Kapitel 10 ( Nathes Tagebuch)

74 3 0
                                        

Ich weiß nicht, was in Mr. Silvers Büro besprochen wurde und eigentlich ist es mir auch egal. Ich versuche mich wirklich so wenig wie möglich einzumischen. Nathe interessiert sich nicht für mich, also interessiere ich mich auch nicht für ihn. Das es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, ist mir sehr bewusst und tief in mir möchte ich als Peoplepleaserin den Streit in dieser Familie schlichten. Aber der reicht auf so tiefen Ebenen die mir noch nicht bekannt sind, dass ich nur mein Stipendium aufs Spiel setzen würde, wenn ich weiterhin meine Nase in Dinge stecke, die mich nichts angehen. Außerdem muss ich mich auf meine schulische Laufbahn konzentrieren und mein Ziel, eines Tages an der Harvard studieren zu können. Für so reiche Leute wie die Silvers ist es kein Problem durchschnittliche Schulnoten mit Geld wieder wett zu machen. „Wer Geld hat, kann auch studieren, egal wie eingeschränkt er ist", pflegt mein Vater immer zu sagen. Er selbst hat es durch schulische Bestnoten sehr weit geschafft, sodass er jetzt eine Arztpraxis in den Slums hat. Schon als Kind war es deswegen mein Held, umso mehr möchte ich in seine Fußstapfen treten um den Menschen an der Armutsgrenze so gut zu helfen, wie er es mir vorlebt. Und daher lasse ich mich für nichts und für niemanden von meinem Weg abbringen, schon gar nicht von einem arroganten Schnösel wie Nathan Silver.
Während ich nach dem Essen in mein Zimmer verschwinde, drängen sich Millionen Fragen wieder laut in den Vordergrund, sodass ich sie unmöglich überhören kann.
Als Victor seinen Sohn ins Büro zitiert hat, haben alle am Tisch den Eindruck gemacht, als wüssten sie genau was abgeht. Und das es nichts erfreuliches sein kann, wenn alle angespannt dasitzen und sogar Nathe kleinlaut wird. Wieso regelt das keiner mit der Polizei? Zählt das als unterlassene Hilfeleistung? Warum geht Nathe nicht selbst hin und zeigt ihn an wegen Körperverletzung? Wie kann Ivona, als seine Mutter, das zulassen? Oder Sally, als seine Schwester. Auch Berta und Alfred müssen doch davon Wind bekommen haben. Oder Freddy. Irgendwas wird hier nicht mit rechten Dingen gespielt.

Ein Klopfen an der Türe bringt mich in die Realität zurück. Da ich einfach nur ihm Raum stehe, völlig weggetreten, setze ich mich schnell an den Schreibtisch um so zu tun, als wäre ich gerade beschäftigt.
Wenn das Nathe ist der wieder bei irgendwas Hilfe braucht, dann soll er sich jemand anderen zum Ausnutzen suchen. Er kann mich nicht behandelt wie das letzte Stück Dreck aber dann um Hilfe bitten, wenn er mich gebrauchen kann. Da spiele ich nicht mit.
„Hey... störe ich?" Erleichtert atme ich durch als ich Sallys Stimme höre.
Ich stehe von meinem Schreibtisch auf und schüttele lächelnd den Kopf: „Alles gut, ich bin nur grad bei meinen Schularbeiten."
„Okay...ähm", beginnt Sally und tritt in mein Zimmer ein. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt das Wochenende über bei einer Freundin in Los Angeles bin. Ich werde morgen bei dem Fest nicht da sein."
„Dem Fest?", frage ich verdutzt.
„Jedes Jahr ist eine Gala hier bei uns Zuhause, ein rießen Akt... wichtige Leute kommen, meine Eltern präsentieren ihre stolzen Firmen und ihre Kinder bla bla bla... ich hab da einfach keine Lust drauf. Dieses aufgesetzte Lächeln, die perfekte Familie zu spielen... ich wollte dir nur sagen, wenn du ein Kleid für morgen Abend brauchst, ich habe ein paar im Keller die nicht meiner Standartfarbe entsprechen."
„Ich soll da morgen hingehen?", frage ich überrascht und in mir steigt leichte Panik hoch. Auf ein Fest in der Schiki– Miki Welt bin ich nicht vorbereitet. Ich kenne weder den Ablauf, noch die Personen oder den Anlass, geschweige denn die Tischmanieren.
„Meine Eltern werden sicher darauf bestehen, dass du kommst. Du bist auch etwas, mit dem sie vor all ihren Freunden angeben wollen." Sally schenkt mir einen entschuldigenden Blick und setzt sich auf mein Bett. „Es tut mir leid, dass ich dich damit so alleine lasse... ich kann Nathe fragen, ob er dich mitnimmt, dich den anderen vorstellt, dir alles erklärt und so..."
Ich kann ihre Gewissensbisse deutlich in ihrem Gesicht ablesen, aber ich kann nicht von ihr verlangen, dass sie wegen einem Fest oder gar wegen mir ihre Reise verschiebt. Innerlich seufze ich seeehr lange auf.
„Ach, mach dir keine Sorgen, ich bekomm das schon irgendwie hin.", versuche ich ganz entspannt zu sagen und schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln. Sally beißt sich schmunzelnd auf die Lippen und umarmt mich fest.
Ich sollte Hollywood nach einem Schauspielervertrag fragen, mit meinen neuen Künsten, anderen das Glauben zu lassen, was sie hören wollen... kaum ist man eine Woche in dieser neuen Welt, fängt man schon an sich zu verstellen.

Between two worlds Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt