»Die Dunkelheit ist nur eine weitere Morgendämmerung, die darauf wartet, geboren zu werden«
- GibranDas Geräusch der Wellen, die mit der unbändigen Kraft der Natur unablässig gegen die Felsen schlagen. Die kühle Gischt, die mein Gesicht benetzt. Der Geschmack des Salzes auf meinen Lippen. Der Wind, der an meinem Körper zerrt, wild und wütend, ob meiner Anmaßung, hier zu sitzen und am Leben zu sein. Ich liebte diesen Ort. Er war meine Zufluchtsstätte, mein ganz eigenes Paradies, inmitten der Hölle. Ich legte mich auf den Rücken und spürte, wie die scharfen Kanten des Felsens unter mir in meinen nackten Rücken schnitten. Dann öffnete ich die Augen und blickte nach oben. Tausende und Abertausende kleine Lichter. Wie es wohl ist, dort oben? Vielleicht würde ich es eines Tages herausfinden. Vielleicht würde ich eines Tages vor den Toren von Eden stehen und meinen Frieden finden. Vielleicht. Doch viel wahrscheinlicher war, dass ich nicht einmal den heutigen Tag überleben würde.
»Hätte ich mir ja gleich denken können, dass ich dich hier oben finden würde«
Mit einem Grinsen im Gesicht drehte ich den Kopf in ihre Richtung, als sie sich neben mich legte. Amy war die einzige Person, der ich von diesem Ort erzählt hatte. Ihre Haare waren grauweiß und ihre Augen von einem seltsamen undurchdringlichen Blau. Am Rand ihrer Iris besaß sie einen roten Halo, der im Rhythmus ihres Herzschlages pulsierte und mich immer wieder von neuem in seinen Bann zog. Sie drehte sich mir zu und schlug mit der rechten Hand eher weniger sanft auf meinen Kopf.
»Ich hab dir doch gesagt, ich hasse das wenn du mich immer so anstarrst«
Ihre vollen, hellen Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln, bevor sie sich wieder auf den Rücken legte. Schnell tat ich es ihr gleich und blickte ebenfalls wieder auf die Lichter am Firmament, die ich früher einmal für Sterne gehalten hatte.
»Was meinst du, wie funktioniert das?«, versuchte ich ein Gespräch zu beginnen, obwohl meine Gedanken nur um meinen bevorstehenden Tod kreisten.
»Das mit der Schwerkraft? Ich weiß es nicht. Aber solange ich immer, egal wo ich bin, auf dem Boden bleibe, ist das auch nicht mein Problem«
Denn die Welt in der wir lebten ist eine Kugel. Nur dass wir nicht auf ihr, sondern in ihr leben. Ungefähr in ihrem Mittelpunkt schwebt ein Ball aus Energie, dessen eine Seite hell und heiß brennt, die andere nur Dunkelheit und Kälte bringt. Sie dreht sich im Laufe eines Tages und sorgt so für den nie enden wollenden Zyklus von Tag und Nacht. Doch -wie sollte es anders sein- ist diese Sonne uns hier in der Hölle näher. Das bedeutet zu heiße Tage und zu kalte Nächte. Zum Glück bin ich nicht allzu wählerisch. Pandämonium, meine Heimat, liegt in meiner Vorstellung am untersten Punkt dieser Welt und Eden, als sein Gegenpart, selbstverständlich am höchsten. Auf der westlichen Seite werden diese beiden Städte von einem Meer getrennt, so stürmisch und wild, dass niemand eine Überfahrt überleben würde. Nicht, dass es noch keiner versucht hätte. Würde man jedoch nach Osten ziehen, und immer weiter, müsste man zwangsläufig irgendwann das Paradies erreichen. Hierbei ist jedoch das Problem, dass ein Ausbruch aus dieser verfluchten Stadt bisher noch nie geglückt war. Bisher. Aber bisher hatte auch noch nie jemand Hilfe von Oben.
»Haben sie dir noch etwas geschickt?«, riss Amy mich aus meinen Gedanken.
Wortlos nickte ich, zog einen kleinen Zettel aus meiner zerschlissenen Hose und reichte ihn ihr. Eine Weile blieb sie stumm und starrte konzentriert auf das Blatt. Eine wütende Furche erschien auf ihrer Stirn und sie gab es mir zurück.
»Hast du irgendeine Ahnung was das steht?«
Sie versuchte nicht die Enttäuschung, die ihr so deutlich ins Gesicht geschrieben stand, in ihrer Stimme zu verbergen.
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Paradise Lost - Das verlorene Paradies
Fantasy∆ Warm und schwer fällt der Regen auf mich nieder. Auf seinem Weg gen Boden reißt er Blut wie Tränen gleichermaßen mit sich, spült sie mit dicken Tropfen hinfort von meinem schmerzenden Körper. Nicht aber die Schuld, die ich auf mich geladen habe. U...