ZWEI

13 7 2
                                    

"Räum in Ruhe deine Sachen ein, ich bin unten und telefoniere mit deiner Mutter." hörte ich die Stimme meines Großvaters hinter mir.

Als ich schließlich nickte, verließ er den Raum und ich schaute mich um. Das Zimmer war kleiner als mein altes, aber schließlich war auch das Haus hier kleiner. Vor einem der Fenster stand ein kleiner Schreibtisch mit einer Tischlampe und davor ein Stuhl mit einem Kissen. Gegenüber befand sich der Kleiderschrank, in dem ich schon einige Sachen verstaut hatte. Und gegenüber der Tür, unter einem weiteren Fenster, stand mein Bett. Es lagen einige Kissen darauf und es sah ziemlich gemütlich aus. Nachdem ich noch einige weitere Taschen ausgeräumt hatte, beschloss ich meinem Grandpa Gesellschaft zu leisten, vielleicht telefonierte er ja noch mit meiner Mutter. Dann könnte ich auch noch einen Moment mit ihr sprechen. Auch wenn ich es ihr immer noch übel nahm, mich hierher geschickt zu haben, war sie nun mal meine Mutter und ich liebte sie.

Schon als ich die Treppe langsam hinunter ging, hörte ich aus dem Wohnzimmer die leise Stimme meines Großvaters. Ich konnte nicht verstehen was er sagte, dafür war ich noch zu weit entfernt, und dennoch klang seine Stimme nicht erfreut. Telefonierte er noch mit meiner Mutter? Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt und bevor ich eintreten konnte, hörte ich wieder seine Stimme. Dieses Mal klar und deutlich.

"Anne, ich halte es immer noch nicht für richtig, sie zu mir gebracht zu haben. Ihr habt euch jahrelang nicht blicken lassen und jetzt bin ich auf einmal wieder gut genug, um auf deine Tochter aufzupassen? Was will sie überhaupt hier? Haben Mädchen in ihrem Alter nicht nur Party und Jungs im Kopf? So etwas wird sie hier nicht finden. Vielleicht hättest du sie einfach mit nach New York nehmen sollen."

Mehr brauchte ich nicht hören, um zu wissen, dass ich unerwünscht war. Mein Herz zog sich in meiner Brust unangenehm zusammen und Luft entwich meinen Lungen. Es tat weh so etwas zu hören. Ich hatte gedacht, dass er sich freute mich zu sehen, aber anscheinend dachte er, ich wäre eine Großstadtzicke, die Probleme machte. Gekränkt wandte ich mich von der Tür ab und steuerte stattdessen geradewegs die Haustür an. Ich musste hier raus. Weder meine Mutter, noch mein Großvater wollten mich bei sich haben. War ich wirklich so schlimm? Entgegen der Erwartungen meines Großvaters ging ich nicht jedes Wochenende auf Partys und schleppte willkürlich irgendwelche Kerle ab. Um ehrlich zu sein, war ich bisher auf einer einzigen Party und das auch nur gezwungenermaßen. Ich fand es furchtbar. Und mit Jungs hatte ich so wenig zu tun, wie Eisbären mit einer Wüste. Nämlich gar nichts.

Ich schlug die Haustür hinter mir etwas lauter als beabsichtigt zu und steuerte geradewegs den Waldweg an. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen die Stadt zu erkunden, aber gerade wollte ich einfach nur alleine sein und da erschien mir der Wald die bessere Wahl zu sein. Immer tiefer lief ich in den Wald, bog mal links, mal rechts ab und plötzlich endete der Trampelpfad, dem ich bis eben noch gefolgt war.

"Verdammte Scheiße!" rief ich frustriert in die Stille und raufte mir verzweifelt die Haare.

Ich hatte keine Ahnung wo ich war und mir war klar, dass ich alleine den Weg nicht mehr zurückfinden würde. Mein Handy hatte ich oben in meinem Zimmer gelassen und mit dem Blick auf meine Armbanduhr stellte ich auch noch fest, dass ich zwei Stunden durch den Wald geirrt war und es bald dunkel wurde. Was sollte ich denn jetzt machen? Fieberhaft überlegte ich, ob ich versuchen sollte den Rückweg zu finden, schließlich fand man doch immer irgendwie aus dem Wald raus. Andererseits hatte ich Angst davor alleine im Dunkeln durch den Wald zu laufen. Egal wofür ich mich entscheiden würde, so oder so wäre ich im Dunkeln alleine in diesem Wald.

Bevor ich jedoch eine endgültige Entscheidung treffen konnte, hörte ich es im Unterholz rascheln. Ängstlich drehte ich mich um die eigene Achse, sah aber nichts Verdächtiges. Mir war klar, dass es hier Tiere gab und mir war auch klar, dass große Tiere hier nichts ungewöhnliches waren und dennoch hatte ich panische Angst auf ein Reh oder gar einen Bären zu treffen. Mein Puls stieg als das Rascheln erneut erklang. Dieses Mal war es näher. Ich kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Vielleicht würde es gleich wieder verschwinden, wenn ich ganz still war. Doch dann spürte ich Blicke auf mir, und hörte wie sich Schritte näherten. Und es waren definitiv nur zwei Beine und keine vier.

Vorsichtig öffnete ich meine Augen wieder, um danach gleich ein paar Mal ungläubig zu blinzeln. Ein Mann hatte sich in mein Blickfeld geschoben. Ein junger, verdammt attraktiver Mann, der mich genauso musterte wie ich ihn. Er schien nur wenige Jahre älter als ich zu sein. Sein sportlich, athletischer Körper steckte in schwarzen Jeans und einem ebenso schwarzen Kapuzenpullover. Seine Hände hatte er in den Taschen seiner Hose vergraben. Meine Augen wanderten über seine breiten, muskulösen Schultern. Er war definitiv gut trainiert, aber auch nicht zu sehr. Seine Muskeln kamen mit Sicherheit von harter Arbeit und nicht von irgendwelchen Pulvern, die er sich in sein Essen mischte.

Mir stockte kurz der Atem als ich in sein Gesicht schaute. Er war schön. Wunderschön. Seine Gesichtszüge waren kantig und doch irgendwie weich. Die geschwungenen Lippen wirkten in seinem blassen Gesicht so unfassbar rosig, dass ich sie gerne berührt hätte. Eine gerade, schmale Nase führte zu seinen Augen. Sie waren grün und erinnerten mich an das Moos, welches hier im Wald wuchs. Zwischen seinen Augenbrauen befand sich eine kleine Falte. Er schien konzentriert zu sein. Seine Haare waren kastanienbraun und die leichten Wellen gaben ein perfektes Bild ab. Was er hier wohl machte?

"Ich habe schon so lange nach dir gesucht." hörte ich seine leise Stimme. Sie war tief und so ruhig, dass ich Angst hatte, ich hätte es mir nur eingebildet. Doch der Blick, mit dem er mich betrachtete, war so tief, dass ich eine Gänsehaut am ganzen Körper bekam. Sehnsüchtig betrachtete er mich und machte mir damit ein wenig Angst. Mir war nicht ganz klar, ob seine Worte überhaupt für meine Ohren bestimmt waren oder ob er sie nicht nur zu sich selbst gesagt hatte.

"Du brauchst keine Angst haben." Seine Stimme war etwas lauter, so dass ich ihn ohne Probleme verstehen konnte. Seine Augen waren klarer und schauten intensiv in meine.

"Habe ich nicht." Meine Stimme klang nicht ganz so stark wie ich es beabsichtigt hatte. Sie klang zu leise und zitterte ein wenig. Ich wollte nicht, dass er wusste, dass ich ihn merkwürdig fand. Und wenn ich nicht direkt Angst vor ihm hatte, sagte mir etwas, dass ich lieber Angst haben sollte.

Bevor er noch etwas sagen konnte, drehte ich mich um und lief los. Was war das? Wieso tauchte er hier auf und was machte er hier überhaupt? Konnte man mir meine Angst so sehr ansehen, dass er es aus mindestens fünf Metern sehen konnte? Noch ehe ich es richtig realisieren konnte, hatte sich eine Hand um meinen Oberarm gelegt und drehte mich zu sich um. Der Griff war fest, aber er tat mir nicht weh.

"Hey Honey, warte doch bitte."

Zögerlich hob ich meinen Blick und sah direkt in seine Augen. Sie zeigten sich immer noch sehnsüchtig, aber auch unsicher. Was wollte er denn von mir? Ihm so nah zu sein ließ meinen Atem schneller gehen.

"Verrate mir deinen Namen." Auffordernd sah er mir in die Augen.

"Warum? Ich kenne deinen auch nicht." Wo nahm ich bloß meinen Mut her? Ich sollte schreiend weglaufen. Das sagte mir jedenfalls mein Instinkt. Aber wieso liefen meine Beine dann nicht? Wieso schlug mein Herz so schnell?

"Elian." Seine Augen lagen immer noch auffordern auf meinem Gesicht und musterten jeden Zentimeter. Ich fühlte mich unwohl ihm so nah zu sein.

"Ivy." hauchte ich und löste mich mit aller Kraft aus seinem Griff. Schnell drehte ich mich um und lief davon.

- - - - - - - - - -

Jetzt ist es raus! Elian und Ivy haben sich kennengelernt. Wie fandet ihr das erste Aufeinandertreffen der beiden? Und was habt ihr jetzt für einen Eindruck von Ivy und Elian? 😍
Schreibt mir unbedingt eure Meinung in die Kommis, ich würde mich sehr darüber freuen. 🥰
Wenn euch das Kapitel gefallen hat, könnt ihr auch gerne auf das Kleine Sternchen drücken. ⭐
Ich wünsche euch noch einen schönen Abend. <3

Fall in LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt