7. Und die Welt dreht sich

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»Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun«

- Tyler Durden

Eigentlich kann ich mich bis heute nicht genau erinnern, wo der Anfang, wo die Ursache dafür lag, dass diese erste Nacht des Festes so gelaufen ist, wie sie es nunmal ist. Vielleicht lag es an dem Gedanken, dass wir nur noch sieben Tage zu leben hätten und aus diesen das Beste machen sollten. Vielleicht lag es daran, dass Amy und ich die Stärke des lila Getränks unterschätzt hatten, von dem sogar Araziel gewarnt hatte. Vielleicht lag es auch nur an der wilden und hemmungslosen Atmosphäre, die die Luft des Gartens mit ihrem schweren Duft schwängerte und uns mitriss. Aber wie man es auch dreht und wendet - und auch wenn er es immer bestritten hat - bin ich mir ziemlich sicher, dass Dorian im Zentrum der Dinge stand, die sich in dieser Nacht ereignet haben.

***

Ein leichtes Grinsen huschte über Amys Gesicht, doch es war sofort wieder verschwunden. Wie ein scheues Tier, dass augenblicklich zurückschreckt, wenn man seine Hand nach ihm ausstreckt. Abermals hoben sich ihre Mundwinkel und sie zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen. Mit spitzen Fingern bog sie den Rand ihrer Lippen nach unten, aber diese blieben eigenwillig an ihrem neuen Platz und spielten nicht einmal mit dem Gedanken, in ihre Ausgangsposition zurückzukehren. Ich musste glucksen, doch plötzlich fing ich an, wie verrückt zu husten. Da hatte ich doch wirklich vergessen herunterzuschlucken.

»Ich glaube, langsam beginnt es mir zu schmecken«,

sagte ich, als ich mich wieder gefangen hatte und betrachtete nachdenklich den letzten Rest der orangenen Flüssigkeit, die am Grund meines Glases zurückgeblieben war. Mir wollte partout nicht einfallen, woher wir dieses Getränk hatten. Genauso war es unmöglich einzuschätzen, wieviel wir davon schon getrunken hatten, denn alle paar Minuten wuselte eine der hübschen Kellnerinnen vorbei und schenkte und munter nach.

»Stimmt«, pflichtete mir Amy bei, die den Kampf gegen ihr Grinsen inzwischen aufgegeben hatte.

»Dann wird es wohl langsam Zeit, dass ihr das beste kennenlernt, was unsere Insel zu bieten hat!«

Dorian lachte und klopfte mir auf die Schulter, nachdem er sich mit einem Seufzen auf der Kante des Tisches niedergelassen hatte, der an unsere hölzerne Bank angrenzte. Mit einem lauten Knall stellte er eine ganze Karaffe der lila Flüssigkeit neben sich und hielt uns auffordernd zwei frische Gläser entgegen.

»Wo hast du die denn her?«, wollte Amy wissen und deutete neben ihn. Bis jetzt hatten wir noch niemanden gesehen, der mehr als ein Glas dieses Getränks vor sich stehen hatte.

»Es hat auch seine Vorteile, nur noch ein paar Tage Leben zu haben«,

versetzte er mit einem zynischen Lächeln und nickte mit dem Kopf in Richtung zweier junger Kellnerinnen, die die Köpfen zusammengesteckt hatten und leise kicherten, während sie in unsere Richtung blickten. Als sie bemerkten, dass Amy und ich sie musterten, würden sie rot und verschwanden innerhalb eines Sekundenbruchteils in der immer ekstatischer tanzenden Menge, die uns umgab.

»Und was ist mit deiner Freundin?«, erkundigte sich Amy, die ihr Taktgefühl wohl irgendwo zwischen dem zweiten und dritten - oder war es das fünfte und sechste? - orangenen Glas verloren hatte.

»Sie ist nicht mehr meine Freundin, das habt ihr doch mitbekommen«

Sofort legte sich ein dunkler Schleier über seine Züge und verfinsterte sie. Seine Augen verloren ihren Glanz und Trauer schwamm in ihnen wie schwarzes Öl in einem See. Seine Stimme war monoton als er weitersprach und er unterdrückte jegliche Gefühlsregung in seinem Inneren.

»Obwohl ich nicht bezweifle, dass sie wieder versuchen wird, mich zu verführen, sobald sie von meinem Schicksal erfährt. Nur damit sie mir nach kurzer Zeit wieder überdrüssig wird und zu ihm zurückkehrt. So war es immer gewesen. Und ich glaube, so wird es auch immer bleiben«

Paradise Lost - Das verlorene ParadiesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt