Ich fluchte über das Auto, während ich vorsichtig die Klippe hinauffuhr. Sportwagen fahren war nicht meine Stärke, aber das war der einzige Schlüssel, den mir Sophie so schnell reichen konnte. Ich war vorerst überfordert und panisch darüber gewesen, wo Brian bloß hingefahren sein konnte aber lange hatte ich nicht gebraucht, um darauf zu kommen. Und jetzt war ich hier oben. Auf der Klippe, die mir Brian damals vorgestellt hatte.
Ich stieg in die frische aber angenehme Luft des dunklen Abends hinaus, tapste zu dem Gitter und kniff die Augen etwas zu, um etwas erkennen zu können. Mein Herz machte einen erleichterten Sprung, als ich seinen Rücken auf der anderen Seite des Gitters sah.
Ich atmete durch und kletterte über das Metall. Das war barfuß nicht wirklich angenehm aber mit den Absätzen wäre es bestimmt noch höllischer gewesen.
Auf dem Rasen gelandet blieb ich kurz stehen und betrachtete ihn von hinten. Wie er gekrümmt dasaß und auf die ganzen, leuchtenden Lichter der Stadt herunterblickte. Mir schmerzte das Herz. Er war so gebrochen von dieser Welt und jede Zelle in mir sehnte sich danach, seine Teile zusammenzuflicken.
Dann wagte ich es auf ihn zuzugehen, setzte mich wortlos neben ihn und vergrub das Unwohlsein bei dem Gedanken, dass er vielleicht abgeneigt oder sauer auf mich war. Denn er brauchte mich. Er dürfte mich anschreien, seine Wut auf mich raus lassen, wie er nur wollen würde aber ich würde hier bleiben. Bei ihm. Viel größer als seine Wut war nämlich sein Schmerz, den nur ich zu lindern kannte.
Still schweigend saßen wir einen Moment lang da. Ich blickte ebenfalls auf die in einem Lichtermeer getauchte Stadt herunter und sog die kühle Luft tief durch die Nase ein.
Anders wie ich erwartet hatte, lag kein bisschen Spannung zwischen uns. Stattdessen schwang jene Ruhe in den Winden hier oben, die uns sowohl örtlich als auch seelisch weit von Allem entfernte, was uns belastete.
Weit entfernt von Allem und jeden.
Da erinnerte ich mich wieder, was heute passiert war, was wir heute endlich geschafft hatten. Doch konnte ich das Glück nicht spüren, solange in der Ruhe der Winde auch eine schwere Last von Brians Schwermut mitschwang.
"Seit wann..."
Mein Herz klopfte, als er die Stille endlich brach. Ich wandte meinen Blick von dem hinreißenden Leuchten da unten ab und sah ihn an.
"Seit wann weißt du es?", fragte er ohne seinen eigenen Blick von der Stadt abzuwenden, ohne Regungen auf seinem Gesicht oder seinem erschlafften Körper. Ich biss mir die Zähne zusammen und spürte sie jetzt. Die Spannung. Und sie war zerreißend.
"An dem Tag deines Unfalls...da hat er mir das gesagt", gab ich leise zu und beobachtete ihn genau, um jede Regung wahrnehmen und interpretieren zu können. In dem warmen Licht der einzigen Laterne hier oben erkannte ich, wie er seinen Kiefer anspannte und hörte sein entsetztes Schnaufen. Eine Distanz trat in Millisekunden zwischen uns, vergrößerte den einen Meter tatsächlichen Abstands auf dem Rasen und klammerte sich wie eisige Finger um mein Herz.
"Was...was hattest du vor als du mich verlassen hattest? Mich diese Lüge einfach weiterleben lassen?"
Ich schluckte schwer und kannte keine Antwort, die jetzt passend wäre. Er war gekränkt. Das hörte ich heraus. Doch nicht wütend.
"Ich meine, du bist einfach gegangen...für immer...und hast hingenommen, dass ich in dieser Lüge steckenbleibe."
Er sprach etwas aufgebracht, versteckte seine Aufgewühltheit nicht, sah mich aber weiterhin auch nicht an. Ich entschied mich, nichts zu sagen. Er musste und brauchte gerade nämlich nichts hören. Nur selbst sprechen und alles rauslassen.
"Oder hast du einfach gehofft, meine Mutter würde irgendwann mal von selbst auf die Idee kommen, dass es einer der wichtigsten Sachen ist, die ich wissen sollte?", seufzte er jetzt wieder ruhiger und komplett ermüdet. Ermüdet von den ganzen Enttäuschungen in jeder Person, die er als Halt gebraucht hatte.
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More Than Just Love ~Unser Vertrauen
Storie d'amoreUm sein Leben zu retten, hat Claire Brian das Herz grausam gebrochen und verlassen. Sie leidet täglich selber an ihrer Entscheidung und weiß nicht, wie sie ohne ihn leben soll. Sie denkt, es geschafft zu haben, dass er sie abgrundtief hasst und nic...
