Lisbeth

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Zwei Tage später bin ich wieder soweit genesen, dass ich aufstehen kann, ohne dass sich alles dreht. Mum mustert mich stirnrunzelnd, als ich mit gepackter Schultasche in der Küche stehe und mir gerade ein Brot schmiere.
„Mir geht's gut, Mama!", schnaube ich, als sie mir die Stirn fühlen will. „Kein Fieber, kein Ohnmachtsgefühl, keine Übelkeit. Ich bin gesund. Und wenn ich heute nicht endlich mal wieder in die Schule gehe, verpasse ich den ganzen Stoff!"
Naja. Ehrlich gesagt reisse ich mich nicht darum, wieder in meiner Klasse zu hocken und Mathe zu pauken. Aber allein, um meine Freundinnen wiederzusehen, würde ich keinen einzigen Tag mehr zuhause im Bett verbringen wollen. Und ja....auf die Neue bin ich auch gespannt.

Nur wenig später, als ich mit Nina, Alexa und Katrin im Pausenhof stehe, sehe ich sie.
Lisbeth ist umringt von einer Traube Schüler, darunter auch Elias, wie ich mit einem leichten Unbehagen festelle. Noch etwas unbehaglicher wird mir, als ich feststelle, dass Lisbeth sehr hübsch ist. Auf eine ziemlich andere Art und Weise.
Das tatsächlich grasgrüne Haar flattert ihr bis über die Schultern und rahmt ein schmales Gesicht mit kleiner Stubsnase und großen dunklen Augen mit dichten Wimpern ein. An der einen Kopfseite sind die Haare wegrasiert, sodass nur eine Menge winziger grüner Stoppel zu sehen sind.
Und sie trägt schwarz, aber kein unaufälliges „Ich will in der Menschenmasse untergehen"-Schwarz, sondern toll kombinierte Klamottenteile. Ein schwarzer, langer Rock bedeckt ihre Beine und darunter kommen derbe Stiefel zum Vorschein. Lisbeth sieht viel älter aus als der Rest der Schüler...ausgenommen von Elias vielleicht.
„Sie sieht schon cool aus.", murmelt Katrin mit Blick auf die Neue und wirft mir einen seltsamen Seitenblick zu.

Ich muss Ihr zustimmen.

Als die Schulglocke läutet und die Leute sich in die Klassenzimmer verziehen, streift mich Lisbeths Blick, als sie an mir vorbeiläuft. Einen Sekundenbruchteil starren wir uns an und mir ist, als würde sich ihr Mund zu einem winzigen Lächeln verziehen, welches im nächsten Augenblick wieder verschwindet.
Natürlich sitzt die Neue ganz hinten. Der Stammplatz jedes coolen Schülers – während mein Platz ganz vorne eher nach „Streber" schreit. Elias neben mir ist da die Ausnahme, aber der wurde auch von Herrn Wolf strafversetzt. Wenn ich seine verstohlenen Blicke nach hinten zu Lisbeth richtig deute, würde er wohl alles geben, sich wieder in die hintere Bankreihe zu setzen, nur um ihr näher zu sein. Bei diesem Gedanken bekomme ich ein derart ekliges Gefühl im Magen, dass ich mich zur dritten Stunde auf die Toilette verabschiede. Frau Kant, unsere Chemielehrerin, sieht mich mitleidig an und sagt: „Mila, wenn es dir wieder schlechter geht, hol dir am besten einen Krankenschein im Sekretariat."

Im Spiegel des Schulklos schrecke ich erstmal zusammmen, als ich mein Gesicht erblicke. Ich bin blass wie ein Vampir und habe dunkle Ringe unter den Augen, als hätte ich drei Tage nicht geschlafen. Dafür, dass ich mich nach der Grippe eigentlich wieder ziemlich gesund gefühlt habe, sehe ich definitiv nicht gesund aus. Oder hätte ich doch auf Mum hören sollen und die Woche zuhause bleiben sollen? Das hätte mir auch Elias Herzchenblicke erspart, die leider nicht auf mich gerichtet waren. Verdammt. Erst Sarina und jetzt auch noch Lisbeth. Wie soll man einen Typen bei dieser Konkurrenz auf sich aufmerksam machen? Als die Schulgocke zur Pause läutet, verziehe ich mich in eine der Kabinen. Zum Rausgehen fühle ich mich irgendwie zu schwach. Mein Handy in der Hosentasche vibriert und als ich es heraushole, sehe ich eine Nachricht von Nina auf dem Display. „Alles ok bei dir?". Ich antworte, dass ich noch am Überlegen bin, ob ich nachhause gehe oder bleibe, als sich die Toilettentür öffnet.

