war SS?", fragte ich ihn.

"Meine Herzdame, sie hatte es mir geschenkt bevor sie der Himmel zu sich geholt hatte.", kam seine Antwort. "Das tut mir leid", entschuldigte ich mich. Ich hatte ihm nicht wehtun wollen. "Keine Ursache. Ich weiß, dass sie an einem besseren Ort ist, als hier unten", erwiderte er.

Hinter uns läutete irgendeiner von unzähligen Kirchtürmen 15 Uhr. "Ich denke, ich muss mich aus ihrer reizenden Gesellschaft entfernen, Miss. Ich habe noch eine Verabredung", verabschiedete sich Mister Silverblade beim letzten Klingeln und stand auf. "Dann hoffe ich, dass wir uns wiedersehen", verabschiedete auch ich mich. Kurze Zeit später war er hinter der nächsten Biegung verschwunden.

Ein seltsamer Mann, aber er war mir auch unheimlich sympathisch gewesen. In Gedanken versunken wandte ich meinen Blick auf die Zigarettenschachtel. Vorsichtig machte ich sie auf. sie war vollkommen leer, hier und da sah man noch die Reste des Tabaks, den sie mal enthalten hatte.

Innen standen allerhand eingeritzte Namen oder Initialen. Seltsam. vielleicht waren es Namen von gefallenen Kameraden aus dem Krieg. Ich machte die Schachtel wieder zu und steckte sie in eine Tasche, die in den Falten meines Rocks verborgen war.

Es wurde jetzt auch Zeit für mich, zu gehen. Ich stand auf und wanderte den Weg zurück in mein Zuhause zu meiner Familie, wenn man es so nennen wollte.

 Die silberne SchachtelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt