„Feli sah aus, als hätte sie kotzende Welpen aus einem Ufo gesehen"
Normalerweise hätte ich über diesen schlechten Vergleich gelacht, aber nach Spaß ist mir gerade nicht zumute. Neals bitte, nochmal mit ihm ein Telefonat zu führen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was ist, wenn ich ihm Hoffnungen gemacht habe? Sollte er nicht wissen, dass zwischen mir und Nathe irgendetwas etwas läuft? Ich meine, wir verbringen viel Zeit zusammen und in der Schule sind wir relativ offen mit unsrem Privatleben. Wir haben uns zwar noch nie vor allen geküsst, aber wir essen zusammen in der Cafeteria, ich beobachte sie beim Training, wir fahren immer zusammen her, wir wohnen zusammen, wir waren sogar auf dem Cover der Modelstars, die Situation gerade... Hat Nathe ihm gegenüber gar nie erwähnt was er für mich empfindet? Natürlich nicht, Nathe redet über so etwas primitives wie Gefühle nicht.
„Was wollte Neal vorhin?" Nathes Frage ist ohne jeglichen Unterton gestellt. Er schaut ganz neutral auf die Straße.
„Wir haben nur gequatscht"
Ach komm schon Cait. Eine bessere Ausrede fällt dir nicht ein? Typen quatschen nicht mit Mädchen einfach so.
Das scheint Nathe auch zu wissen, denn er zieht fragend die Augenbrauen nach oben.
„Nur gequascht, hm?"
„ Ja, nur gequatscht. Und vor dir hab ich mich nicht zu rechtfertigen. So eine Aktion wie gestern Abend und heute Morgen..."
Nathe legt wie heute Morgen eine Hand auf mein Knie und schaut mich mit Blick auf die Straße an. „Tut mir leid, was ich gestern Abend gesagt habe... Ich war nicht ganz klar im Kopf und hab meine Wut an dir rausgelassen. Das war dir gegenüber nicht fair."
„Du hast recht Nathe, das war nicht fair. Ich wollte dir helfen, und du hast mich einfach weggestoßen. Und wenn ich dir helfen soll, dann, bitte, erpresst du mich."
Diese zwei Sätze lässt er sich ein paar Minuten durch den Kopf gehen, seine Hand immer noch auf meinem Knie ruhend.
„Ich hab wohl doch so einiges an Charakter von meinem Vater übernommen..."
Ich kann nur erahnen wie schwer ihm dieses Geständnis über die
Lippen kommen muss. Ich beschließe, seine Entschuldigung anzunehmen und lege meine Hand auf seine.
„Wer du bist, hast nur du alleine zu bestimmen. Du bist so viel mehr als das Resultat von deinem Vater."
Ein langes Schweigen erfüllt das Auto. Zum schalten weicht Nathes Hand von meinem Knie, aber findet immer wieder den Platz zurück.
„Warst du schon mal in den Slums?"
Der Themawechsel scheint ihm nicht entgangen zu sein, aber seine zusammengezogenen Augenbrauen verschwinden und er schaut mir für einen kurzen Moment in die Augen.
„Früher, als ich klein war. Meine Großeltern kommen da her."
Ich erinnere mich, dass Ivona mir erzählt hat, dass Nathans Mutter nicht aus der Welt der Silvers stammt. Aber dass sie in den Slums aufgewachsen ist, verwundet mich doch etwas. Deswegen meint Victor, dass Nathe keine reine Blutlinie hat. Wie Absurd.
„Oh... das hast du nie erwähnt."
Nathe zuckt lässig mit den Schultern. „Nachdem Mum gestorben ist, hat Vic mir den Kontakt mit ihnen verboten."
Warum wundert mich das nicht.
„Wie heißen sie, vielleicht kenn ich sie ja."
„Martin und Kathrin Andersen"
Wir verlassen langsam die großen Wohnanlagen und nähern uns den Bürogebäuden und Fabriken, die sich um die Wette in den Himmel ziehen. Die Straße wird unebener und die Menschen hektischer. Viele Rennen in Anzügen mit Aktentaschen über die Straßen und springen in schäbige Busse, die sie zurück in die Slums bringen.
Ein Hochhaus sticht mir besonders ins Auge. Das große M von der Firma >Modelstars< ist kaum zu übersehen. Schon komisch, dass ich dort vor wenigen Tagen mit Nathe ein Shooting hatte.
Jetzt fahren wir an dem Büro von Ivona Borrow vorbei, ohne dass Nathe den Blick von der Straße abwendet. Über eine große Brücke unter der ein wenig sauberer Fluss fließt kommen wir meinem Zuhause immer näher. Der Gedanke, gleich bei meiner Familie zu sein, macht mich unglaublich glücklich.