"Gott, ist die ekelhaft!"
Die hohe, leicht nasale Stimme würde ich unter hunderten herauskennen. Sarina stöckelt auf ihren für die Schule viel zu hohen Heels zum Waschbecken, hinter sich ihre Schar von normalerweise nur blöd kichernden Freundinnen. Im Moment kichert jedoch keiner von ihnen, denn wie es klingt, ist Sarina ordentlich angepisst.
Vorsichtshalber hebe ich meine Füße ein wenig, sodass meine Schuhe nicht zu erkennen sind, sollte jemand von unten durch den kleinen Schlitz meiner Tür schauen.
„...kann nicht glauben, dass er auf so eine steht!", höre ich Sarina sagen, die jetzt vermutlich genau vor dem Spiegel steht, in den ich bis vor wenigen Sekunden gestanden habe. „Ich mein, hallo!? Grüne Haare? Wer will denn freiwillig so aussehen, als würde er auf dem Kopf schimmeln? Dazu die hässlichen Omaklamotten und der superaltmodische Name. Die Tussi wäre in einer Freakshow besser aufgehoben!"
Kein Zweifel, von wem sie spricht. Ich hoffe, dass Nina nicht zu schnell zurückschreibt, sodass mein Handy mich nicht verrät.
„Total hässlich!", stimmt eine der Kicherfreundinnen Sarina zu. „Wie kann man bitte Lisbeth heißen, das ist doch voll peinlich! Und ihre Fingernägel sind total abgefressen, wie eklig!"
„Bist du sicher, dass Elias die echt gut findet?", meldet sich eine andere Freundin mit kieksiger Stimme zu Wort. „Ich mein, der hat dich! Da kann er doch keine solche Altkleiderbraut gut finden! Das ist doch voll bescheuert!"
Es herrscht eine kurze Stille, in der man außer dem Lärm draußen in den Gängen nichts hört, dann erwidert Sarina: „Ach...keine Ahnung. Wenn Elias diese... diese Terrorlesbe wirklich interessant finden sollte, hat er mich auf jedenfall verloren. Und das würde ihm verdammt leid tun!"
Zustimmendes Gemurmel der Freundinnen und Geklacker von hohen Absätzen ist zu hören. Die Mädchen verlassen die Toilette.

Kurz danach schlüpfe auch ich aus dem Raum, gerade noch rechtzeitig zum Anfang der nächsten Stunde.

„Wie findest du sie?", fragt mich Nina, als am späten Nachmittag gemeinsam nachhause gehen. „Ich find ihre Frisur echt heiß! Vielleicht färb ich mir meine Haare auch grün. Oder blau. Oder vielleicht rot?" Ich muss grinsen, beim Gedanken an Ninas Mutter, die beim Anblick ihrer bunthaarigen Tochter in Ohnmacht fällt. „Ich fände lila nicht schlecht...aber was wichtiger ist: Als ich vorhin auf der Toilette war, kam Sarina rein und hat sich total über die Neue ausgelassen."
„Ooohh ja..", erwidert Nina und lässt ein kleines Lachen hören. „Sie war die ganzen letzten Tage extrem schlecht gelaunt...und das alles nur, weil ihr liebster Elias nicht mehr ihr die ganze Aufmerksamkeit schenkt." Sie wirft mir einen Seitenblick zu und fährt fort: „Ich mein...tut mir natürlich leid für dich, Mila. Also das er jetzt die Neue angeiert. Aber mal ehrlich, alles was unsere Prinzessin ankotzt, kann nur gut für uns sein. Und irgendwann wird er sich sicher eh für dich entscheiden, spätestens, wenn er dich in deinem Halloweenkostüm sieht. Du kommst doch zur Party, oder?"

Mila MondlichtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt