Beim Klang der Glocke verwandelt sich der schön hergerichtete Schulhof in einen überfüllten Schauplatz. Die üblichen Gruppen versammeln sich um ihr Pausenritual abzuhalten. Beim Parkplatz steht eine Rauchergruppe, die Skater übertrumpfen sich mit Kunststücken auf der Teerfläche hinter den Müllcontainern, auf den Steinplatten werden noch schnell Hausaufgaben abgeschrieben und auf dem Sportplatz finden hitzige Ballspiele statt. Und genau in solchen Momenten bin ich froh über mein heimliches Talent, mich durch Massen zu bewegen, ohne das auch nur einer von meinen Mitschülern auf mich aufmerksam wird. Keiner wirft auch nur einen Blick auf mich.
Warum auch. Ich bin nicht wie sie. Ich habe keine Markenklamotten, fahre mit dem Zug statt mit dem Porsche zur Schule und verbringe meine Freizeit auch nicht auf dem Golfplatz oder irgendwelchen Galen.
Die Medicin High ist eine der angesehensten Schulen der Region. Wenn du hier einen Abschluss machst, dann werden dir später die Jobs hinterhergeworfen. „Die Schule mit den besten Aussichten", wie sie sich selbst nennen.
Es gibt nur zwei Bedingungen um an dieser Schule einen Platz zu bekommen: Sei Stinkreich oder überdurchschnittlich Schlau. Ersteres bin ich jedenfalls nicht, soviel verraten meine Sneaker bei denen ich hoffe, dass der Sekundenkleber meine Sohlen noch zwei Wochen länger an meinen Schuhen hält.
Ich kann nicht genau sehen wohin ich gehe. Meine Sicht ist wird von Rucksäcken und gehetzten Schülern verdeckt. Ich hoffe, ich steuere auf das Hauptgebäude der Medicin zu. Hauptsache raus aus diesem Rucksackhaufen.
Kaum habe ich das Licht am Ende des Tunnels erreicht, lege ich einen Zahn zu um durch das große Eingangstor der Medicin zu verschwinden als ich gegen einen muskulösen Oberkörper pralle.
„Hey Slumy!" Berndt drückt mir einen Stapel zerknitterte Papiere in die Hand und lächelt mich falsch an. „Physik–Hausaufgaben auf nächste Woche. Erledige sie für mich und du bekommst 10 Mäuse"
Ich muss kurz auflachen weil ich mir vorkomme, wie in einem Film, wo der Mobber das kleine Mädchen einschüchtern und ausnutzen will.
Vergiss es Brent. Ich bin nicht dieses Mädchen. Und für 10 $ schon mal gar nicht!
Ich merke, wie sich eine kleine Traube neugieriger Schüler um uns versammelt. Ich verabschiede mich für heute bei dem Gedanken, unbemerkt zu bleiben.
„Obwohl, in den Slums gibt es sicher genug Mäuse, vielleicht muss ich meine Bezahlung verändern", pöbelt er laut weiter, damit er die Aufmerksamkeit seiner Schulkameraden noch mehr auf uns ziehen kann.
Okay, cool bleiben. Das haben wir geübt! Zwar nur unter der Dusche, aber wir haben es geübt.
„Hmm, Brent, bist du nur zu faul oder zu dumm sie selber zu machen?" Ich lasse die Blätter auf den Boden fallen und schaue ihm provokant in die Augen. „Intelligenz wächst nicht im Fitnessstudio."
Stolz laufe ich durch den Blätterhaufen an ihm vorbei und höre hinter mir das Gekicher der Schaulustigen. Innerlich triumphiere ich, mich nicht ein einziges Mal versprochen zu haben. Eigentlich habe ich mir Sprüche zurechtgelegt wie „Versuch mal die Suppe der Weisheit nicht mit einer Gabel zu löffeln" oder „Gibt es Tabletten gegen deine Intelligenzallergie?", aber Schlagfertig war ich schon immer. Auch wenn ein muskulöser, 1,85 m, breitgebauter Brendt vor mir steht.
Um diese Schule zu überleben, habe ich mir meine persönlichen 3 goldenen Regeln aufgestellt.
§ 1. Nicht auffallen
§ 2. Niemals zu viel über sich verraten, keine Schwäche zeigen
§ 3. sich auf keinen der Idioten hier einlassen
Während ich die Regeln in meinem Kopf durchgehe, schließe ich meinen Spind auf und krame mir die Musiksachen heraus. §3 ist allerdings etwas unnötig, wie wenn ich mich jemals auf einen von denen einlassen könnte. Die verabscheuen mich, wenn sie mich überhaupt wahrnehmen.
Ich schnappe aus meinen Spind meine Schulsachen und peile den Musikraum an, als sich plötzlich zwei Hände auf meine Augen legen. Panisch dreh ich mich um, die Hände zu Fäusten geballt. Wer weiß, zu was Brent oder die anderen Jungs fähig sind. Aber ich hab 3 Brüder, mich sollte man nicht unterschätzen.
Ein strahlendes Lächeln legt sich auf mein Gesicht, als ich Feli sehe. Ihre blonden Korkenzieherlocken stehen wild in alle Himmelsrichtungen als hätte sie in eine Steckdose gefasst.
„Rate mal, was gerade passiert ist.", quietscht sie außer Atmen in ihrer Sopranstimme.
„Dein Chemieexperiment ist explodiert?"
„Nein, das wäre schön, dann würde es wenigstens in irgendeiner Weise funktionieren. Aber ich weiß nicht, würde ich mehr Chlorid reinmachen ..."
„Feli", ich unterbreche sie schmunzelnd. „Was wolltest du mir sagen ?"
Vorsichtig drückt sie meine Hand.
„Er hat mir zugelächelt", flüstert sie und ihre Stimme geht nochmal eine Oktave nach oben, wenn das überhaupt noch geht. Sie könnte die perfekte Synchronstimme einer Maus sein. Oder einer Fee. Oder beides. Gibt es Feemäuse? Mäusefeen?
„Und ?" versuche ich mehr aus ihr heraus zu bekommen.
Sie schaut mich empört an: „Wie? Was und ? Er hat mich gesehen. Mich! Ohhh, das ist der beste Tag in meinem Leben"
Freudig dreht sich sich einmal um sich selbst und hüpft an mir vorbei. Bei Feli kann man nur schmunzeln. Sie war die Erste, die mich hier angesprochen hat und der der Klassenunterschied egal ist. Seit 2 Wochen ist sie meine erste und einzige Freundin, die richtige Hilfe und Unterstützung in diesem Irrenhaus aus arroganten Schnöseln.
Aber ein Thema mit dem ich mich nicht anfreunden kann, ist, dass es bei ihr viel um Jungs geht. Seit ich sie kenne, schwärmt sie von Neal Denver, einem guteaussehenden 12-Klässler der mehr Ego als Muskelmasse besitzt, obwohl er zu den Stammspielern der Footballer gehört. Seit ein paar Tagen schleppt mich Feli deswegen zu jeder Trainingseinheit mit. Da ich versuche jeglichen Kontakt zu den Sportlern zu vermeiden muss ich mich förmlich dazu hinzwingen. Ich mache das für Feli, merke aber jetzt schon durch Brendts Überfall vorhin auf dem Schulhof, dass wir auf der Tribüne nicht unentdeckt bleiben.
„Cat? Träumst du noch ode kommst du jetzt endlich?"
Auf der Highschool for Medicin werden kreative Unterrichte angeboten wie Kunst, Photoraphie, Gaming und Musik als Ausgleich für den üblichen wissenschaftlichen Unterricht. Und Musik war definitiv das kleinste Übel. Ich setze mich neben meine Freundin in die zweite Reihe und darf mir schon wieder anhören, was es wohl zu bedeuten hatte, dass Neal sie angelächelt hat.
„Vielleicht ist ihm das Lächeln auch nur ausversehen rausgerutscht, oder er hatte einen Krampf in seinem Musculus risorius, und dann, Zack!, war da ausversehen ein Lächeln.", gebe ich irgendwann ironisch meinen Senf dazu.
„Ach Cat, du siehst das alles zu negativ. Ich glaube, er hat einen ganz weichen Kern."
Ich möchte das Feuer in ihren Augen, das bei dem Gedanken brennt ihn näher kennenzulernen, nicht erlöschen, also schmunzle ich und nicke zustimmend, mit den Worten: „Du hast sicher Recht" und hoffe, das dieses Thema somit beendet ist.
Mr. Bold betritt dem Klassenraum und bringt das Gewusel der Schüler zum Schweigen.
„Wir gehen heute zu den 12 Klässlern in den Musik Unterricht, es wird eine Probe– Gehörklausur geben. Das ist die beste Vorbereitung auf das Abitur, auch für euch in einem Jahr."
Das aufgeregte Gemurmel und geraschelt kehrt augenblicklich zurück.
Bevor ich mein Zeug zusammenpacke, wird meine Hand fast zerquetscht und die blauen Augen von Feli beginnen wieder zu strahlen.
„Neal ist in dem Musikkurs. Ohhh, der Tag wird immer besser", quietscht sie und fährt sich durch ihre Locken, als würde das die Mähne bändigen.
„Wie seh ich aus ?", fragt sie und macht ihr Modelgesicht. Den Mund leicht geöffnet, große Augen und tiefehängende Augenbrauen.
„Atemberaubend, er wird dir um den Hals fallen", necke ich sie und löse meine Hand von ihr, um mein Zeug zu packen.
„Auch wenn du es ironisch meinst, nehme ich es einfach ernst." Sie fährt sich noch einmal durch die Haare und packt ihr Zeug so schnell ein, wie ich es noch nie gesehen habe, springt aufgeregt auf und tanzt aus dem Klassenzimmer.
In dem Musikraum der 12 Klässler sind schon Zweiertische zusammengestellt. Ich versuche Feli etwas zu beruhigen indem ich ihre Hand halte, die sie mir fast zerdrückt vor Aufregung. Meine Aufregung geht gewaltig nach oben als ich sehe, dass das halbe Footballteam in diesem Raum sitzt. Unter anderem Brendt.
Mrs. Kedding, die älteste Musiklehrerin an der Schule, sitzt am Flügel und begrüßt uns herzlich, bevor sie zum wesentlichen Teil übergeht.
„Ich habe hier eine Liste, jeder 11 Klässler darf sich zu einem 12 Klässler setzen. Wir werden dieses Projekt nun ein paar Wochen machen, also versucht euch gut untereinander zu verstehen. Wir haben das ganze alphabetisch eingeteilt, also bitte keine Beschwerden. Taylor Adison geht zu Dasy Alaric, Ariana Brennon zu Theo Brown, Felicia Greenhouse geht zu Brandt Denver"
In dem Moment stirbt meine Hand. Ihre Freude, mit den Älteren zusammen zu arbeiten, ist verflogen. Ausgerechnet mit Brent. Hätte es sie schlimmer treffen können? Zögernd lässt sie meine Hand los und setzt sich neben den Blonden, der auch nicht wirklich begeistert darüber zu sein scheint. Ihr Blick geht Hilfesuchend durch den Raum und richtet sich auf mich. Ich schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln, womit ich ihr irgendwie sagen will >>Das wird schon<<.
„Und schließlich Caitlin Swan zu Nathan Silver."
Oh neeee... noch einer von den Footballern. Soweit ich Feli Aufklärungskurs über Sport verstanden habe, ist er der Anführer der Mannschaft. Das heißt, er ist mit dem Coach viel im Austausch und repräsentiert da Team. Wie ein Klassensprecher, hat sie mir erklärt. Er schreit auch die meiste Zeit des Trainings Anweisungen durch die Gegend, die ich allerdings nie verstehe. Widerwillig setze ich mich auf den freien Stuhl neben Nathan.
Er schaut mich nicht mal von der Seite an. Er tippt Nachrichten auf seinem Handy ein und wendet sich dann dem Tablet vor sich zu, auf dem die Unterrichtsaufgaben erscheinen.
Na, dass kann ja was werden.
Ignoranter Arsch.
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
