Kapitel 15 - Ein neues Leben

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„Mirza!", rief Heca und rannte ihr entgegen. Es war mittlerweile Nacht und nur eine kleine Laterne an der Tür erhellte die Dunkelheit. Mit steifen Beinen stieg Mirza aus der Kutsche und nahm ihre Mutter in den Arm.

„Mirza, mein Mädchen! Was machst du hier?", fragte Mirzas Mutter und hielt ihre Tochter auf Armeslänge von sich.

„Sie haben mich von Phönix entbunden. Ich kann bei euch bleiben." Mirza versuchte zu lächeln, schaffte es aber nicht. Als sie zum Haus sah, standen dort auch ihre Tante, ihre Großmutter und ihr kleiner Bruder.

Meine Familie, dachte Mirza und schluckte ihre Tränen hinunter. Sie blinzelte einige Male – war da nicht gerade noch ein schwarzhaariger Mann gewesen?

Nein, sagte sie sich selbst. Sie wurde wohl langsam verrückt.

Heca wandte sich dem Kutscher zu. „Mein Herr, Sie dürfen gern die Nacht bei uns verbringen. Ihre Pferde finden in unserem Stall sicher noch Platz." Galant verbeugte sich der Mann und nahm das Angebot dankend an.

„Komm Kindchen, du siehst müde aus. Dich stecken wir jetzt auch in dein Bett."

„Ja", sagte Mirza und begann sofort zu gähnen. Bereitwillig ließ sie sich von Heca ins Haus führen, wo sie auch die restliche Familie herzlich begrüßte.

Nach einiger Zeit schloss sie dann endlich die Tür zu ihrem Zimmer. Unachtsam ließ sie ihr Bündel auf den Boden fallen. Mit steifen Bewegungen zog sie sich aus und streifte sich ein Nachthemd über. Sie löste ihre Haare aus dem Zopf und kämmte sie notdürftig mit den Fingern durch. Zu mehr hatte sie keine Kraft mehr.

Wie ein Stein fiel sie auf ihre weiche Matratze und kroch unter die Decke. Die Laken rochen nach Sonne und Lavendel und beruhigten ihre Gedanken. Nicht nur körperlich fühlte sie sich erschöpft, sondern auch emotional. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sie ärgerte sich darüber, dass sie Lex nicht noch einmal aufgesucht hatte. Sie ärgerte sich darüber, dass sie nicht das sagen konnte, was sie eigentlich dachte. Sie ärgerte sich darüber, dass sie feige war.

Gedankenverloren starrte sie auf die kleine Flamme der Kerze. Anmutig tanzte diese im leichten Luftzug ihres Atems. Von Mirzas Herzen bröckelte ein weiteres Stückchen ab.

„Es tut mir so leid Lex. Wie kann jemand nur so dumm sein? Ich bin eine Närrin", flüsterte Mirza und schloss erschöpft die Augen. Ohne sie wieder zu öffnen bewegte sie anmutig eine Hand. Kurz darauf zischte es und das Zimmer wurde vollkommen dunkel.

Mirza rollte sich auf der Seite zusammen und starrte ins Nichts. Bunte Flecken und Streifen tanzten vor ihren Augen – ein Rückstand der Helligkeit auf ihrer Netzhaut. Doch leider war der Rückstand des Feuers in ihrem Herzen nicht so farbenfroh. Der Feuerteufel, der es entzündet hatte war Meilen von ihr entfernt.

Es wird schon gehen, dachte sie. Wozu sind Nymphen denn langlebig? Irgendwann würde sie ihn vergessen haben.


Aber Mirza vergaß nicht.

Die ersten Tage waren die schlimmsten. Sie konnte sich kaum zu den kleinsten Aufgaben aufraffen. Nach einer Woche hatte sie den dumpfen Schmerz in ihrer Brust angefangen zu ignorieren. Das Problem war nur, dass sie nicht nur ein Gefühl absondern konnte. Entweder alle oder keines. Also ging Mirza wie eine Puppe durch den Alltag.

Stattdessen hatte sie sich immer mehr Arbeit aufgehalst. Sie war den Feldarbeitern zur Hand gegangen, hatte den gesamten Garten gejätet und stellenweise neu bepflanzt und das Haus von oben bis unten geputzt. Nur, damit sie abends ins Bett fallen konnte und zu erschöpft war, um noch zu träumen. Doch nach einer Woche fand sie nichts mehr um sich abzulenken.

Mirza - Die Nymphen von Mirus (1)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt