Seit dem letzten Gespräch mit Nathe vor 5 Tagen hab ich ihn nur zwei mal in der Schule gesehen. In der Villa haben wir es immer geschafft uns aus dem Weg zu gehen. Berta lies so einen Satz fallen, von wegen, dass es nicht ungewöhnlich nach Auseinandersetzungen sei, dass er sich für ein paar Tage nicht blicken lässt. Wo genau er war wusste sie nicht aber das war mir ehrlich gesagt auch egal, ich war froh ihn erst mal nicht sehen zu müssen, so konnte ich mich wieder ganz auf mich konzentrieren.
In der Schule wurde der Stoff gehörig angezogen und das Haus beschert mir jeden Tag stundenweise Arbeit. Ab und zu war ich abends bei Feli um mit ihr einen Girlsabend zu machen, telefonierte mit meiner Familie und plante das nächste Wochenende sie zu besuchen. Aber keinem hab ich erzählt was am Montag im Fitnessraum vorgefallen war. Feli fragt mich zwar über jedes Detail das ich über die Familie wissen könnte aus, aber diese Sache muss ich für mich behalten. Das geht niemanden was an. Außer der Polizei. Ich habe mir geschworen bei einem weiteren Vorfall werde ich ohne Umwege zur Polizei gehen, egal was für Konsequenzen das mit sich bringt.
Mein Wecker klingelt erbarmungslos laut um Punkt 9 Uhr. Mürrisch presse ich mein Kissen über den Kopf. Fürs Wochenende ist mir das viel zu früh. Wie ich gestern von Sally erfahren habe, ist Samstag das Frühstück mit allem Silvers zusammen um 9:30 Uhr. Eigentlich eine schöne Familientradition, wenn nicht die Familie untereinander so verkorkst wäre. Fairerweise muss ich zugeben, dass die letzten Tage entspannter waren , weil Nathe früh zur Schule ging und erst spät abends nach dem Training nach Hause kam und sich durch den kurzweiligen Aufenthalt keine Konflikte zwischen ihm und seinem Vater ergeben konnten. Allerdings weiß ich von Berta, dass heute morgen alle da sind, weil Ivona ausführlich darum gebeten hatte. Sie versuchte mit aller Mühe die Familie zusammenzuhalten. Aber geht nur soweit, wie ich die Vase aus dem Fitnessraum zusammengeklebt hätte, egal wie gut der Kleber ist, wenn es einmal kaputt ist, werden die Risse immer zu sehen sein.
Ich gehe schnell duschen und stelle mich dann vor den Kleiderschrank, der für das bisschen Kleidung das ich besitze viel zu groß ist. Ich ziehe mir eine blaue baggy Jeans raus und ein bauchfreies, schwarzes Longarmshirt. Ich beschließe meine Haare Lufttrocknen zu lassen, dann kommen kleine Wellen rein, die gefallen mir seit dem ich Feli und ihre Korkenzieherlocken kenne sehr gut. Als ich auf die Uhr schaue ist es 9:23, also mache ich einen letzten Spiegelcheck um sicher zu gehen, dass kein Schlafsand in meinen Augen ist und sprinte den Gang hinunter die Treppe nach unten, durch die Eingangshalle direkt zur Küche.
Zu meiner Überraschung steht Ivona am Herd und bereitet Pancakes zu.
„Guten Morgen Caitlin", begrüßt sie mich freundlich. Wie immer hat sie ein farbenfrohes, enganliegendes Kleid mit passenden Absatzschuhen an. Neben ihr fühlt man sich wohl immer underdresst.
„Kann ich dir bei was helfen?"
„Das ist sehr lieb von dir. Das Samstagfrühstück mache ich immer alleine, da es Bertas und Alfreds freier Tag ist. Aber ich freue mich über Unterstützung, der Tisch müsste noch eingedeckt werden. Wir können draußen Frühstücken."
Also schnappe ich mir die schönen Frühstücksteller, das Silberbesteck und die goldverziehrten Tassen und balanciere damit aus der Küche.
Die Terassentüren sind geöffnet, von weiten kann man einen Rasenmäher zwischen dem Vogelgezwitscher raushören. Wahrscheinlich sind Freddy und seine Gärtnerkollegen schon am Arbeiten. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und Frühling. Leise Klaviermusik im Hintergrund verschönert den Moment.
