Als ich fünf Stunden später wieder aufwache, kitzelt die Sonne meine Nase. Ein warmer Strahl dringt durch einen Schlitz aus dem halb zugegzogenen Rollo. Die Gedanken an meine nächtliche Angst stiehlt sich nur langsam zurück in mein Bewusstsein und fühlt sich jetzt - bei Tageslicht - ziemlich übertrieben an.
Ein schwarzer Dämon in meinem Zimmer, ja klar. Ich bin froh, dass Nina von der ganzen Sache nichts mitbekommen hat. Zumindest hoffe ich das. Die Matratze neben meinem Bett ist leer, die Decke zerwühlt. Mein Smartphone am Nachttisch zeigt 8:35 Uhr, definitiv viel zu früh für einen Samstag.
Trotzdem kann ich nicht mehr liegen bleiben, schwinge die Beine aus dem Bett und zucke zusammen, als meine Fußballen die Kühle des dunklen Parkettbodens berühren. Schnell ziehe ich mir flauschige Wollsocken über, von denen meine Omi im Altenheim jeden Tag gefühlt hundert Stück strickt, und bevor ich nach draußen gehe, werfe ich einen kurzen Blick in den Rattenkäfig. Alles ruhig.
Draußen im Flur schwebt mir eine Wolke aus Kaffeeduft entgegen. Nicht, dass ich Kaffee trinken würde - ich finde ihn sogar mit Milch und Zucker eher ziemlich eklig - aber der Geruch ist echt lecker. Und riecht irgendwie...gemütlich.
Nina sitzt vollständig angezogen am Küchentisch, vor sich eine große Tasse dampfenden Kakao. "Hey Schlafmütze!", sagt sie und knufft mich in die Seite, als ich mich neben sie setze. Ich schnaube. "Schlafmütze? Wer Samstag freiwillig um 8 Uhr aufsteht, hat irgendwie ein Problem in seinem Leben!"
"Wer hat ein Problem in seinem Leben?"
Mum kommt in die Küche, in der Hand ein Fieberthermometer. Als sie mich sieht, drückt sie mir einen Kuss auf den Haaransatz und stellt mir meine Lieblingstasse hin.
"Heißer Kakao ist in der Kanne, Schatz. Und hör mal - Paul und Lukas fiebern so stark, dass ich gleich mit ihnen in die Praxis von Dr. Keller nach Kirchheim fahre. Schaffst du ein paar Stunden ohne uns?"
Sturmfrei! Ein seltenes Privileg bei zwei kleinen Brüdern.
Ich tue so, als müsse ich über das Gesagte nachdenken. "Ist Papa schon weg?", frage ich schließlich, während ich in meiner Tasse rühre. "Der ist in aller Frühe ins Büro."
Mum seufzt verhalten. "Wäre ja auch zu viel verlangt, dass er sich einmal um seine kranken Kinder kümmern könnte. Wenn du möchtest, rufe ich ihn an, aber ich denke nicht, dass..."
"Schon okay!", werfe ich hastig ein, bevor das Gespräch eine unliebsame Wendung nimmt. "Nina und ich schaffen das locker!"
Eine halbe Stunde später hat Mum Paul und Lukas nach draußen ins Auto verfrachtet und wirft mir durch das Küchenfenster eine Kusshand zu, ehe sie einsteigt und der Wagen die Einfahrt hinunterrollt. Nach Kirchheim fährt man gut eine Stunde und die Wartezeiten sind vor Allem am Samstag ziemlich lang. Mum wird also vermutlich erst gegen Nachmittag zurück sein.
Als Nina und ich kurz darauf auf dem Sofa im Wohnzimmer herumhängen und im Fernseher mal wieder nur Schrott läuft, frage ich sie:
"Sag mal...hast du heute Nacht irgendwas...Seltsames bemerkt? So um 3 Uhr ungefähr?"
Meine Freundin sieht mich mich hochgezogenen Brauen an. "Warum? Da hab ich tief und fest geschlafen. Was meinst du mit seltsam?"
Ich zucke mit den Schultern. "Naja...ich konnte ewig nicht einschlafen und dachte irgendwie, ich hätte was komisches gehört. Aber das war wahrscheinlich nur Einbildung."
Sie verzieht das Gesicht. "Was hast du denn gehört? Was gruseliges? Sicher, dass es nicht die Ratten waren?"
"Ne. Ich kenn doch die Geräusche meiner Haustiere! Es war eher so...keine Ahnung...komisch, eben. Als würde ein Kind mit nackten Füßen über den Boden laufen. Oder ein Zwerg."
„Ein Zwerg, ja klar! Wahrscheinlich war es gleich Gollum, auf der Suche nach seinem Ring. Ach Mila, vielleicht solltest du weniger Filme gucken."
An Ninas Miene sehe ich, dass sie mir mein nächtliches Erlebnis nicht glaubt. Und hier im hellen, sonnendurchfluteten Wohnzimmer stimme ich ihr sogar irgendwie zu.
Der Tag verläuft richtig gut. Es ist toll, das ganze Haus einfach mal für sich zu haben. Keine Brüder, die einem auf die Nerven gehen können!
Nina und ich machen es uns in meinem Zimmer gemütlich, drehen die Musik total laut auf und machen einen auf musical.ly. Danach schminken wir uns gegenseitig und tun so, als wären wir berühmte Beauty Youtuber. Gut, dass uns so niemand sehen kann.
Und als wir irgendwann am Nachmittag unten im Garten liegen und uns die Sonne auf die Gesichter scheinen lassen, ist das Erlebnis von gestern Nacht vollkommen vergessen.
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Mila Mondlicht
Misterio / SuspensoMila lebt mit ihrer Familie in einem winzigen Dorf am gefühlten Ende der Welt, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, ein total normales Leben. Doch als sie plötzlich anfängt, Dinge zu sehen, die eigentlich definitiv nicht da sein können, dreht s...
