Kapitel 31 (Caits Familie)

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Nach einer stundenlangen Hausführung durch das alte Bauernhaus, das von Tierställen zu Schlafzimmern umfunktioniert wurde, trudeln langsam meine kleinen Geschwister ein. Liam und Mason rennen mich beide fast vor Freude um als sie mich sehen, Nathe dagegen wird argwöhnisch gemustert. Die 11- jährigen Zwillinge tun sich noch immer schwer mit dem Umgang von fremden Menschen. Dafür ist Eli genauso herzlich zu ihm wie meine Mum. Meine 2 Jahre jüngere Schwester drückt mich fest an sich, bevor sie sich mit Nathe in ein Gespräch entwickelt. Ich bin etwas erstaunt darüber, dass sie mit Nathe einfach so auf einen Gesprächzweig kommt, Eli war noch nie außerhalb der Slums gewesen. Ich an ihrer Stelle hätte keine Ahnung, was ich mit so einem schnöseligen Typen bereden sollte.
Abigail und Chloe gab es von klein an nur im Doppelpack, obwohl sie keine Zwillinge sind. Abigail ist mit ihren 13 Jahren ein Jahr älter als ihre kleine Schwester, dennoch sind die zwei ein Herz und eine Seele. Sie gehen in die gleichen Klasse, haben die selben Freunde und Interessen und teilen sich ein Zimmer. Fehlt nur noch...
„Wo ist Lucy?", frage ich meine Mum, die gerade den Zwillingen die Matschhosen auszieht.
„In der Küche, sie kümmert sich um den Kuchen."
Natürlich. Lucy. Wie konnte ich sie nur vergessen.
Als ich in die kleine Küche reinkomme, steigt mir ein vertrauter Geruch von duftendem Gebäck in die Nase. Ich wette, es gibt den Apfelkuchen von Oma.  Lucy sitzt in ihrem Rollstuhl am Tisch und bestreut ihr Backwerk mit Puderzucker.
„Hey Lu", begrüße ich meine jüngste  Schwester, die bei der Erwähnung ihres Spitznamens überrascht aufschaut. Ihre hellen Augen beginnen sofort zu strahlen.
„Cucu", ruft sie erfreut aus und rollt in ihrem klapprigen Rollstuhl sofort auf mich zu. Mir steigen die Tränen in die Augen, als ich sie so sehe. Seit sie ein kleines Baby ist hat sie mit der Krankheit Paraplegie zu kämpfen, die dafür sorgt, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen kann.
„Ich hab mich schon gefragt, warum hier im Haus mehr Trubel ist als sonst. Was machst du hier?"
„Ich wollte euch einfach mal besuchen. Ich hab euch unglaublich vermisst.", gebe ich zu und streiche ihr sanft über das blonde Haar. „Und dich am Meisten."
Jetzt steigen auch ihr die Tränen in die Augen. Es klingt zwar unfair, aber für mich ist Lucy mein absolutes Lieblingsgeschwisterchen. Sie hat eine Unmenge Geduld mit allen, hilft so gut sie kann meiner Mum und hat einen schlaueren Kopf als wir alle zusammen.
„Mum hat erzählt, du hast Kuchen gebacken?", versuche ich uns abzulenken, bevor wir in einem Heulkrampf enden. Wie konnte ich nur meine Familie so lange nicht sehen? Erst jetzt wo ich da bin merke ich, wie sehr ich sie vermisst habe.
„Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, dann hätte ich gleich zwei gebacken." Lucy rollt zurück zum Esstisch. Ihr Rollstuhl sieht dabei aus, wie wenn er jede Sekunde auseinander brechen würde.
„Wie läufts in der Schule?", hacke ich nach. Da die Schulen in den Slums nicht ganz so einfach zu bewältigen sind wenn man keine zwei gesunden Beine hat, geben Mum und Dad ihr abwechselnd Heimunterricht. Früher hab ich das auch sehr gerne gemacht. Noch ein Grund, warum ich das Gefühl habe meine Mum in all ihren Pflichten alleine gelassen zu haben, seit dem ich hier nicht mehr wohne.
Lucy zuckt mit den Schultern und verdreht die Augen. „Du weißt doch wie Mama und Papa sind. Sie wollen mir ein Thema einen ganzen Tag erklären obwohl ich das schon beim durchlesen absolut verstanden hab. Ich bin nur körperlich behindert, nicht geistig."
Bei dem makaberen Witz muss ich schmunzeln.
„Du siehst so anders aus", sie mustert mich. „So schick und versnobt. Gehört der rote Ferrari dir?"
„Schön war's. Er gehört Nathan, er ist der Sohn von der Familie die mir das Stipendium ermöglicht."
Die Küchentür geht auf und eine Traube Menschen kommt in die viel zu kleine Küche. Unter ihnen Nathe, wie wenn er schon immer dazu gehört. Ihn hab ich ja fast vergessen vor lauter Wiedersehfreude.
„Wenn man vom Teufel spricht.", murmelt Lucy.
„Lucy! Das möchte ich nicht mehr von dir hören.", weißt meine Mutter die Jüngste ihrer Kinder zurecht. Aber das scheint Lucy egal zu sein, ihr skeptischer Blick liegt auf dem unbekannten Besuch.
Ich stelle mich neben Nathe. „Lucy, das ist Nathan Silver mein..." Meine stimme beginnt zu steigen. Ja... mein was?
„Mitbewohner.", beendet Nathe meinen Satz und lächelt auch sie mit seinem Bilderbuchlächeln an. „Freut mich dich kennenzulernen, Lucy ."
„Und ich hab mich schon gefragt, wieso der Ferrari im Hof ohne Schrammen ist, wenn Cait alleine hergefahren ist."
Jeder in der Küche beginnt zu lachen. Das ist einfach meine Lucy. Sie ist mit ihren 9 Jahren kaum älter als Maxi, aber unglaublich schlagfertig.
„Also Kinder, setzt euch hin, der Kuchen ist noch ein wenig warm. Eli, hol doch bitte die Zwillinge, die sind im Spielzimmer.", dirigiert meine Mum uns alle wie in alten Zeiten.
Nathe setzt sich neben mich auf die Holzbank. Ich spüre seine Anspannung und Vorsicht. Unbemerkt lege ich meine Hand auf seinen Schenkel, damit er sich entspannen kann. Der Kuchen wird in gleichgroße Stücke auf Tellern verteilt. Erst als Eli mit den Zwillingen da ist, beginnt meine Mutter mit einem Tischgebet. Nathe schaut sich überrascht um als wir alle die Hände falten und den Kopf mit geschlossenen Augen senken.
„Lieber, guter Vater im Himmel. Ich danke dir, dass du uns alles Nötige gegeben hast, um diese Tafel für alle zu füllen. Danke, dass unsere liebe Caitlin heute bei uns sein darf und der liebe Nathanael sie so treu begleitet. Segne unser Essen, unsere Gemeinschaft, dass wir in diesem Haus deinen Frieden ausstrahlen wollen. Keine Streiterei soll uns trennen, kein Böses Wort soll auf unserer Zunge liegen. Lass uns ganz in deiner Liebe zueinander sein.  Amen"
„Amen!", pflichten wir alle nach dem Gebet meiner Mutter bei. Ich schaue etwas verlegen zu Nathe, der zwar die Augen offen, aber den Kopf gesenkt hatte. Hätte ich ihn vorwarnen sollen, dass wir einen religiösen Haushalt haben?
Ich kann mir vorstellen, dass er sich eine 9 Köpfige Familie in den Slums anders vorgestellt hat. Wie wilde Tiere oder so ähnlich. Das Einzige, was wie wild abgeht sind die Gespräche. Jeder möchte von seinem Schulalltag erzählen, weswegen irgendwann ein buntes Gequatsche anfängt. Ganz im Vergleich zu den Silvers ist bei den Swans am Esstisch der richtige Platz zum reden und austauschen.
Plötzlich übertönt Maison das Gerede. „Dad und Jeremy kommen.", ruft er.
„Öffne ihnen doch die Tür, Schatz, sei so gut.", bietet meine Mutter und der Zwilling springt in seiner grünen Latzhose auf, um den zwei die Haustüre zu öffnen.
Ich merke, wie Nathe sich neben mir automatisch versteift. Er legt die Kuchengabel zur Seite und presst den Kiefer leicht aufeinander, den Blick auf die Küchentüre gerichtet. Das ihn nicht sein eigener Vater, sondern anderen Väter verunsichern ist mir bis jetzt noch neu. Vielleicht ist es auch die Nervosität vor dem ersten Treffen mit meinen zwei männlichen Familienmitgliedern.
Ich höre aus dem Flur Dads tiefes Lachen, was mein Herz sofort erwärmt. Mein Vater ist das komplette Gegenteil von Victor. Herzlich, aufgeschlossen, freundlich und definitiv in Problemsituationen kommunikativ. Als ich Jeremys schwarzen Lockenkopf durch die Türe sehe, klettere ich über Nathe hinter der Bank hervor und hechte auf ihn zu. Mein großer Bruder stellt sofort die Einkaufstaschen auf den Boden und drückt mich feste an sich. Er riecht nach Schweiß und dem feinen Kohlenstaub, den man automatisch mitbringt, wenn man in der Kohlenfabrik am anderen Ende der Slums arbeitet. Vielen Bewohnern der Ghettos bleibt nichts anderes übrig als sich dort Arbeit zu beschaffen, auch wenn der feine Staub sich mit jeder Stunde mehr auf ihre Lunge legt und ihnen das Atmen schwer macht.
„Wie ich rieche warst du heute beim arbeiten in der Grube", schmunzele ich und löse mich aus der Umarmung. Jeremy wuschelt mir durch die Haare, so wie er es schon früher immer gemacht hat.
„Gute Nase, Caity. Noch 57 Tage und dann bin ich raus aus dem Loch."
In den Slums ist es eine ungeschriebene Pflicht, dass die Jungs nach der Schule ein Jahr lang in der Kohlefabrik arbeiten, wenn sie noch keinen Job auf der anderen Flussseite haben und sich nicht beim Militär verpflichten wollen. Der Fakt, dass Jeremy die Tage bis zum letzten Arbeitstag zählt, sagt mir, dass er es dort nicht mehr so toll findet wie er es am Anfang behauptet hat.
„Jetzt bin aber ich dran." Papa schiebt seinen Erstgeborenen zur Seite und drückt mich so fest an sich, dass mir fast die Luft wegbleibt. „Ich hab dich vermisst, Stubsi.", flüstert er in mein Ohr und drückt mich noch näher an sich, falls das überhaupt noch möglich ist.
„Ich dich auch Dad.", versuche ich mir letzter Kraft raus zu bringen, was meinem Vater als Arzt nicht entgeht und er mir daraufhin wieder den nötigen Platz zum Atmen gibt. Dann richtet sich sein Blick auf den Esstisch und bliebt an Nathe hängen. Mir entgeht nicht seine Skepsis gegenüber unserem Gast, aber darüber legt sich schnell sein freundliches, offenes Gesicht.
„Ich hab mich schon gefragt, wer von meinen Kindern den Porsche vor dem Haus geklaut hat."
„Das ist ein Ferrari Dad!", korrigiert Jeremy ihn, der Nathe argwöhnisch begutachtet.
Nathe lässt sich davon nichts anmerken und steht auf, um dem Herrn des Hauses die Hand zu geben.
„Nathe Silver", stellt er sich vor.
Mein Vater ergreift freudig die Hand und zieht überrascht die Augenbrauen nach oben. „Du bist der Sohn von Victor Silver, nehme ich an? Bei denen Caitlin wohnen darf?"
„Ja, Sir.", bestätigt Nathe und wirft einen Blick zu mir. „Vom ersten Tag an, hat sie alle zuhause verzaubert."
Haha, welch große Lüge. Alle, außer ihn. Er war mehr als geschockt als er mich im Wohnzimmer mit Ivona gefunden hat.
„Ihr könnt euch auch am Tisch unterhalten, wir haben extra Kuchen übrig gelassen.", wirft Mum ein und deutet auf zwei dünngeschnittene Stücke, die sie vor meinen Geschwistern retten konnte.
Dad setzt sich wie gewohnt an das Tischende, Nathe und ich rutschen wieder auf die Bank.
„Und ihr zwei seit in einer Klasse?", hackt Dad nach, als er sich ein Stück Kuchen auf den Teller schöpft.
„Nathe ist eine über mir. Er macht dieses Jahr seinen Abschluss."
Mein Vater zieht erneut überrascht die Augenbrauen nach oben. „Abschluss also... und was hast du danach vor?"
„Ich werde noch eine Weile das Football Team trainieren und etwas reisen..."
„Das klingt gut... und danach?", hackt Dad nach.
Ich merke, wie Nathe sich leicht anspannt. „Danach werde ich in der Firma von meinem Vater arbeiten."