Ich atme die frische Luft tief ein, bevor ich mich ans Tisch decken mache.
„Guten Morgen Caitlin."
Überrascht Dreh ich mich um. „Ahhh, guten Morgen Freddy. Hast du wieder schöne Blumen gepflückt?"
„Für so eine schöne Frau müssen doch die passenden Blumen an den Tisch.", schmeichelt er mir und stellt sie in eine Vase.
Ich habe Freddy erst vor ein paar Tagen kennengelernt, aber selten war mir jemand so schnell sympathisch wie er.
Er ist Florist und Gärtner, wohnt am Rande der Stadt und arbeitet für die Familie schon seit 2 Jahren. Außerdem hat Sally ein Auge auf ihn geworfen. Mit der sonnengebräunten Haut und den strahlenden Augen kann ich verstehen was sie an ihm findet. Und dazu kommt noch sein spanischer Akzent, der ihn sofort sympathisch macht.
„Guten Morgen ihr zwei", Sallys stimme klingt etwas höher und schüchterner als sonst.
„Miss Borrow.", begrüßt er sie ebenfalls mit einem freundlichen Nicken und lenkt danach den Blick sofort wieder auf mich. „Ich muss los, haben einiges zu tun. Vielleicht bis heute Mittag ?"
Ich lächel und nicke ihm zu, wobei ich mich unwohl fühle, da Sally das Ganze mitbekommt.
„Ach Cat, er sieht mich gar nicht.", jammert sie als Freddy über die Terasse zurück ins grüne Territorium der Silvers eilt. Traurig lässt sie sich auf einen der Gartenstühle fallen und stützt ihren Kopf auf beiden Armen ab
„Natürlich sieht er dich", versuche ich sie aufzumuntern aber ernte dafür nur einen Ja–Ja Blick.
„Freddy ist mega in dich verschossen", seufzt sie. „Und ich kann es ihm nicht mal übel nehmen."
Langsam zucke ich mit den Schultern: „Vielleicht musst du ihm zeigen, was du wirklich fühlst..."
Sally reibt sich verzweifelt über die Augen sodass ihre schwarze Schminke leicht verschmiert: „So was kann ich nicht."
„Es gibt etwas, das Sally Borrow nicht kann?", frage ich rhetorisch und lege ihr eine Hand auf die Schulter. „Wer dich nicht will muss blind und dumm sein. Freddy denkt nur, dass er bei dir keine Chance hat. Beweis ihm das Gegenteil und du bist und bleibst seine Nummer eins."
„Nummer eins hört sich gut an.", höre ich hinter mir die Stimme von Mr. Silver, die mich zusammenzucken lässt. Schnell drehe ich mich um und sehe ihn mit einem verschlafenen Maxi auf dem Arm.
„Tut mir leid, Mädels, ich wollte euch nicht erschrecken.", lacht er und setzt den Kleinen auf seinen Platz. „Über was habt ihr gesprochen?"
„Darüber, dass ich mal wieder die Nummer eins bei der Schülersprecherwahl bin.", rettet Sally die Situation. Anerkennend nickt Mr. Silver. „Sehr gut Sally. Das kommt bestimmt gut in deiner Bewerbung fürs Collage."
Ivona kommt mit zwei dampfenden Tellern Pancakes rein und stellt sie auf den Tisch. Ohne Berta und Alfred wirken die Silvers wie eine ganz normale Familie. Frühstücken im Schlafanzug an einem Samstag morgen mit guter Laune.
„Sally, Schatz, würdest du bitte deinen Bruder holen?", fragt Ivona freundlich und drückt Maxi einen Guten Morgen–Kuss aufs Haar. Der Emo zückt ihr Handy aus der Jogginghose und ruft ihn an. Meine Mutter wäre entsetzt, würde ich meine Geschwister übers Handy anrufen, statt schnell in ihr Zimmer zu gehen. Aber Ivona scheint das nicht mal zu bemerken.
Nach dem dritten Klingeln geht Nathe mit genervter Stimme ran: „Was!"
„Wir Frühstücken jetzt",
Nach einer kurzen Funkpause wird der Anruf von ihm beendet. Ich registriere, dass das Klavierspielen im Hintergrund verstummt. Hat er Klavier geübt? Das die Medicin nicht nur Wert auf gute Noten und Sport legt ist mir klar, auch Musik spielt eine wichtige Rolle. Jedes halbe Jahr werden aus jeder Klasse ausgewählte Schüler zu dem internationalen Musikwettbewerb nach New York geschickt. Noch nie hat allerdings ein Schüler aus unserer Schule gewonnen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Nathe zu den Schülern gehört, bis zum jetzigen Zeitpunkt wusste ich nicht mal, dass er mehr spielen kann als nur Football.
„Nicht mal die Uhr kann er lesen", motzt Mr. Silver und holt sich mit der Gabel den ersten Pancake. „Nichts ist unprofessioneller als Verspätung. Wenn der Junge erst mal bei mir arbeitet, wird sich das gehörig ändern!"
„Er war halt am üben", versucht ihn Ivona zu verteidigen. Ihr Mann verdreht genervt die Augen. Er steigert sich wieder in eine normale Situation völlig grundlos rein. „Üben. Für was braucht er Klavierspielen. Der soll sich auf andere Sachen konzentrieren, auf seine Schulnoten, Pflichten für die Familie, Pünktlichkeit ..."
„Sorry, hab die Zeit vergessen", unterbricht Nathe mit kühlem Ton seinen Vater als er ins Esszimmer reinspaziert. Er würdigt mich keines Blickes, setzt sich und greift nach dem Essen, bevor er in die Runde schaut. „Hier ist ja mal wieder Bombenstimmung", sein Blick bleibt an seinem schlecht gelaunten Vater hängen. Geduldig verteilt Ivona die Pancakes und beginnt sie nach Maxis Anweisungen mit den Toppings die auf dem Tisch stehen zu belegen.
„Henry hat mich vorhin angerufen.", richtet sich seine Stiefmutter an Nathe „Das Shooting wird vorgezogen, auf 14:30 Uhr"
Nathes mit Pancake beladene Gabel bleibt auf halber Strecke stehen. „Hab Training"
Victors Hand knallt auf den Tisch und lässt alle Versammelten zusammenzucken und mich beinahe aufschreien. Es schockt mich nicht mehr so wie an meinem ersten Tag, trotzdem bleibe ich völlig versteift sitzen. „Nathanael, wenn deine Mutter sagt, du hast einen Termin, dann gehst du auch gefälligst da hin! Nehm deine verdammten Pflichten endlich mal ernst!"
Wie wenn er ihn nicht gehört hat, isst Nathe seelenruhig weiter. „Hätte Henry seinen Job gemacht und sein Zeitmanagement unter Kontrolle..."
„Nathan Schatz, das ist sehr wichtig für die Firma", unterbricht ihn Ivona bittend.
Wütend knallt Nathe das Besteck auf den Holztisch. Der nächste laute Knall heute morgen der mich zusammenzucken lässt. „Und Football ist wichtig für mich, Ivona! Ich bin der verdammte Captain, ich muss das Training und das Team leiten. Siehst du dich wirklich in der Position deine eigenen Bedürfnisse über meine zu stellen? "
Innerliche ziehe ich scharf die Luft ein. Die Spannung in dem Raum ist kaum zum Aushalten und ich würde am liebsten einfach aufstehen und gehen.
„Es geht ein Millionendeal verloren."
„Und wir könnten den Landespokal verlieren. Die Medicin war noch nie so nah am landesweiten Sieg wie in diesem Jahr."
Jetzt ist es Victor der das Besteck auf den Tisch knallt.
„In mein Büro.", donnert die Stimme von Victor durch den Raum, der wütend aufsteht und das Zimmer verlässt.
Nathes Blick geht zu seiner Stiefmutter, die auf ihr Essen schaut, ohne jegliche Regung. Auch Sally und Maxi haben aufgehört zu Essen und werfen sich einen mir undefinierbaren Blick zu.
„Ivona, ich...", beginn Nathe zaghaft und legt sanft sein Besteck auf den vollen Teller ab. Aber sie schüttelt nur den Kopf ohne ihn anzusehen.
„Geh, bevor es noch schlimmer wird."
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Between two worlds
Romance„Du schuldest mir was, Swany!" Wie ich diesen dämlichen Spitznamen hasse! Verständnislos lache ich auf: „Man kann sich also nicht mal mehr untereinander helfen, ohne einen Hintergedanken zu haben?!" Nathan Silver kommt schmunzelnd auf mich zu und r...
