„Warum versteckst du dich hinter der Türe?"
Nathes Stimme lässt mich erleichtert aufatmen. Vorsichtig trete ich hinter meinem Versteck hervor.
„Man, ich dachte du bist ein Einbrecher."
Sein Blick fällt auf die Nagelschere in meine Hand und er kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Und du wolltest dich so verteidigen? Dachtest du, der geht erst nach einer Maniküre wieder?"
„Ich war in Panik", versuche ich mich zu rechtfertigen und lege die Nagelschere peinlich berührt beiseite. In den Slums ist es nicht unüblich, dass nachts eingebrochen wird, meine Angst ist völlig zurecht da. Aber das brauch ich dem arroganten Kotzbrocken vor mir nicht erzählen, in so eine Welt könnte er sich niemals hineinversetzen.
„Dieses Haus hat über 5 Alarmanlagen. Da schafft es kaum einer unbemerkt rein oder raus.", belehrt Nathe mich eines Besseren und mustert mich von oben bis unten. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich ja nur das Handtuch anhabe. Peinlich berührt umklammere ich es fest und gehe in zu meinem Kleiderschrank um mir passende Sachen heraus zu suchen.
„Kannst du bitte gehen, ich möchte mir was anziehen!?", frage ich mit einem genervten Unterton, während ich mir eine Schlafhose und ein weißes Shirt rausziehe.
Nathe stellt sich an das Bücher Regal und murmelt: „Ich schau dir schon nichts weg."
Arschloch, denke ich und verziehe mich ins Bad zum umziehen. Ich säubere die Dusche und putze mir die Zähne, während ich wie verrückt überlege, warum er in meinem Zimmer ist. Ich lass mir hier drin einfach ganz viel Zeit, dann wird er schon irgendwann verstehen, dass ich ihn hier nicht haben will, schon gar nicht nachdem er mich so blöd angemotzt hat.
Ich muss mich nach einigen Minuten des Wartens redlich überwinden aus dem Bad heraus zu kommen. Unverändert steht er noch am Bücherregal und hält eines meiner Lieblingsbücher in der Hand.
„Stolz und Vorurteil... gutes Buch."
„Du liest so etwas?", frage ich überrascht.
„Ich mag solche Bücher. Da hatten die Frauen wenigstens noch Biss."
„Ach komm, euch Typen ist das doch viel zu anstrengend. Ihr habt es doch eh lieber, wenn ihr eine kleine brave Hausfrau habt, die für euch im Viereck springt."
„Mir reicht es, wenn sie sich für mich im Kreis dreht."
Ich kann mir ein kurzes Grinsen nicht verkneifen.
„ Ich muss dich um zwei Gefallen bitten, die du für meine Familie machen musst", schwenkt Nathe plötzlich das Thema um und klapptdas Buch mit einem lauten Knall zu „Aber ohne neugierige Fragen zu stellen."
Okay, das wird langsam gruselig. Muss ich der Mafia beitreten, jemanden entführen oder einen Mord vertuschen? Bitte keinen Mord vertuschen, Lügen ist nicht wirklich meine Stärke. Und ermorden natürlich auch nicht! Oh Gott Caitlin, was denkst du denn?
„Erst mal musst du mir einen Splitter aus meinem Rücken entfernen, den ich nicht rausbekomme."
Erleichtert atme ich auf. Wenn es nur darum geht, kein Problem.
Von wegen kein Problem, Nathe zieht sich wieder Oberkörperfrei aus. Und ich muss mich meinem Problem stellen, dass ich Blut sehen muss.
Heute Mittag hat sich mein Blick hauptsächlich auf seine Muskeln und Hautfarbe beschränkt, jetzt liegt sie auf den Blutergüssen und Schrammen. An seiner linken Rippe zieht sich ein langer Bluterguss bis zu seiner Wirbelsäule, sein Rücken wiederum ist mit Kratzern und leichten Schnittwunden übersät. Das Meiste muss von der Auseinandersetzung mit seinem Vater vorhin kommen.
„ Jetzt wäre eine Nagelschere angebracht", witzelt er, wobei ich die Situation alles anders als amüsant finde. Ich kann mir echt schöneres vorstellen, als abends in meinem Bett in blutigen Wunden herumzubohren.
Meine Hand zittert leicht als ich die Nagelschere benutze, um einzelne kleine Splitter der Vase aus den Schulterblätterbereich zu holen. Dabei rutscht mir die Spitze der Schere ab in sein Fleisch rein, sodass Nathe scharf die Luft einzieht. „Verdammt, bleib locker."
„Ich bin total locker", versuch ich mehr mich selbst als ihn zu überzeugen.
Jetzt kommt wahrscheinlich gleich so ein Satz wie: und du willst wirklich Ärztin werden?
Aber wieder ein Mal überrascht mich Nathe Silver. Ich spüre seine Hand auf meiner.
„Weißt du noch, was dein erster Satz zu mir war? Ob ich nicht mal cool bleiben kann. Lass uns der alten Cat beweisen, wie cool wir blieben können, okay? Ein und ausatmen, wie bekommen das hin."
Völlig erstaunt über diese anderen Seite von dem geheimnisvollen, harschen Typen atme ich ihm langsam nach, ein und aus.
Meine rechte Hand wird ruhiger, auf der linken liegt immer noch seine. Sie fühlt sich warm und weich an, ich will mich gar nicht davon lösen.
Jeder weitere Eingriff meiner Nagelschere in Nathes Rücken ist jetzt präzise und ruhig. Wer hätte gedacht, dass ich das mal hinbekomme? Ich würde meinen innerlichen Triumph gerne zulassen, nur hab ich Angst dass ich vor Freude unkonzentriert werde. Nach dem zweiten entfernten Splitter sehe ich, wie sich sein Rücken verspannt, als ich erneut mit der Nagelschere zur letzen, großen Einstichstelle gehe.
Vorsichtig streiche ich ihm über den Rücken und flüstere: „Alles gut... das ist die Letzte."
Die größte Scherbe habe ich mir für den Schluss aufbehalten. Hätte ich sie am Anfang gemacht, wäre ich sicherlich in Ohnmacht gefallen. Der Splitter ist gut 2 cm lang und steckt tiefer drin als der Rest. Ich ziehe mit etwas Gewalt daran um ihn heraus zu bekommen. Nathe gibt keinen Ton von sich, obwohl er starke Schmerzen haben muss. Seine Hände haben sich in mein Laken gekrallt, seine Atmung ist laut und unregelmäßig.
Vorsichtig lege ich die blutrote Vasenscherbe in meine Hand und entferne sie sofort in den Mülleimer.
Bin ich froh, dass ich schon weiß, was passier ist und jetzt nicht aus Neugierde ihn fragen will.
Nathe dreht sich zu mir. In seinem Gesicht ist keine Spur von Schmerz zu sehen, nur seine Fingerknöchel sind noch weiß angelaufen, vom festen Einkrallen des Bettlakens.
Dankend nickt er mir zu und strafft seinen Rücken: „ Du kannst ja doch ganz schön cool bleiben."
Ich nicke lächelnd: „Ich hab halt einen guten Lehrer."
Zum ersten Mal seit wir uns kennen, schaut er mich nicht an, um etwas von mir zu wollen, mich zu durchbohren oder mich abzuchecken. Er schaut mir mit einem leichten Schmunzeln in die Augen und offenbart mir somit ein Stück seiner Seele. Seine Augen scheinen für einen kurzen Augenblick in einem satten, tiefem grün. Feli hat recht, er muss eine verborgene, freundliche Seite an sich haben. Diese Augen lügen nicht.
Aber sie verbergen vieles. Denn sie werden auf einmal wieder emotionslos und dunkelgrün, er dreht seinen Kopf von mir weg und zieht sich sein Shirt über den Kopf.
„ Meine Zweite Bitte: Lehn das Stipendium ab, nimm die 20.000§ und hau von hier ab !"
Das schon wieder? Och man, ich dachte gerade, wir haben einen besonderen Moment. Wie kann man nur so ein Stimmungskiller sein!
„Vergiss es.", gebe ich ihm kalt zurück, begebe mich ins Bad und wasche von meinen Händen sein Blut ab. Erst nutzt er mich zum operieren aus und dann will er mich aus dem Haus werfen. Das ist so typisch für das Benehmen der Reichen. Sich alles nehmen was man braucht um es dann links liegen zu lassen, wenn es nutzlos geworden ist.
„Caitlin, hör mir zu.", seine Stimme wird eindringlich. „Du hast das hier nicht verdient."
Wütend schmeiße ich das Handtuch auf den Boden, mit dem ich mir gerade die Hände abtrocknen wollte.
„Ach, ich hab das hier nicht verdient? Weil ich aus den Slums komme?", ich spüre wie die angestaute Wut nun aus mir heraussprudelt. „Jeder in den Slums hat das Leben, da ihr hier lebt tausendfach mehr verdient als ihr alle zusammen . Ihr versteckt euch hinter eurem Geld vor der Realität, während wir uns durchkämpfen müssen. Jeder einzelne von uns arbeitet härter als..."
„Du hast etwas besseres verdient!", unterbricht er mich und hält meine Hand fest, mit der ich verärgert in der Luft herumgefuchtelt habe, wahrscheinlich aus Angst ich könnte ihn damit treffen. Diesmal bin es ich, die fragend die Augenbrauen nach oben zieht.
„Hör zu.", er lässt meine Hand los und fährt sich durch die Haare, die ihm ins Gesicht fallen. „Meine Familie ist chaotisch. Ivona ist viel Arbeiten und wenig zuhause, Sally ist auch viel in der Schule oder am Reisen, Maxi hat genug Freunde mit denen er sich ablenken kann und Victor... er hat ein Macht und Alkoholproblem. Manchmal rastet er grundlos aus, wie beim Essen heute. Das kann ganz schnell nach hinten los gehen und auch mal die falsche Person treffen. Und es soll niemals die falschen Personen treffen." Eindringlich sieht er mir in die Augen „Also bitte, tu dir selber diesen Gefallen und geh solange du noch kannst."
In seinem Blick kann man die Angst und schlechte Erfahrungen nur erahnen. Ich kann mir vorstellen, dass sein sehnlichster Wunsch eine Flucht von hier ist, aber meine ist es nicht. Mein Wunsch ist mein fertiger Abschluss und eine Studienzusage für ein Medizinstudium. Und das schaffe ich nur, wenn ich hier bleibe.
Traurig schaue ich zu Boden. „Tut mir leid... muss hart für dich sein ausnahmsweise mal das nichts zu bekommen, was du dir gewünscht hast. Willkommen in der Realität!"
Einen kurzen Moment starren wir uns an und ich gebe mir Mühe seinem kühlen Blick standzuhalten und nicht die Erste zu sein die wegschaut. Nathe beendet unser Blickduell bevor das Zimmer noch eingefriert, greift wütend nach seinem T-Shirt dass auf dem Bett liegt und knallt die Tür hinter sich zu.
Erst jetzt merke ich die Anspannung in meinem gesamten Körper. Es ist mein erster Tag hier und es ist schon so unglaublich viel schlimmes passiert. Wie soll ich das für 2 Jahre noch aushalten?
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