Ich umklammere die Kuchengabel etwas zu feste. Dass das ein heikles Thema ist, lässt sich Nathe allerdings nicht anmerken.
„So machen es Jeremy und ich auch." mein Dad klopft seinem Sohn stolz auf die Schulter. „Ich hab eine kleine Arztpraxis und sobald er aus der Kohlefirma entlassen ist wird er mir helfen können."
Von klein auf hat Dad uns vieles über die Medizin und den menschlichen Körper beigebracht. Jeremy hätte auch die Chancen gehabt seine Schulbildung außerhalb der Slums fortzuführen, wenn er in seiner Jugend nicht eine rebellische Phase gehabt hätte. Zu oft musste die Polizei ihn zu uns nach Hause bringen. Zu oft hatte er Anzeigen wegen Körperverletzung. Diesen Lebensabschnitt hat er hinter sich gelassen als Lucy geboren wurde. Da hat verstanden, wie wichtig es ist für die Familie da zu sein.
Jeremy schaufelt sich eine beladene Gabel in den Mund bevor er spricht. „Dann kann ich Dad rumkommandieren."
„Ha!", mein Vater lacht auf. „Da kann ich dir mal zeigen wie es ist richtig zu arbeiten. Nicht nur so ein bisschen Kohle umherschieben, sondern am Menschen dran sein, das ist das spannende. Den Notbedürftigen zu helfen, die Welt zu einem besseren Ort machen..." So wie immer wenn Dad über seinen Job redet fängt er an wie aus einem Roman zu reden. Diese Moralpredigt habe ich schon tausendfach gehört.
„ Kannst du mit uns Fußball spielen?", wirft Liam in die Runde und rettet mich vor der Fortsetzung des Romana. Die Augen des sonst so stillen Zwillings strahlen. Auch Maison ist sofort Feuer und Flamme.
Nathe schaut mich fragend an, wie ein kleines Kind, das fragen muss, ob er draußen spielen darf.
„Von mir aus, geht nur.", lache ich, glücklich, dass sogar die Zwillinge positiv auf Nathe reagieren.
„Geht ihr doch alle raus, Cait und ich machen die Küche.", beschließt mein Vater. „Lucy war heute sicher noch nicht draußen, geht eine Runde Spatzieren und lasst mir ein wenig Ruhe mit meiner Tochter."
Das liebe ich an meinem Dad. Er schenkt einem genau die Aufmerksamkeit die man braucht, auch bei so vielen Kindern. Und er sieht die Arbeit im Haus und ist sich nicht zu fein dafür.

In weniger als 5 Minuten ist das Haus leer. Aus dem Küchenfenster kann ich die Zwillinge und Nathe im Garten Fußballspielen sehen. Die Mädels sind mit Mum draußen, eine kleine Runde spazieren so wie es Dad vorgeschlagen hat.
„Scheint ein netter Junge zu sein." Dad beginnt die Teller im Waschbecken abzuwaschen und lächelt vor sich hin.
„Er ist ganz okay.", versuche ich so neutral wie möglich zu sagen.
„Caitlin!" Dad beginnt zu lachen. „Tu nicht so, als wäre da zwischen euch nichts. Nicht vor mir."
Wieder einmal bin ich von Dads Feingespür überrascht, obwohl es mir unangenehm ist, darüber zu reden. Ich weiß selber nicht was da ist. Und jetzt auch noch die Sache mit Sophie... das wäre zu kompliziert zu erklären in der kurzen Zeit.
„Woher weißt du...?", beginne ich meine Frage, will sie aber gar nicht beenden. Aber Dad weiß genau was ich meine.
„Die Art, wie er dich angeschaut hat. Als er dich um Erlaubnis gefragt hat, mit den Jungs draußen Fußball spielen zu dürfen. Deine Meinung ist ihm wichtig. Und er hat dich hier her gefahren. Da hab ich eins und eins zusammen gezählt."
Ich ziehe ein Handtuch aus dem Schrank neben der Küchenzeile und trockne die gewaschenen Teller ab.
„Es ist...kompliziert..."
Aber wieder scheint Dad mich zu verstehen. „Das ist es immer, Cait. Aber, wenn Gott ihn in deinem Leben haben will, dann wird er es dir deutlich zeigen. Gib nicht auf, nur weil DU denkst, er ist nicht der Richtige."

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