Ich gebe Nathe ein paar kurze Navianweisungen, bis der Ferrari langsam über das Kies der Einfahrt von unserem Grundstück rollt. Beim Anblick des alten Bauernhauses schnalle ich mich schnell ab und steige aus dem hochmodernen Auto, das schon von unseren Nachbarn misstrauisch begutachtet wird. Zu meiner Verwunderung höre ich die Fahrertüre aufgehen.
„Lass gut sein Nathe. Ich erspare es dir, dich in den Slums länger aufzuhalten als nötig. Der Deal hat sich erledigt."
Mein Chauffeur fährt sich mit der Hand durch die Haare und schaut sich um. „Ich soll dich wirklich hier alleine lassen?"
Was soll denn diese Aussagen bitte? Natürlich ist mein Zuhause nichts im Vergleich zu seinem, aber muss er das so arrogant raushängen lassen? Man, ich kann diesen Typen manchmal nicht ausstehen!
„Ich hab bis jetzt 17 Jahre ohne dich hier überlebt.", kontere ich. Aber er kann sich einen dummen Kommentar genauso wenig verkneifen wie ich.
„Und schau nur, was für ein komischer Vogel du geworden bist."
Bevor ich etwas gemeines erwidern kann, geht die quietschende Haustüre auf und eine rundliche Frau in Schürze tritt heraus.
„Caitlin? Ich glaub, mich trifft der Schlag."
Meine Mum kommt mit ihren kurzen Beinen und ausgebreiteten Armen auf mich zugerannt. Stürmisch drückt sie mich an sich und ich sauge den vertrauten Duft von Zuhause ein. Das habe ich so vermisst.
„Hey Mum", lächele ich und versuche dabei meine Freudentränen zurück zu halten. Meine Mutter nimmt mein Gesicht in ihre Hände und quetscht es ein wenig zusammen.
„Kind, sag doch, dass du vorbei kommst. Jeremy ist jetzt mit Papa beim Einkaufen, er hätte sich so gefreut dich zu sehen." Sie wendet dem Blick von mir ab. „Ach, entschuldige, wo sind meine Manieren, sie sind sicher Mr. Silver." Freudig geht sie auf Nathe zu und umarmt ihn genauso herzlich wie mich. Ich kann mir ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen als mich Nathe völlig überfordert anschaut als meine Mum ihm genauso fest umarmt wie mich vor wenigen Sekunden.
„Es freut mich sie kennenzulernen, Mrs Swan" Nathe setzt sein geübtes Bilderbuchlächeln auf, in das sich jeder gleich verlieben muss.
„Ach bitte, nenn mich Fanny." Meine Mum wendet sich wieder an mich. „Ihr habt sicherlich keine Zeit lange zu bleiben, oder?"
Ich enttäusche meine Mutter ungerne, aber eigentlich haben wir tatsächlich nicht viel Zeit. Jetzt ist es bereits 17:30 Uhr und wenn ich ohne Nathe mit dem Zug fahre, muss ich an sich schon in einer Stunde am Bahnhof sein. Und von Nathe kann ich nicht verlangen, dass er so lange auf mich wartet und mich anschließend wieder mit zurücknimmt. Dazu kommt noch, dass mich noch einiges an Haushalt bei den Silvers erwartet.
„Mum, tut mir leid...", beginne ich, werde allerdings unterbrochen.
„Wir haben absolut keine Eile." Nathe zwinkert mir lächelnd zu und steckt seine Hände in die Jackentaschen. In solchen Momenten weiß ich, warum ich ihn so gern hab. Er trägt das Herz am richtigen Fleck. Die Gefühle von anderen sind ihm nicht so egal, wie er immer tut.
„Gott sein Dank haben Lucy und ich heute Kuchen gebacken." Meine Mutter klatscht erfreut in die Hände und läuft so schnell sie kann zurück ins Haus.
Nathe und ich bleiben noch stehen.
„Nathe ich hab sehr viel noch zu tun im Haushalt und..."
„Dann erweitere deine Forderungen dich zu deiner Familie zu fahren um weitere Hilfe im Haushalt.", unterbricht er mich. „Ich war ein richtiger Arsch gestern und heute, ich schulde dir was."
„Danke...", beginne ich, weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Wäre ich alleine hergekommen, wäre ich nach einem kurzen Wiedersehen wieder gegangen, weil mir die Zeit sonst nicht reichen würde. Aber Nathe weiß, dass ich meine Aufgaben über mein Bedürfnis stelle, also hat er mir die Entscheidung abgenommen.
„Gern geschehen, Kleines. Außerdem muss ich doch abchecken, aus welcher schrägen Familie du kommst."
Bei der Ironie in seinen Worten muss ich wie ein kleines Schulmädchen kichern, aber vielleicht liegt es auch an meiner Nervosität. Daran, dass Nathan Silver gleich mein Elternhaus betritt und meine Familie kennenlernt.
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
